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«Ja«, sagte Mona,»bei was Großem, das ist toll. Aber die Männer, da geht’s immer nur ums Vögeln, das ist wirklich so. Ich hab nich was dagegen, aber wenn’s doch immer nur darum geht. Und wenn ich dann seh, wie sie die Frauen sitzenlassen nach zehn oder zwanzig Jahren, das ist erbarmungslos, richtig erbarmungslos, als gäb’s wirklich nur das. Deshalb ist’s schön, wenn’s noch was gibt, was anderes, Großes. Und nächstes Jahr will ich dann rumfahren. Wir freuen uns so, daß Sie gekommen sind!«

Ich dachte schon, wir hätten es hinter uns, da fing Ilona mit ihrer Selbstmordgeschichte an, die ich schon kannte, aber sie haspelte das Ganze so herunter, daß es eigentlich niemand verstand. Fred sagte nur, ihm tue es leid, daß er den Wehrdienst verweigert habe. Denn jetzt sei keine Zeit mehr, ein Studium nachzuholen, und der Kopp, er stieß sich mit der Faust gegen die Stirn,»is ooch nüscht mer gewohnt«. Jetzt seien sie wirklich — pardon, aber es gebe nun mal kein anderes Wort dafür — die Angeschissenen. In der DDR war’s nicht weiter schlimm, Heizer zu sein. Aber jetzt. Was habe er denn schon lernen können? Die Lust an dem ganzen Jubel und Trubel sei ihm vergangen. Ein schönes Auto vielleicht, aber sonst? Noch mal zehn, fünfzehn Jahre jünger sein …

Als sich unsere Blicke trafen, sagte Fred:»Na is so, is wirklich so!«

«Mir geht’s gut!«sagte Manuela, erhob sich, stemmte die Arme in die Hüften, wie um ihren grünen Hosenanzug zu präsentieren.»Ich hab ja nicht geglaubt, daß es das mal geben könnte, aber gehofft hab ich immer, daß ich was für mich finde, das Spaß macht und viel Geld bringt. Ich verdiene viel mehr als der Chef!«rief sie und drehte sich dabei hin und her.»Wenn ich erst mal die Zeitung in der Hand habe, muß ich gar nichts mehr sagen. Dann sammle ich die Anzeigen nur noch ein. «Kurt pfiff durch die Zähne, aber Manuela beendete unbeirrt ihren Werbetanz.

Plötzlich richteten sich alle Blicke auf mich. Selbst Vera und Michaela sahen herüber, nicht fordernd, eher geduldig, bereit zu warten.»Und jetzt du«, sagte Fred.

«Seine Hoheit«, rief Jörg, Seine Hoheit habe das Wunder bewirkt, uns zum Reden zu bringen. Und dafür seien wir ihm alle dankbar.

Ich habe dann darüber gesprochen, wie es vor einem Jahr gewesen ist und vor einem halben und daß ich mir nie hätte vorstellen können, wieviel Spaß mir das tätige Leben machen würde.

Mit Sekt stießen wir auf den Erbprinzen an, der sein Glas nur symbolisch erhob, denn er trinkt keinen Alkohol. Er sah müde aus, und ich machte mir Vorwürfe, nicht auf ein schnelleres Ende gedrängt zu haben. Er wünsche jedem von uns das Beste, von ganzem Herzen, und hoffe doch sehr, daß wir morgen wieder Gelegenheit hätten, einander zu sehen.

Schorba und ich trugen ihn hinunter. Dort hatte sich ein kleiner Menschenauflauf um den Wagen gebildet, auf dessen Nummernschild» Texas «stand. Massimo hob den Erbprinzen hinein, der Erbprinz winkte noch einmal.

Auf dem linken Handrücken des Erbprinzen prangte deutlich der Abdruck eines Lippenstiftes. Vera hatte es ebenfalls bemerkt. Der Erbprinz lächelte, als er unsere Blicke gewahrte, und verbarg das rote Zeichen mit der anderen Hand.

Wir saßen abends im Gästehaus der Stadt in kleiner Runde zusammen und aßen belegte Brote mit sauren Gurken, wie es sich der Erbprinz gewünscht hatte. Nun wird wohl alles gut werden.

Sei umarmt von Deinem Enrico

Sonntag, 8. 7. 90

Mein lieber Jo!

Gleich ist es fünf. Wenn Du diese Zeilen hier liest, steht längst fest, ob wir Weltmeister geworden sind oder nicht.365 Hier glaubt jeder an den Sieg! Ich sitze in der» Loggia«, wie Cornelia die Holzveranda am neuen Haus nennt, und sehe über die Stadt. Auf meinem Schreibtisch Kaffeetasse und Milchkännchen, dazu gut verteilt schwere Löffel (Mutter hat ihr Silbernes mitgebracht), weil mir sonst die Papiere davonfliegen. Das Seewetter treibt ganze Herden dunkler Schatten durch die Straßen. Sollte ich je einen Roman schreiben, müßte er so beginnen, mit diesem Blick.366

Links von mir, auf dem runden Tisch, steht noch das Kaffeegeschirr von gestern. Das Obst und die Blumen, für beides sorgt Vera im Übermaß, duften. (Vera, der die Vögel zu laut sind, schläft bei geschlossenen Fenstern bis Mittag.) Sämtliche Stühle und Korbsessel, die uns Andy überlassen hat, sind mit Veras Klamotten belegt, als wolle sie ihr Territorium markieren. Michaela ist auf Vera eifersüchtig, nicht ohne Grund. Seit Veras Ankunft verzieht sich Barrista ständig» auf die Baustelle«, womit allerdings unsere Veranda gemeint ist, auf der er Zigarren raucht und sich von Vera» Drinks «servieren läßt (das Geläut der Eiswürfel schreckt Astrid auch aus dem tiefsten Schlaf, sie ist ganz närrisch auf Eis). Selbst in Michaelas Anwesenheit spricht Barrista mit Vorliebe von zurückliegenden Abenteuern, und auch das nur in Andeutungen, deren eigentlichen Sinn wohl nur Vera versteht.

Verläuft alles nach Plan, werde ich heute gegen neun zum ersten Mal unsere Zeitung im Briefkasten haben. Halb zehn dann große Frühstückstafel im Garten, zu der unser Erbprinz erwartet wird. Hier kann er seinen Tee mit Blick auf jene Fenster genießen, hinter denen er früher erwacht ist. Robert wird neben ihm sitzen. Der Erbprinz nennt ihn seinen jungen Freund, unsere Mutter spricht er zuweilen mit» verehrte, liebe Freundin «an. Das Geld, das ihr der Baron für die Betreuung des Erbprinzen anbot, hat sie zurückgewiesen. So hinfällig, wie der Erbprinz mitunter erscheint, ist er gar nicht. Sonst hätte er kaum das gestrige Programm überstanden.

Auch von Dir und Franziska war schon die Rede! Am Freitag haben sie in Eurer Wohnung alle nichttragenden Wände herausgenommen. Du wirst für den Neuanfang weniger Mut brauchen, als Du denkst. Gotthard Pringel wird Dir bei allem zur Hand gehen (sein Pseudonym habe ich inzwischen wieder abgeschafft). Und Robert kann es kaum erwarten, Gesine etwas auf dem Klavier vorzuspielen.

Jo, mein Lieber, ich kann Dir nicht alles schildern, zumindest jetzt nicht. Der Vormittag im Museum, die Inthronisierung der Madonna, wäre eine eigene Geschichte, zumal plötzlich Nicoletta erschien.367 Sie wollte mich überraschen. Das Museum hat sie bis auf weiteres als Photographin engagiert, um ihr so wenigstens einen Teil der Ausgaben zu erstatten, die sie wegen ihrer Recherchen in Sachen Altar hat. Da standen sie also plötzlich zusammen: Nicoletta, Vera und Michaela. Und was tat ich? Ich stritt mit der Museumsdirektorin herum, weil die mysteriöse Madonna aus dem Pfarrhaus nicht am Eingang der» Italiener-Sammlung «aufgestellt worden war, wo sie vereinbarungsgemäß hätte stehen müssen — und wie es in unserem Bericht nachzulesen ist —, sondern am Ende der Galerie. Die Gründe der Direktrice interessierten mich nicht. Und sie ließ sich durch nichts erweichen. Selbst als der Baron, der die Sache gelassen nahm, mir einen Mann vom Landratsamt zu Hilfe schickte, der für das Museum weisungsberechtigt ist, blieb sie stur. Eher wolle sie ihren Posten zur Verfügung stellen, als sich Anordnungen dieser Art zu beugen. Der Baron schlichtete, so gut es ging. Wir werden» unser Versehen «in der nächsten Ausgabe berichtigen — oder auch nicht. Sollen doch alle fragen, wieso die Madonna nicht am Eingang steht.