Выбрать главу

Plötzlich fror ich, meine Füße schienen zu schrumpfen, ich wunderte mich, warum ich nicht schwankte oder hinfiel. Es war nach eins oder halb zwei, als ich auf der Stelle zu treten begann. Schließlich lief ich ein paar Schritte hin und her, hob ein Stöckchen auf und zog einen Kreis um mich, wie ich es als Kind beim» Landmausen«-Spiel gemacht hatte.

Ich nieste, noch einmal und noch einmal. Ich war dabei, mich zu erkälten, mein Lachen klang heiser. Geschah etwas, oder geschah nichts?

Sollte ich den leichten Wind und das entfernte Hundebellen als Antwort nehmen? Ich hatte Lust zu singen.»Der Mond ist aufgegangen«, begann ich, dann, etwas lauter,»die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. «Ich stockte und fuhr mit dem fort, was mir gerade einfiel.»Wie eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt. «Dann:»Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder, den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter. «Dieses Kinderlied war das einzige, das ich von Anfang bis Ende konnte. Ich wiederholte es mehrmals. Später begann ich zu zählen, zählen konnte ich bis an mein Lebensende …

Ich fuhr herum. Kein Schrei, kein wölfisches Heulen hätten mein Blut tiefer gefrieren lassen als jenes Zirpen. Ich war überzeugt, eine Grille gehört zu haben, eine Grille unmittelbar neben mir im Gras. Ich lauschte, schnappte nach Luft, lauschte. Die Stille war wie ein Bernstein, der das Zirpen umschloß.

«Ach«, seufzte ich, und noch einmal,»ach!«In diesem Augenblick verstand ich, was ich wollte: Es war nicht mehr und nicht weniger als mein Leben. Ich wollte mein Leben zurück, jenes, an das ich kaum Erinnerungen besaß, das ich viel zu früh weggegeben hatte. Alles, was ich getan hatte — ich wußte es doch längst —, war kein Leben gewesen, sondern ein grobes Mißverständnis, eine Verirrung, ein Wahn!

Ich wollte endlich wissen, wer ich war, wenn nicht der, für den ich mich die ganze Zeit gehalten hatte. Egal was sich mir offenbarte! Ich würde es annehmen. Für ein neues Leben würde ich alles geben, alles!

Ich griff nach der Pistole. Sie war warm. Eine Weile behielt ich sie in Händen, dann schleuderte ich sie mit aller Kraft von mir.362 Mir schien sie das einzige zu sein, was ich zum Tausch anbieten konnte. Ich hörte ihren Aufschlag nicht. Die Stille drückte auf meine Schultern, die Stille füllte mir die Ohren.

Dann wieder das Bellen, diesmal länger, ein anderes kam dazu, noch eins, ein Hund weckte den anderen, dann wieder Schweigen — wie ein Hieb. Das Scharren meiner Sohlen war entsetzlich laut. Ich. Nichts als Stille und Leere, in der ich die Augen aufriß.

«Was, zum Teufel, ist daran so schlimm?!«Was, so fragte ich mich, war denn wünschenswerter, als leer zu sein, geleert, gereinigt vom Wahn der Worte und des Ruhmes, von Jenseits und Unsterblichkeit. War es nicht herrlich, all das los zu sein?

Was ich für Krankheit gehalten hatte, war es nicht Heilung? Hatte ich mir denn nicht etwas gewünscht, was mehr sein sollte als Erkenntnis? War ich nicht endlich frei zu tun, was ich wollte, alles hinter mir, alles vor mir!

Ich hatte Durst, ich verlor den Faden meines Denkens. Nur Kälte, Kälte innen und außen.

Lüge ich nicht, wenn ich so viel Faßliches mitteile? Solche Stunden lassen sich weder greifen noch begreifen, sie sind heimisch allein in der Nacht, die das Innerste nach außen kehrt.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich dort aushielt. Die Kirchturmuhren hatten aufgehört zu schlagen. Kein Rascheln mehr, kein Bellen irgendwo in der Ferne.

Irgendwann begann das Rumoren. Ich fürchtete mich nicht, eher fühlte ich mich gestört. Zwei Lichtpunkte erschienen, zwei leuchtende Augen, die sich in der Finsternis geöffnet hatten. Das Rumoren näherte sich von überall her, es stampfte über den Acker, durch die Luft. Bald tauchte hinter dem ersten ein zweites Paar leuchtender Augen auf, dann ein drittes, ein viertes. Es schien, als schwebten sie über der Erde, so schnell kamen sie heran. Plötzlich war alles eins: geblendet verbarg ich die Augen in der Armbeuge, wußte nicht mehr, wo die Straße war, mußte ich zurück oder nach vorn — und im selben Augenblick diese Sirene, eine Schiffssirene, die Posaune des Jüngsten Tags! Vier Fernlaster auf ihrer Irrfahrt zwischen Autobahn und Fernstraße donnerten an mir vorbei, ihr Luftsog erfaßte mich, wirbelte mich herum und ließ mich taumeln. Ein paar Schritte stolperte ich ihnen nach; das aber reichte schon, der Bann war gebrochen. Ich setzte wieder einen Fuß vor den anderen auf dem Weg nach Haus.

Als ich erwachte, war es zwölf. Hatte ich geträumt? Es war Mittag, ein stiller heller Mittag. In meinem Zimmer lagen schlammverkrustete Wanderschuhe und eine dreckbespritzte Hose. Ich erschrak darüber, doch nur für einen Augenblick.

Wie immer

Ihr

Enrico Türmer

Freitag, 6. 7. 90

Armer Jo!

Jetzt verpaßt Du wirklich was. Das Gerede vom» ganz besonderen Menschen «fand ich immer unerträglich, aber als wir ihm dann tatsächlich begegneten, sind Vera und ich ihm vom ersten Blick an verfallen: seine zarte Statur, die hellen Augen, sein schöner Kopf, seine» durchgebildeten «Hände. Seine Manierlichkeit brachte mir den lang vergessenen Begriff der gelungenen Fürstenerziehung wieder in den Sinn. Trotz seines hohen Alters wirkt er jungenhaft, daran kann nicht mal der Rollstuhl, in dem zu sitzen er meistens gezwungen ist, etwas ändern.

Das Programm entspricht ganz seinen Vorlieben, jedoch hat niemand geahnt, daß ihn (»Nennen Sie mich einfach Erbprinz«) eine Dreiraum-Neubauwohnung in Nord mehr interessiert als das Schloß. Die Stadt hat er 1935 das letzte Mal gesehen. Nur den Baron behandelt er vergleichsweise herablassend. Dessen Einflüsterungen und Erläuterungen beantwortet er kaum mit einem Nicken. Häufig unterbricht er ihn, indem er sich vorbeugt, die Hand ausstreckt und jemanden in seiner Nähe in freundlichster Weise anspricht.

Andy, Massimo und der Baron wechseln sich darin ab, seinen Rollstuhl zu schieben, Olimpia (Andys Frau), Michaela und Vera sind sein Hofstaat, doch auch Mutter, Cornelia und ich gehören zu seinem Gefolge — und natürlich Robert.

Niemand spricht es aus, doch ich glaube, der Erbprinz ist schwul, jedenfalls hat er nie geheiratet, ist kinderlos und scheint überhaupt zu filigran für ein Familienleben.

Eigentlich wollte der Baron ihn auf unseren Coup vorbereiten, aber auch mir schien es dann besser, den Erbprinzen selbst ins Vertrauen zu ziehen. Unser Dilemma ist, daß wir am Freitag abend die Zeitung abliefern müssen, wenn wir sie am Sonnabend spät haben wollen, um sie am Sonntag in aller Frühe zu verteilen. Unsere Berichte kämen sonst eine Woche zu spät, und andere würden die Früchte unserer Arbeit ernten. Also haben wir über den Sonnabend, vor allem über den großen Empfang am Nachmittag und über die Inthronisierung der Madonna im Museum bereits im voraus geschrieben.

Der Erbprinz lächelte fast schelmisch, bat darum, den Artikel über die nahe Zukunft lesen zu dürfen, damit er seinen Teil für die Verwirklichung unserer Prophezeiung leisten könne. Er bemerkte sehr wohl, wie mir seine Formulierungen einheizten, aber mit den liebenswürdigsten Worten — er werde gern alles tun, was uns helfe und nütze, er stehe ohnehin in unserer Schuld — beruhigte er mich wieder. Aus Dankbarkeit hätte ich ihm am liebsten seine schönen Hände geküßt.

Wir fuhren ihn dann aufs Schloß, um ihn, zur selben Uhrzeit, zu der morgen der Empfang beginnt, inmitten der Menge zu photographieren — inmitten von Barristas Heerscharen, inklusive Proharsky und Recklewitz-Münzner samt Familien. Dazu die Zeitungsredaktion ohne Marion und Pringel, aber mit Jörg, der schlecht aussieht, und Georgs Familie. (Franka in einem todschicken Kleid — einem Geschenk der Offenburger Zeitungszarin.) Ein Photo über vier Spalten.

Danach folgte sein Besuch in der Redaktion. Er bewahrte sein Lächeln, als Schorba und ich die Hände zu einem Sitz verschränkten und ihn die schmale Treppe hinauftrugen. Er ist leicht wie ein Vogel, seine um unsere Schultern gelegten Arme spürte ich kaum. Andy und der Baron schleppten den Rollstuhl, und oben warteten schon die Damen und applaudierten. Astrid ließ sich kaum bändigen, wedelte wild mit dem Schwanz und gab erst Ruhe, als ihre Schnauze auf dem Knie des Erbprinzen lag.