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Kurz vor Weihnachten erhandelte ich mir zwei weitere Wochen Krankschreibung. Ich mußte versprechen, im neuen Jahr, sollte keine Besserung eintreten, einen Psychiater oder Neurologen aufzusuchen. Dr. Weiß empfahl mir Spaziergänge, überhaupt Bewegung und frische Luft. Er ahnte nicht, wie sehr mich seine Bemerkung, nun würden ja die Tage wieder länger, bestürzte. Schon immer habe ich mich über Regen mehr gefreut als über blauen Himmel. Doch die Vorstellung von hellen warmen Abenden, von Vogelgezwitscher und Badegeschrei, überhaupt der Gedanke an Ostern und große Ferien, war mir unerträglich.

Dann Weihnachten. Natürlich hatte ich keine Geschenke. Außerdem weigerte ich mich, wieder bei Michaela zu schlafen, um ihrer oder meiner Mutter mein Zimmer zu überlassen.

Mutter, die in Dresden keine Demonstration versäumt hatte und, einem Aufruf im Radio folgend, sogar in die Bautzner Straße gefahren war, um die Staatssicherheit zu besetzen, bewunderte Michaela. Michaela war wirklich Schauspielerin geworden. Michaela spielte Hauptrollen! Michaela zog ihren Jungen allein groß, und überhaupt war Michaela außerordentlich. Zum Beweis reichte Mutter mir die ersten beiden Ausgaben des» klartext«, die unter Michaelas Leitung entstanden waren und von denen ich keine Ahnung hatte, obwohl die Treffen der» Mediengruppe «sozusagen vor meiner Zimmertür stattgefunden hatten. Zweitausend Exemplare waren sie innerhalb von Stunden losgeworden. Mutter bestand darauf, mir zumindest den Artikel über die Ratsbibliothek vorzulesen, die von Schalck-Golodkowskis Leuten in den Westen verscherbelt worden war. Ich dagegen hatte es nicht mal fertiggebracht, die Türchen an Mutters Adventskalender zu öffnen.

Robert hatte sich als einziger mit meinem Zustand abgefunden. Er fragte nicht mehr, was ich denn hätte, und genoß es, mir in jeder Hinsicht überlegen zu sein.

In der Silvesternacht sah ich Robert und Michaela dabei zu, wie sie ihre drei Raketen abfeuerten, applaudierte und verzog mich kurz nach Mitternacht in meinen Schlafsack, wo ich das Zischen und Knallen nachgeahmt haben soll. Später übergab ich mich. Als es dämmerte, hockte ich auf dem Klo und starrte hinaus. Das Morgengrauen entsprach genau meiner Vorstellung von Zukunft. Ein komplettes Jahr mit all seinen Tagen erwartete mich, mich, dessen Kräfte nicht mal für die ersten Stunden reichten.

Ich ahnte, daß es einer Tat bedurfte, um mich vor dem Untergang zu retten. Mehr als einmal hatte ich bereits mit der rechten Hand meine Stirn berührt, um ein Kreuz zu schlagen.

Was hielt mich davon ab? Trotz? Selbstachtung? Stolz? War nicht gerade Gott mein Problem, seine Ewigkeit? Gibt es denn etwas, was dem Leben feindlicher gesonnen ist als die Unsterblichkeit, die Unsterblichkeit der Heiligen wie die der Künstler? Künstler wie Heilige sind Egomanen. Einer, der sich wirklich opferte, der anstelle eines anderen in die Hölle ginge, das wäre ein Heiliger! Judas ist der einzige, dessen Legende vielleicht einen solchen Schluß zuläßt.

Hätte ich beichten sollen? Ich wollte keine Worte mehr, kein Gerede, keine Verheißung! Ich hatte die Andacht der Worte satt, ihre vermessene Überheblichkeit noch in der unterwürfigsten Geste ekelte mich an. Nur kein Gebet mehr, kein Bekenntnis!356 Nein, etwas ganz anderes mußte es sein, etwas, was so unerwartet wie naheliegend war, etwas, was ich noch nie getan, woran ich noch nie gedacht hatte, eben etwas anderes.

In der Nacht vom ersten auf den zweiten Januar, ich hatte wie immer sehr früh das Licht ausgemacht, erwachte ich kurz nach zehn. Ich öffnete das Fenster, kein Schnee, kein Regen. Ich erwartete von mir nichts weiter, als die Decke wieder über die Schultern zu ziehen und weiterzuschlafen. Im nächsten Moment aber sah ich mich neben dem Bett stehen und in meine Hose steigen. Ich lachte über mich, etwas in mir lachte über mich selbst. Trotzdem zog ich mich weiter an, pulte die Munition aus der Erde, lud das Magazin und steckte die Pistole in den Gürtel.357 Aus dem Schrank nahm ich zwei Pullover und meine alten Wanderschuhe. Die Pullover zog ich übereinander, die Schuhe schnürte ich bis zu den obersten Ösen zu. Dann stieg ich aufs Fensterbrett. Meine Augen waren an das Dunkel gewöhnt, ich sah den Rasen, sprang — und kam mit beiden Füßen gleichzeitig auf. Kein Schmerz, keine Steifheit, der Sprung war getan.

Ich marschierte durch Nord, über den Lerchenberg und durch die Stadt, ohne jemandem zu begegnen. Entfernt huschten ein paar Gestalten dahin, ansonsten nur Autos. Dann passierte ich den Großen Teich, bog an einer Kfz-Werkstatt halb links hinauf und hatte die Häuser bald hinter mir.358 Ein paar Schneeinseln schimmerten aus dem Schwarz der Felder hervor. Als die Straße abfiel, sah ich nur wenige und weit entfernte Lichter. Entweder gab es hier keine Straßenbeleuchtung mehr, oder sie war bereits ausgeschaltet. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, der Dreck spritzte gegen meine Hose. Ein Auto, das mir im letzten Moment ausgewichen war, hielt, setzte zurück.»Bist du lebensmüde?«brüllte der Fahrer. War ich lebensmüde? Hätte ich gewollt — ich hätte mir eine Kugel durch den Kopf jagen können, ein Luxus, der mich erschreckte.

Im Tal bog ich in einen Feldweg ein, der zu einem Hügel führte.359 Plötzlich blinkte fünfzig oder hundert Meter vor mir ein rotes Auge auf. Durch den geröteten Dunst sanken die Schranken herab. Ich zwang mich weiterzugehen, immer weiter, bis an die Schranke heran. Der Zug kam schnell näher, ein Güterzug mit leeren Kohlewaggons holperte vorüber, und schon hob sich die Schranke wieder, das Warnlicht verlosch. Die Nacht fiel auf mich nieder. Ich starrte ins Schwarz, dorthin, wo eben noch ein rötlicher Schimmer auf den Schienen gelegen hatte. Meine Augen wollten sich nicht mehr ans Dunkel gewöhnen.

Tastend wagte ich mich hinüber, erkundete mit der Fußspitze die Schienen und sah dann wenigstens genug, um den Pfützen ausweichen zu können.

Ich ging weiter. Ahnen Sie, was ich suchte?

Eine Kreuzung, einen Kreuzweg360, möglichst abgelegen. Nach einigen hundert Metern, als der Mond erschien, führte mich der Weg an eine schmale Asphaltstraße.

Von allen Menschen, die je einen Kreuzweg aufgesucht hatten, war ich wohl der einzige, der nicht einmal vage hätte sagen können, was er wollte. Dann wieder verging ich beinah vor Scham bei der Vorstellung, jemand könnte von meinem Treiben erfahren.

Ich wartete. Mein Atem ging schnell, ich schwitzte. Woher auf einmal diese Angst? Was, wenn ein wild gewordener Hund auf mich zukäme oder ein tollwütiger Fuchs? Würde ich schießen?

Aushalten, stillstehen, ermutigte ich mich, nichts anderes hast du zu tun. Hier gehst du nicht weg.

Die Augenblicke und Minuten spulten sich ab, die Zeit drehte und kreiste. Es hatte schon Mitternacht geschlagen und dann halb eins. Die Kälte kroch an mir hoch. Ich mußte husten. Der Himmel wurde schwarz. Aufzuschauen war mir unangenehm, als böte ich meine Kehle dar. Stark sein heißt stillstehen, aushalten, wiederholte ich.

Natürlich passierte nichts! Glauben Sie etwa, ich hätte wirklich auf irgend etwas gewartet?

Als der Mond hervorkam, versuchte ich mir die wenigen Quadratmeter innerhalb meines Blickfeldes einzuprägen: poröser Asphalt, der an den Rändern kleine Fjorde bildete. An einer Stelle war er so dünn, daß sich das darunterliegende Kopfsteinpflaster wie ein Netz abzeichnete. Zwei mickrige Bäume auf der anderen Seite, rundherum Unkraut und Äcker mit Wintersaat und verharschten Schneeinseln.

Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich im Mondlicht gen Süden einen Berg erkannte, der steil aus der Landschaft ragte, ein halsloser Kopf, die Bäume deuteten das Haar an, zwei Serpentinenwege die Stirnfalten … da glotzte mich tatsächlich etwas aus Augenhöhlen an361 — und verschwand im nächsten Moment, trat erneut hervor, verging. Das Ganze schien sich nach links zu neigen, bildete sich um und um wie Wolken. Mal erkannte ich den Mund und die stumpfe Nase sofort, dann wieder senkte sich ein Schleier darüber.