Michaela rief, ich solle aufpassen und nicht so schnell fahren, das sei doch Wahnsinn.»Wie denn?«rief ich.»Was soll ich denn machen?!«Ich wollte bremsen, wagte es aber nicht! Neben uns, vor uns, hinter uns — wir rauschten mit ihnen dahin, so schnell wie nie zuvor im Leben, eine rasende Meute, und wir mittendrin. Ich versuchte den Sicherheitsabstand zu vergrößern, doch sofort schoß von der Nebenspur ein Auto hinein und verschlimmerte meine Not. Mir blieb keine Wahl, ich mußte so fahren wie die anderen. Da aber alle das Tempo hielten, konnte es nicht so gefährlich sein, jedenfalls nicht so sehr, wie wir fürchteten. Allmählich beruhigte ich mich.
Als der Abzweig zum Flughafen kam, war mir klar, wir fuhren nicht nach Süden, sondern nach Norden. Auch Michaela hatte den Irrtum bemerkt. Sie streckte die Beine aus und suchte nach einer bequemen Lage. Robert war verstummt und sah, die Ellbogen auf unseren Rückenlehnen, nach vorn.
Wir rasten also dahin, durch die weiten Kurven und die Tunnel — ein bißchen wie Achterbahn. Statt bis nach Hamburg zu fahren, folgte ich dem Schild, das die letzte Ausfahrt vor der Grenze anzeigte, und kehrte um. Jetzt hatten wir ein noch längeres Stück dieser Asphaltautobahn vor uns. Im Radio unterbrachen sie selten die Musik.
Während der Rückfahrt dachte ich fortwährend ans Meer, sah Schiffe über den Ozean fahren und zählte mir Hafenstädte auf: Hamburg, Hongkong, Valparaiso, New York, Helsinki, Vancouver, Genua, Barcelona, Leningrad, Istanbul, Melbourne, Alexandria, Odessa, Singapur, Auckland, Marseille, Rio de Janeiro, Kapstadt, Aden, Bombay, Rotterdam, Venedig. Ich sah Schiffe, Ozeanriesen, die an girlandengeschmückten Kaimauern anlegten. Der Radioempfang war schlechter und schlechter geworden, doch auf Mittelwelle hielt sich ein Sender: Musik und Worte klangen gleichermaßen zauberhaft und fern, ich sah Terrassen über der Stadt mit Ausflugsgästen und Lampions und Feuerwerk. Ich fuhr bereits in einer unbekannten Weltgegend. Wie Jim, der Sklave aus Huckleberry Finns Abenteuern, glaubt, in der Ferne die Lichter von Kairo und den Pyramiden zu erblicken, so hätte ich mich nicht gewundert, wenn plötzlich ein Hinweisschild nach St. Louis oder New Orleans erschienen wäre.344
Ich weiß nicht mehr, was ich sah, als ich den Wagen durch Leipzig steuerte. Das erste, woran ich mich wieder erinnere, ist Michaelas Handbewegung, die vom Lichtschalter im Flur direkt zu meiner Stirn führte.»Du hast ja Fieber!«sagte sie und präsentierte mir den Schweiß an ihren Fingerkuppen.
«Ich bin krank«, antwortete ich.
«Schrei doch nicht!«sagte sie.
«Ich bin krank!«wiederholte ich und flüsterte es gleich darauf noch einmal, als dürfte ich es nicht vergessen.
«Ich bin krank «war genau jene Formel, nach der ich in den letzten Wochen vergeblich gesucht hatte. Eilig wusch ich mir Gesicht und Hände, zog mich aus und legte mich ins Bett, um endlich all die Schiffe und Städte ausgiebig und ungestört bewundern zu können.
Als ich am nächsten Tag erwachte, war ich allein in der Wohnung. Ich hatte das Gefühl, Stunden zu brauchen, bis ich genug Willenskraft gesammelt hatte, um die Liege in meinem Zimmer mit einem Leintuch zu beziehen sowie Kopfkissen und Decke aus dem Schlafzimmer hinüberzutragen. Ich wußte, daß dies für lange Zeit meine letzte Arbeit gewesen sein würde, und schloß die Augen.
Damit ist eigentlich alles gesagt. Denn meinen Zustand zu beschreiben ist unmöglich. Worte reichen nicht an ihn heran.
Liebe Nicoletta, jetzt, im nachhinein, schreibe ich Ihnen von sicheren Gestaden. Wer seine eigenen Abenteuer erzählen kann, ist nicht dabei umgekommen, eine Gewißheit, die eigentlich alles auf den Kopf stellt. Außerdem bleibt die Logik des Traums dem wachen Auge verborgen, so wie Sonnenlicht den Film löscht.
Wenn mir die notwendige sensibilità für die Welt abhanden gekommen war — Signore Raffalt345 findet in Lektion 14 keine deutsche Entsprechung dafür, um sie jedoch einen Satz später kühn mit» Resonanzfähigkeit «zu übersetzen —, so nicht, weil ich taub, stumpf oder apathisch geworden wäre, sondern einfach, weil mein Ich zerbrochen war. Mich gab es nicht mehr.
Verstehen Sie mich, Nicoletta? Alles, was mich seit meinem ersten Arkadiensommer ausgemacht hatte, was mich interessiert, was mich wach und am Leben gehalten hatte, war in den letzten Wochen und Monaten gegenstandslos geworden.
Die unermeßliche Leere, die an meiner Statt existierte, entsprach ganz der endlosen, gewaltigen Zeit, in der sie schwebte. Ich staunte, welche Unendlichkeit ein Tag in sich barg. Nein, so einfach war es nicht. Ich lag im Bett, stand nur auf, wenn ich aufs Klo mußte, und trank von dem Tee, den mir Michaela morgens und abends ans Bett stellte. Ich schlief ein und erwachte, schlief ein und erwachte und wunderte mich, wo Robert blieb, warum er nicht aus der Schule kam. Doch nicht nur er, auch Michaela verspätete sich mehr und mehr. Je länger ich wartete, um so wahrscheinlicher, ja unausweichlicher schien irgendein Zwischenfall zu sein, vielleicht sogar ein Unfall. Als ich mich endlich entschlossen hatte, meine Armbanduhr vom Schreibtisch zu holen, war sie auf halb zehn stehengeblieben. Durch meine Berührung kam sie wieder in Gang. Später, draußen war es immer noch hell, schaffte ich es bis in die Küche. Die Uhr über der Tür zeigte zwanzig vor elf, genau wie meine Armbanduhr! Ich lag im Bett und staunte, was aus Minute und Stunde geworden war, zu welchen Monstern sie sich entwickelt hatten. Mit Hohn dachte ich daran, was ich nun alles an einem Vormittag hätte bewältigen können. Mühelos hätte ich eine Geschichte pro Tag geschrieben, nebenbei den Haushalt erledigt, ferngesehen, gelesen. Nun, da mich all das nichts mehr anging, konnte ich gottgleich über die Zeit verfügen. Nicht mal elf! Stellen Sie sich vor, Sie haben einen langen Traum, einen sehr langen Traum, einen, der andere Träume fortführt. Beim Erwachen glauben Sie, der Wecker werde gleich klingeln, dabei sind keine zehn Minuten vergangen, und im gegenüberliegenden Haus brennt überall noch Licht.
Ich zählte die Sekunden, die ich für einen Atemzug brauchte, um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, was eine Minute, was fünf Minuten bedeuteten. Sobald ich die Uhr aus der Hand legte, war ich überzeugt, jeden Tauchrekord brechen zu können. Noch schlimmer mißlang jenes Experiment, das mich schon als Kind beschäftigt und von dem ich mir eine Beschleunigung der Zeit erhofft hatte: Mit der Lupe — Robert besitzt eine für seine Briefmarken — beobachtete ich den Minutenzeiger. Ja, ich sah die Bewegung, aber es nützte nichts.
Irgendwann besuchte mich ein Schmerz. Ich muß es wirklich so sagen, der Zahnschmerz erschien als Gast in meiner Leere. Dafür war ich dankbar. Mit geschlossenen Augen versuchte ich herauszufinden, wo er sich niederlassen würde, denn anfangs irrlichterte er umher, tauchte mal oben auf, mal unten, mal rechts, mal links. Dann hatte er seinen Platz gefunden: unten links. Damit Sie mich verstehen, muß ich es wohl so ausdrücken: Ich klammerte mich an diesen Schmerz. Doch eigentlich müßte es heißen: Ich war der Schmerz. Außer ihm gab es nichts. Und so war es natürlich, daß ich versuchte, ihn zu hegen. Ich beobachtete ihn unaufhörlich wie ein Kind seinen Hamster am ersten Tag und überließ mich ganz der jedes Maß übersteigenden Zeit. Je größer der Schmerz, desto kleiner die Leere. Erst wenn er ganz von mir Besitz ergriffen haben würde, wollte ich — als Krönung der Tortur — zum Zahnarzt gehen. Ich verlor mich regelrecht in den Details einer qualvollen Zahnbehandlung.
Wie einer, der fürchtet, im Schlaf bestohlen worden zu sein, und hastig seine Taschen abklopft, forschte ich beim Erwachen nach meinem Schmerz. Und war jedesmal erleichtert, ihn an seinem Platz zu finden. Und nicht nur das, er breitete sich aus, kroch und pockerte346 den Kiefer entlang und stieß bis in den Hinterkopf vor. Er war eine Art Unterpfand für mich, die einzig verläßliche Größe.