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Ich verwahrloste. Der Geruch, den ich, hob ich die Decke, an mir feststellen konnte, die langen Fingernägel, die Verpelzung der Zähne — ich nahm all das zur Kenntnis wie einen Defekt meiner Umgebung, wie eine kaputte Glühbirne, für die kein Ersatz im Haus ist. Als meine Bartstoppeln so lang waren, daß sie aufhörten zu piken, vergaß ich meinen Körper ganz. Das lag natürlich auch an meiner Müdigkeit, eine fortwährende Müdigkeit, in der Traum und Wachen oft ununterscheidbar blieben. In der Betrachtung ferner Städte und Schiffe fuhr ich fort. Es war bedeutungslos, ob ich dabei die Augen offenhielt oder schloß, es blieben dieselben Orte, in denen ich umherirrte, ohne selbst zu erscheinen.

Für Michaela und Robert sah es aus, als schliefe ich ununterbrochen. Wenn Michaela mir morgens Tee ans Bett brachte, legte sie die Hand auf meine Stirn. Sie gab sich Mühe, kochte mir Milchreis und bat Tante Trockel, Apfelmus für mich zu machen. Ich wollte das alles nicht, ich wollte nur Ruhe, ließ es aber über mich ergehen, als sei das mein Dank dafür, daß Michaela mir die Krankschreibung von Dr. Weiß zuerst für eine, dann für eine zweite Woche besorgt hatte.

Nach Ablauf der Frist quälte ich mich selbst in die Poliklinik. Es war Nikolaus, der 6. Dezember, ausgerechnet jener Tag, an dem Michaela und Jörg und ein paar andere die Villa der Staatssicherheit besetzt hatten, mittags ein Flugblatt druckten, es verteilten und Punkt 18 Uhr am Theater ihre Demonstration begannen. Michaela schien nun endgültig jene Energie, die mir fehlte, hinzugewonnen zu haben. In der halben Stunde, die sie nachmittags zu Hause war, hatte sie, meine Abwesenheit ausnutzend, die Bettwäsche in die Maschine gesteckt, es jedoch nicht mehr geschafft, die Liege frisch zu beziehen. Als ich mit einer erneuten Krankschreibung, diesmal gleich für zwei Wochen, zurückkehrte, fand ich mein Krankenlager aufgelöst, was mich wie ein Rauswurf traf. Ich verzichtete auf ein neues Laken, wühlte statt dessen meinen alten Daunenschlafsack aus dem Schrank, entrollte ihn auf der Liege, kroch in Unterwäsche hinein und zog mir die Kapuze über den Kopf.

Michaela war an diesem Abend außer sich. Ich konnte mich nicht erinnern, daß sie je mein Zimmer betreten hatte, ohne anzuklopfen. Sie stand plötzlich vor mir, ich hörte ihren Schlüsselbund und ihre Stimme, noch bevor ich die Augen geöffnet hatte. Sie redete nicht nur schnell. Jeder Satz erforderte drei oder vier weitere Sätze zu seiner Erklärung, die wiederum andere Sätze nach sich zogen, weshalb sie kaum zum Luftholen und Schlucken kam und immer hastiger sprach. Die eigentliche Zumutung bestand aber in der Erwartung, ich würde aufstehen, mich anziehen und mit ihr zur Demonstration zurückkehren.

Selbst wenn ich nicht krank gewesen wäre, hätte sie doch wissen müssen, wie wenig mich das alles anging, ja wie gleichgültig es mir war, ob an der Spitze eines Demonstrationszuges» Deutschland einig Vaterland «und» Wir sind ein Volk «skandiert wurde und ob irgendein Jörg oder Hans-Jürgen einen oder keinen Versuch unternommen hatte,»das zu unterbinden«.

Mit jedem Satz begriff ich von neuem, wie unfähig ich war, an diesem Leben teilzunehmen, wie sinnlos sich jede Anstrengung ausnahm.

Die Antwort auf Michaelas Frage, was denn der Arzt gesagt habe, fachte ihren Zorn von neuem an. Irgendwann verglich sie mich mit einer Raupe, einer fetten Raupe, was angesichts des Schlafsacks nicht sonderlich originell war. Das verstand ich als Ankündigung, sich fortan nicht mehr um mich zu kümmern. Ärgerlich war der darin versteckte Vorwurf, ich sei ein Simulant. Wie richtig ich die Situation eingeschätzt hatte, zeigte sich bereits am nächsten Tag, als Robert mich bat, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen. Besonders setzten mir seine Bitten zu, ihn hierhin oder dorthin zu fahren. Was Michaela früher meist aus pädagogischen Gründen verboten hatte, schien sie nun regelrecht anzuregen. Ja sie selbst quälte mich in den nächsten Tagen mit Wünschen, als hätte sie meinen Zustand vergessen.

Das Zusammenleben mit den beiden wurde mehr und mehr zur Tortur. Eine Rückkehr ins Theater schloß ich aus. Vera war abgetaucht, von Geronimo trafen beinah täglich weitschweifige Episteln ein, die ich schließlich nicht mal mehr öffnete. Von dem Unglück, mit dem meine Mutter kämpfte, wußte ich damals noch nichts. Sie stellte die völlig unsinnige Behauptung auf, Vera sei schuld an meinem Zusammenbruch. Michaela wiederum nahm stundenweise das Leid der Welt auf ihre Schultern und fühlte sich für meine Verwahrlosung verantwortlich, bis ihr wieder der Geduldsfaden riß. Hartnäckig verteidigte ich meinen Schlafsack gegen sie, ließ jedoch zu, daß sie die Liege mit einem Laken bezog.

Wie gesagt, mein damaliger Zustand ist mir heute selbst fremd. Ich berichte davon wie einer, der Gehörtes eher schlecht als recht wiederholt.

Dann geschah es. Es geschah einfach. Haben Sie schon mal Küchenabfälle in einer Papiertüte gesammelt? Und wenn man die Tüte am nächsten Tag in die Hand nimmt, sackt der ganze Mist durch. Plötzlich war das Entsetzen da.

Aber was sagt dieses Wort schon!347 Ich hatte plötzlich begriffen, was mir widerfahren war und wie es um mich stand.

Ach, Nicoletta! Das vollkommene Verschwinden des Herrn Türmer ist schwer faßbar. Sie können es natürlich auch den Verlust des Schreibens nennen oder, um genauer zu sein, den Verlust des Westens, den Verlust unseres Jenseits, den Tod der gütigen Götter … Damit hätte sich, wenn Sie sich erinnern, der Kreis meiner Betrachtungen eigentlich geschlossen.

Andererseits haben meine Schilderungen, wie ich hoffe, vielleicht erst die Voraussetzungen dafür geschaffen, das Folgende zu verstehen.

Doch davon nicht mehr heute.

Ihr

Enrico Türmer

Sonntag, 1. 7. 90

Lieber Jo!

Übermorgen kann ich einziehen, sofern der Baron keine Beanstandungen hat. Ich habe eine neue Matratze bestellt, dank Monte Carlo das Beste vom Besten.348 Alles andere hat Zeit.

Vera kommt mit dem Zug, zwei Koffer hat sie angekündigt.

Die neue Familie ist an die Ostsee geflogen, nach Dänemark, das erleichtert manches. Keiner weiß, wie sich der Baron die Genehmigungen für seine Fliegerei verschafft und wie er die Russen herumbekommen hat.349 Mich würde es nicht mal mehr wundern, wenn er bald eine MiG-29 fliegt. Für DM ist alles zu haben. Der Baron macht schon große Pläne für die Zeit, wenn die Russen einmal weg sein werden: Von Altenburg-Nobitz mit Sonderangebot nach London und Paris! Ihm ist alles zuzutrauen.

Als ich am Freitag aus dem Auto stieg, glaubte ich, Möwen gesehen zu haben, Möwen in der Stadt! Leider war es nur Papier, aller möglicher Zettelkram wirbelte herum und trieb mir auf dem Fußweg und der Straße entgegen. Ich blieb für einen Moment stehen und sah den Blättern nach, die auf die Parkplatzbrache, den Hang hinunterflatterten, über die Autodächer tänzelten, dann an der Ziegelmauer oder im Maschendraht landeten. Auf eins war ich sogar getreten und hatte überlegt, ob es lohne, sich wegen der Büroklammer daran zu bücken. Ich war weitergelaufen — um einen Augenblick später auf dem Absatz kehrtzumachen und verzweifelt wie ein Kind den weißen Vögeln nachzujagen. Marions aus dem Fenster gellende Stimme hatte mich aus meinem Traum gerissen. Schreiend stürzten Evi, Mona und Frau Schorba aus unserem Eingangstor.

Frau Schorba versuchte die auf der Straße treibenden Blätter zu fangen. Sie schrie in regelmäßigen Abständen auf, wenn das verfolgte Papier in letzter Sekunde ihrem Zugriff entkam. Inzwischen beteiligten sich auch Ilona und Fred an der Jagd. Wie Treiber durchkämmten wir den Parkplatz. Den Großteil der entfleuchten Anzeigenvorlagen konnten wir an Mauer und Zaun auflesen. Evi erklomm und übersprang den Zaun, um Rüdiger-Bajohr-Finanzen und Noëlle’s Bücherstube aus den Büschen zu pflücken. Mona kroch unter jeden Wagen und zog hinter meinem Vorderrad den Kopierservice hervor.