Eine junge Frau spielte Cello, dann Reden, Reden, Reden, jedesmal Freude und Jubel über den Erbprinzen und Dank an Barrista und die Zeitung. Wieder Cello. Die Leute quatschten die ganze Zeit, Nicoletta verschoß Film auf Film. Sie raunte mir zu, ich solle nicht so ein Gesicht ziehen, sonst könne sie die Bilder nicht verwenden.
Als der Erbprinz, geführt von der Direktrice, seinen Rundgang durch die Sammlung begann, schnappte sich Massimo kurz entschlossen zwei Aufsichtsmänner, zog sie am Ärmel ihrer hellblauen Jacketts vor den ersten Durchgang und postierte sich selbst hinter diesem lebenden Schild, die Mundwinkel tief nach unten gezogen.
Während die Leute immer lauter» Hoheit «riefen und dem versteinerten Massimo erklärten, was sie dem» Herrn Erbprinzen «schenken oder zeigen wollten, wurde ich Zeuge eines kleinen Wunders.
Vor den Tafeln des Guido da Siena schlug der Erbprinz die Decke beiseite, stützte sich auf die Armlehnen, erhob sich aus eigener Kraft und machte einen Schritt auf die Tafel zu.»So ein Wiedersehen«, sagte er.
Jede Tafel war ein Wiedersehen! Es gab keine, vor der er nicht verweilte, zu der ihm nichts einfiel. Als Jugendlicher habe er ganze Wochen hier verbracht.
So schritt der Erbprinz am Arm der Direktrice eine Stunde die Front dieser Bilder ab, bis er bei Massimo ankam, den er» unseren tapferen Thermopylenkämpfer «nannte.
Diejenigen, die auf den Erbprinzen gewartet hatten, wichen vor ihm wie vor einer Erscheinung zurück.
Massimo bat für einige» Unglückliche«, die sich nicht auf Sonntag hatten vertrösten lassen, um eine Signatur des Erbprinzen in Georgs Reprint.
Ich schreibe Dir jetzt nichts über den kleinen Ausflug mit Nicoletta, nichts über die Ankunft unserer ersten Ausgabe aus Gera, nichts über all die Vorbereitungen, die bis zur letzten Minute, ja bis zum Beginn des großen Empfanges noch notwendig waren.
Ah, Madame Türmer ist erwacht … Gestern, vor dem Empfang, verbrachte sie eine Stunde oder länger damit, eine sogenannte Feuchtigkeitscreme von der Stirn bis zu den Zehen aufzutragen, und verwandte so viel Sorgfalt darauf, als hätte man sie bei Lebensgefahr beschworen, ja keine Pore zu vergessen. Überhaupt verschönt der Westen die Frauen, ich sehe es an Vera, ich sehe es bereits an Michaela und auch an meiner Mutter. Jene Fältchen, die sich um ihren Mund eingenistet hatten und ihn wie einen Sack zuzuschnüren drohten, scheinen verflogen.
Aber jetzt zum Empfang:
Zehn vor sechs trug ich mit Andy den Erbprinzen hinauf — wir hatten die Haupttreppe für uns, die geladenen Gäste saßen seit fünf Minuten auf ihren Plätzen. Olimpia überwachte die Tür zum Bachsaal.
Während ich rätselte, ob der Prinz selbst ein Parfüm benutzt hatte oder der Duft einfach hängengeblieben war, riet uns der Baron, keinen Alkohol zu trinken, auch während des anschließenden Essens, um bis zuletzt die volle Konzentration zu bewahren. Cornelia, die für die ganze Veranstaltung der Maître de plaisir war, hatte für uns Sektflaschen mit einer Mischung aus Wasser und Apfelsaft präpariert.
«Laßt euch durch nichts verblüffen und habt keine Angst«, ermahnte der Baron Vera, Michaela und mich.»Gleichgültig, was geschieht, was gesagt wird, was ihr hört, gleichgültig, ob euch die Leute gefallen oder nicht, ihr müßt zu allen, zu ausnahmslos allen liebenswürdig sein. Ihr müßt daran glauben, daß sie euch am Herzen liegen. Nach nichts sehnen sich diese Menschen mehr als nach eurer Gunst. Sie gieren regelrecht nach eurem Blick, eurem Lächeln, eurem Nicken. Fragt Cornelia.«
«Clemens, Clemens, was erzählst du da nur!«seufzte der Erbprinz und bot den Frauen an, sich jederzeit auf seinen Rollstuhl zu stützen.
Michaela bekämpfte ihr Lampenfieber mit Atemübungen. Auf mich wirkte ihre Nervosität, vor allem aber die Aufgeregtheit des Barons, geradezu beruhigend. Vera erging es ähnlich.
Dann begann es sechs Uhr zu schlagen. Der Baron und ich traten an die kleine Flügeltür. Das Gemurmel im Saal erstarb, ich hörte nur noch Rascheln. Vera und Michaela richteten sich auf — und da sah ich es: Beider Kleider waren durchsichtig oder besser: durchscheinend. So gediegen die Stoffe aus der Nähe wirkten — ein paar Schritte Abstand reichten, und die Verhüllung gab Brüste, Rippen, Scham in einer Deutlichkeit preis, wie es purer Nacktheit nie gelungen wäre.
«Türmer«, zischte Barrista. Ich hatte die Schläge der Uhr nicht mitgezählt.
Es war so still, als wären wir allein im Schloß. Kurz nacheinander begannen die Kirchen ihr Sechs-Uhr-Läuten. Ich dachte, daß ich einmal die Reihenfolge herausfinden müßte, in der die Glocken einsetzen, und daß deren Beschreibung auch ein schöner Romanbeginn wäre, weil dabei ganz ungezwungen die Topographie der Stadt mitentstünde.
Als der Baron nickte, öffnete ich, wie wir es geübt hatten, mit einer Vierteldrehung das Türschloß. Synchron zogen der Baron und ich die Türflügel auf, die Musik setzte ein. Vera und Michaela lächelten und schoben den Erbprinzen an uns vorbei in den Saal, in dem sich die Gäste erhoben und applaudierten.
In eingeübter Schrittfolge schlossen wir hinter uns die Tür. Michaela schwenkte ihren Hintern, als gäbe sie die Dirne im Freilichttheater. Mutter und Robert, ihre Gesichter waren vor lauter Begeisterung fast verzerrt, klatschten frenetisch. Vom Erbprinzen sah ich nur die aneinandergelegten Fingerkuppen.
Der Applaus wollte nicht enden. Erst als der Baron und der Bürgermeister dem Publikum Zeichen gaben, setzte man sich endlich. Hinten rechts, vor dem Orchester, sah ich unsere Zeitungsredaktion und Georgs Familie, links, zur Tür hin, erkannte ich Olimpia und Andy, Cornelia und Massimo, Recklewitz samt Familie, Proharsky mit Frau.
Marion hätte ich wohl ohne Jörg an ihrer Seite gar nicht wahrgenommen. Ihr Gesicht war bleich und schien mir irgendwie verändert. Wahrscheinlich stand sie unter Medikamenten.
«Danke«, rief der Erbprinz,»vielen, vielen Dank für Ihr Willkommen. «Karmeka, der über den Handrücken seiner Linken strich, als kreme er sie ein, holte tief Luft und begann seine Begrüßung mit einem Exkurs über den Spruch» Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«. Ich war in meinem Bericht nicht auf den Inhalt seiner Rede eingegangen, insofern konnte es mir gleichgültig sein, was er sagte, nur — er hörte nicht mehr auf. Im Programm stand: 2. Kurze Begrüßung durch den Bürgermeister, 3. Musik (das Lieblingsstück des Erbprinzen, Mozarts» Kleine Nachtmusik«), 4. Ansprache des Bürgermeisters.
War das noch Begrüßung oder schon Ansprache? Der Dirigent — der Ärmste heißt wirklich Robert Schumann — observierte uns mit gerecktem Hals, jederzeit bereit, herumzufahren und den Auftakt zu schlagen. Immer wenn ich schon glaubte, Karmeka komme zum Schluß, warf er seinen Kopf für eine neue Volte wieder nach oben. Nach einer Viertelstunde näherte er sich mit Danksagungen dem Ende. Dieser Dank galt allen, der Stadt- und der Schloßverwaltung für ihre unermüdliche Arbeit, und besonders seinem Adepten, dem Herrn Fliegner. Barrista und mich erwähnte er mit keiner Silbe. Das war ein Affront, egal wie man es drehte. Warum sagte er nicht, daß der ganze Besuch die Stadt keinen Pfennig gekostet hat? Nichts haben sie dafür getan, gar nichts!
Soll er reden, tröstete ich mich. Wir achten schon darauf, daß die Wahrheit keinen Schaden nimmt. Dem Baron jedoch gelang wieder ein Meisterstück. Er applaudierte auf eine so aufrichtige Weise, daß der Bürgermeister sich bemüßigt fühlte, seine Hand zu ergreifen und nun auch ihm zu danken. Für das Photo dieser Geste bedarf es keiner Bildunterschrift mehr.
Robert Schumann schlug den Takt, und die» Kleine Nachtmusik «beendete den Beifall. Danach sprach der Erbprinz. Seine Rede kannst Du bei uns nachlesen.
Als er beschrieb, wie verloren er sich mitunter fühle — in Altenburg jedoch werde ihm so viel Herzenswärme entgegengebracht, sprang Marion auf. Sie blieb stumm, als ginge es ihr um eine bessere Sicht. Auch ließ sie sich widerspruchslos von Jörg zum Hinsetzen bewegen. Doch was hielt sie da in Händen? Mir stockte der Atem! Unser Sonntagsblatt mit dem Bericht über den Empfang, der gerade stattfand! Jörg hatte uns zu der neuen Zeitung gratuliert und war voller Anerkennung gewesen, weil wir gleich mit 24 Seiten und noch dazu im großen Format starteten. Hätten wir sie denn vor ihm verstecken sollen?