Ilona und Fred inspizierten Jüdengasse und Markt, während wir anderen Frau Schorba zu Hilfe eilten. Die hatte ihre Taktik geändert, trippelte nun den Blättern hinterher und knallte mit dem Ausruf» Miststück!«ihre Hacken aufs Pflaster. Spätestens nach dem zweiten oder dritten» Miststück!«war die Anzeige gerettet. Die Autos, zum Anhalten gezwungen, schalteten ihre Warnblinkanlagen ein.
Fred präsentierte uns stolz seine verdreckte Hose, Ilona schien glücklich, einen Absatz verloren zu haben, und humpelte ostentativ. Von Pringel, dem wir wohl die Unversehrtheit der Computer zu verdanken haben, erfuhren wir, daß Marion von Jörg bereits ins Auto verfrachtet und weggefahren worden war.
Sie, Marion, war in den Computerraum gestürmt, hatte sich, ohne ein Wort zu sagen, den Anzeigenstapel gegriffen und aus dem Fenster geworfen. Danach hatte sie wieder die anderen als Schatten beschimpft, während das Seewetter die Vorlagen auseinanderstob. Ich bat alle, den Vorfall diskret zu behandeln. Jörg werde ich nahelegen, Marion einem Psychiater vorzustellen. Kaum haben wir einen Verrückten aus dem Haus — der Alte muß in ein Pflegeheim —, droht schon der nächste Fall.
Gestern ist Marion sogar mit dem Messer auf mich losgegangen. Die Situation war völlig harmlos. Weil Schorba unterwegs war, gab Fred zwei neuen Austrägern von uns ein paar Auskünfte. Marion hatte das zufällig mitbekommen und Fred auf der Stelle abgekanzelt. Ihr Geschrei rief Jörg und mich herbei.
Da Jörg nichts unternahm, um Marions Gezeter zu unterbinden, ließ ich mich zu ein paar Worten hinreißen; es sei jetzt genug und sie solle uns bitte allein lassen. Plötzlich sah ich die vor Schrecken geweiteten Augen der Austräger, denen ich mich zugewandt hatte.
Marion hielt Freds Messer mit beiden Händen umklammert, Klinge und Pupillen bedrohlich auf mich gerichtet. Ihr Gesicht war entstellt, als hätte der Wahnsinn alle vertrauten Züge mit einem Mal aufgelöst. […] Ich solle nur versuchen, sie aus diesen Räumen zu vertreiben, drohte sie.
«Sie denken wohl, ich trau mich nicht?«Marion verzog ihren Mund zu einem schiefen Lächeln, als ich zurückwich.
«Nein«, sagte ich,»dir traue ich alles zu.«
«Dann haben wir uns ja verstanden«, stellte sie befriedigt fest, ließ das Messer sinken und machte kehrt. Wir verharrten alle wie erstarrt. Im Hinausgehen rief Marion dem zurückkehrenden Schorba ein heiteres» Mahlzeit!«zu, was dieser freudig erwiderte. Uns dagegen sah Schorba an, als wären wir eine Ansammlung von Gespenstern.
Von Fred weiß ich, daß die Auflage des» Wochenblattes «unter zehntausend gefallen ist, obwohl Jörg reißerisch titelt:»Gift im Grundwasser?«oder letzte Woche:»Massengräber in Altenburg?«Er weiß nicht mehr, was er schreiben soll. Gerade jetzt, da von Tag zu Tag der Festtagsjubel lauter wird, hockt Jörg in seinem Zimmer und wird immer fahler und kleiner. Der Baron läßt ihm freie Hand. Fragt sich nur, wie lange noch. Habe ich Dir von Ralf erzählt?350 Ich habe seine Frau als Akquisiteurin eingestellt, er und seine Tochter werden in Nord unser Sonntagsblatt austragen, das ist kein schlechter Nebenverdienst.
Die Abende verbringe ich in der Schiedsrichterklause. Bei jedem deutschen Tor läßt Friedrich, der kahlköpfige Wirt, eine Rakete steigen und spendiert eine Runde Korn. Schade, daß wir heute nicht spielen.
Sei umarmt,
Dein Enrico
[Dieser Brief wurde nicht mehr abgeschickt.]
Dienstag, 3. 7. 90
Verotschka!
Gestern erschien Michaela in der Redaktion, sie brachte Barristas dicken Taschenkalender. Zum ersten Mal sah ich, wie sie Barrista küßte. Sie trug wieder ihre edlen roten Turnschuhe. In die Augen schauen konnte sie mir nicht.
Später hörte ich zufällig, wie sich Mona und Evi über Michaela unterhielten. Ihr Verdacht, daß sich Barrista» eine Hübsche von hier «nehme, hat sich nun bestätigt. Wenig später rief Robert an und fragte, wann ich denn Schluß hätte. Wir verabredeten uns zum Mittagessen.
Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Nicht wegen der neuen Sachen — auch er trägt jetzt Turnschuhe, dazu eine Jacke mit dick gepolsterten Schultern. Seine Haare sind viel kürzer. Vielleicht bin ich in letzter Zeit unaufmerksam gewesen — aus Robert ist ein junger Mann geworden. Er umarmte mich trotzdem.
Ich ließ alles stehen und liegen und ging mit ihm hinaus. Draußen trafen wir Pringel, der für seine Reportage über den Tag Null, über das neue Geld recherchierte. (Johann wird sich anstrengen müssen, neben Pringel zu bestehen.)
Auf dem Markt stellte ich mich bei einem Obsthändler an. Wir kamen schnell dran, weil die anderen offenbar nur das Angebot besichtigen wollten. Ich fühlte mich wie ein Aufschneider, wie jemand, der sich ans Buffet wagt, bevor es eröffnet ist. Ich verlangte vier Kiwis, die ich mir selbst aussuchen durfte — und erkannte in dem Moment unseren alten Bekannten, den D-Mark-Obsthändler, der Robert geholfen hatte, die ersten Zeitungen zu verkaufen. Er kam mir vor wie eine Märchenfigur, so lang her erschien mir unsere letzte Begegnung. Er begrüßte uns freundlich, doch seine Stimmung war miserabel. Er habe heute noch keine hundert Mark Umsatz gemacht. Nicht einmal die Standgebühr werde er verdienen. Es sei hoffnungslos, aussichtslos! Unter den Blicken der Umstehenden griff ich überhastet, ja wahllos zu, als müßte ich jede einmal berührte Frucht auch nehmen. Ich zahlte mit einem Zehnmarkschein und hielt ihm die flache Hand hin, auf die er mir das Wechselgeld legte. Robert bekam eine Banane geschenkt, die er mir gleich zusteckte, weil es ihn genierte.
Die ganze Stadt war eine soeben eröffnete Ausstellung, durch die wir als Besucher schlenderten. Meine Obsttüte wurde bemerkt, so wie auch ich jedes gefüllte Netz, jeden halbwegs vollen Beutel registrierte. Die Luft über dem Markt schien von der Erwartung und Nervosität der Leute zu flimmern.
Der Ratskeller war vollkommen leer. Nicht viel hatte gefehlt und ich hätte mich unter Hinweis auf die offene Tür für unser Eindringen entschuldigt, als uns die Kellnerin bat, Platz zu nehmen, wo immer wir wollten, und jedem von uns eine Speisekarte reichte.
Robert und ich hatten kaum miteinander gesprochen. Gedankenverloren war er neben mir hergelaufen. Er kaute auf seiner Unterlippe und verzog die Mundwinkel. Ich fragte, wo sie denn in den Ferien gewesen seien. Er antwortete einsilbig. Ich vermutete Ärger zu Hause, irgend etwas mit Barrista, und argwöhnte schon, Robert wolle bei uns einziehen. Ich fragte ihn schließlich, was denn passiert sei. Da hob er den Kopf und sah mich an. Im selben Augenblick kam sein Bauernfrühstück. Als die Kellnerin gegangen war, rann ihm eine Träne über die Wange.
Ich weiß nicht, was ich von der Sache halten soll. Selbst wenn ich das, was offensichtlich Einbildung ist, wegstreiche, bleibt seine Erzählung phantastisch genug.
Sie waren in Dänemark an der Ostsee gewesen. Roberts Beschreibungen nach muß das Hotel ein kleines Schloß gewesen sein. Vom Flugplatz — Barrista reist nur noch durch die Lüfte — ging es mit der Kutsche weiter, Autos dürfen nicht in das Naturschutzgebiet.
An der Schloßtreppe waren sie von einer Schar livrierter Diener in Empfang genommen worden, die ihnen jedes Gepäckstück, selbst Roberts alten Campingbeutel, auf die Zimmer getragen hatten, Zimmer mit Terrasse und Blick aufs Meer. Er könne sich gar nicht entscheiden, was das Schönste gewesen sei: auf der Terrasse zu sitzen oder am Strand zu liegen, mit der Kutsche oder mit dem Boot zu fahren, auf dem Zimmer zu frühstücken oder in den prächtigen Speisesaal zu gehen. Er hat auch Tennisstunden genommen und mit Barrista und Michaela Minigolf gespielt. Beim Frühstück hätten Kellner ihm jeden Teller, kaum daß er ein Brötchen davon gegessen hatte, wieder entführt und ihm einen neuen hingestellt. Ihm sei es allerdings unangenehm gewesen, daß Mädchen und Jungen, von denen er glaubte, sie seien kaum älter als er gewesen, sich sogar nachts für die Gäste bereit zu halten hatten und auf den roten Samtpolstern im Foyer einnickten, um bleich aus dem Schlaf aufzuschrecken, sobald sie Schritte hörten. Am Strand habe er sich mit einigen Gleichaltrigen angefreundet, sei einmal sogar auf ein Segelboot eingeladen worden.