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Nach einer Stunde strandeten wir am unteren Ende des Kurfürstendamms, wo ich eine Parklücke fand und wir in einer Bank unser Begrüßungsgeld abholten. Dann liefen wir auf dem Ku’-damm herum, verloren in den Nebenstraßen die Orientierung und landeten auf einer anderen großen Straße mit vielen Geschäften. Dort betraten wir unter Michaelas Führung einen Buchladen, in dem mehrere Stapel eines Romans341 von Umberto Eco vom Fußboden emporwuchsen. Lachen mußte ich, als ich vor einem Supermarkt diese überdimensionierten Einkaufskörbe auf Rädern sah.342 Prompt weckten sie in mir die Lust, einen Vorrat zu erhamstern, um dann tagelang das Haus nicht mehr verlassen zu müssen.

Später fanden wir uns in einem Kaufhaus wieder, in dem es viel zu warm war und wir, unsere Sachen überm Arm, von Etage zu Etage liefen, als suchten wir etwas Bestimmtes. Wir trennten uns für eine Dreiviertelstunde, als Michaela auf die Idee kam, einen Jugendweiheanzug für Robert zu kaufen. Sie händigte mir zwei Fünfzig-D-Mark-Scheine aus und schob Robert vor sich her zur Rolltreppe.

Ich sah ihnen nach, ich hatte keine Lust, eine Dreiviertelstunde allein zu bleiben. Ich dachte: Du bist frei, so frei wie nie zuvor in deinem Leben.343 Mitten in Westberlin konnte ich tun und lassen, was mir beliebte.

Am interessantesten fand ich die Haushaltswaren, die Kaffeemaschinen, Töpfe, Bestecke und Korkenzieher, aber es gab auch Utensilien, deren Bestimmung ich gern erfragt hätte. Ich wollte mir unbedingt etwas kaufen. Etwas für mich allein. Plötzlich hatte ich die fixe Idee, das Geld wäre verloren, wenn ich es nicht sofort ausgäbe. Jedenfalls suchte ich händeringend nach dem idealen Objekt. Glaubte ich, mich entschieden zu haben, verlor ich bereits im nächsten Moment das Zutrauen. Mal sollte es eine chinesische Teekanne sein, mal eine Windjacke. Mit einem Walkman stand ich bereits an der Kasse, als ich wie einer, der kein Deutsch spricht, gequält-bedauernd den Kopf schüttelte, den Walkman weglegte und floh. Wären Michaela und Robert pünktlich gewesen, hätte ich mit leeren Händen dagestanden. Dann aber, angelockt von einer Menschentraube, begann ich wie die anderen einen quadratischen Kasten voller Handschuhe zu durchsuchen. Ob groß oder klein, alle kosteten dasselbe. Zuerst versuchte ich, in möglichst unberührte Regionen vorzudringen, und fischte auf dem Boden, förderte aber nur Plunder zutage, Kinderhandschuhe oder einzelne Exemplare, von denen mir einer aus schwarzem Leder wie angegossen paßte. Ich behielt ihn an und suchte nach dem zweiten, doch vergeblich. Schließlich überwand ich meinen Widerwillen und zog auch jene in Betracht, die gerade von anderen zurückgeworfen worden waren. Das Anprobieren bereitete Schwierigkeiten, weil die Handschuhe paarweise auf Höhe der Handgelenke aneinandergenäht waren. War das Kunststück vollbracht, hatte man sich selbst gefesselt. Ich entschied mich für ein dunkelblaues Paar mit rotgrünkariertem Futter und lief, wie in Handschellen geschlagen, zur Kasse.

«Ich denk, du magst keine Handschuhe«, sagte Michaela.»Weil ich keine hatte«, sagte ich. Robert trug eine Plastetüte, die so geschickt geschnitten war, daß es nicht hineinregnen konnte. Michaela eröffnete mir, nur noch eine D-Mark zu besitzen, dafür aber seien wir die Sorge um Roberts Jugendweiheanzug los.

An einem Imbißwagen spendierte ich uns Currywurst. Das verbesserte die Stimmung.

Danach wählte ich Veras Nummer. Zum ersten Mal benutzte ich ein Tastentelephon und fühlte mich wie in einem Film. Ich stieß die Zellentür wieder auf und fragte, wo wir hier überhaupt seien. Michaela lief los, ein Straßenschild zu suchen.

Veras Telephon hatte einen Anrufbeantworter, darauf klang sie so steif, als würde sie ausschließlich von wildfremden Leuten angerufen. Ich war überzeugt, sie werde den Hörer abnehmen, sobald sie meine Stimme erkannte. Ich sagte ein paarmal» Hallo!«und daß wir gern einen Kaffee bei ihr trinken würden. Ich rief im Laden an, der Mann auf dem Anrufbeantworter, wahrscheinlich Nicola, sagte auf deutsch, daß man Nachrichten nach dem Signalton hinterlassen könne, danach hörte ich vermutlich das gleiche auf arabisch und französisch.

Von der Frau im Imbißwagen ließen wir uns den Weg in den Wedding erklären.

Als wir die Malplaquetstraße gefunden hatten, war es bereits dunkel. Zuerst übersah ich Veras Schild auf dem Klingelbrett, weil Türmer hinter Barakat stand.

«Sie wohnen im Hinterhaus«, sagte Michaela, eine Tatsache, die auch mich enttäuschte. Als ich Schritte hinter der Haustür hörte, glaubte ich, es sei Vera. Die kleine Frau, von der man nur das Gesicht sah, würdigte uns keines Blickes und entfernte sich in ihrem knöchellangen Gewand wie eine Aufziehpuppe. Der etwas heruntergekommene Hausflur war vollgestellt mit Kinderwagen und Fahrrädern, die Hoftür besprüht, die Beleuchtung schwach.

Wir mußten in den vierten Stock. Es war niemand da, aber für mich war es schon etwas Besonderes, ihre Tür und ihren Abtreter zu sehen.

Auf die Rückseite von Roberts Anzugrechnung schrieb ich: Viele Grüße, Deine Altenburger. Ich faltete die Rechnung zusammen und steckte sie in den Türspalt.

Michaela fragte, ob ich Robert und sie zu» Batman «einladen würde.

Vor einem Kino in der Nähe des Bahnhofs Zoo setzte ich die beiden ab und machte mich auf die Suche nach einem Parkplatz. Während dieser endlosen Odyssee verlor ich mehrmals die Orientierung. An dem Film lag mir nichts, den Anfang zu verpassen versetzte mich jedoch in Panik, ich fürchtete, die beiden würden auf mich warten. Jede Parklücke erwies sich als zu klein. Ich konnte von Glück reden, daß nichts passierte, denn ich überfuhr bei Rot einen Fußgängerüberweg. Schließlich war ich gerade zur Stelle, als jemand abfuhr. Ich parkte mit einem Hinterrad auf dem Fußweg. Die kalte Luft tat gut. Das Benzin roch in Westberlin tatsächlich wie herbes Parfüm.

Die Frau an der Kasse sagte zu meiner Überraschung, ich käme gerade rechtzeitig.

Michaela und Robert saßen nahe am Eingang. Wegen der Sessel glaubte ich zuerst, wir hätten Logenplätze. Gleich darauf ging das Licht an, und Michaela lachte auf, weil ein Verkäufer neben uns erschien, der genau das Eis anbot, das wir eben in der Reklame gesehen hatten. Mir wollte es nicht in den Kopf, daß man in solchen Sesseln Eis essen durfte, noch dazu im Dunkeln. Eine einzige Kinokarte plus Eis, überschlug ich anhand des Restgeldes, kostete soviel wie meine Handschuhe.

Nach der Vorstellung war Robert vollkommen glücklich, und Michaela schien es auch zu sein. Auf dem Stadtplan, den Michaela von der Kassiererin geschenkt bekommen hatte, sahen wir, wie einfach es war, zur Autobahn zu kommen. Robert hatte seinen Kassettenrecorder angeworfen und gab uns, begleitet von Milli Vanilli und Tanita Tikaram, eine komplette Inhaltsangabe des Films, als hätten wir ihn nicht gesehen. Anschließend mußte jeder seine Lieblingsszenen aufzählen. Michaela dirigierte mich. Fünf Minuten später erreichten wir die Autobahn, dahinter leuchtete der Funkturm. Ich fädelte mich in den Verkehr ein. Nach ein paar hundert Metern wechselte ich auf die mittlere Spur.