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Ja, wir hätten sie vor ihm verstecken müssen. Diese Unachtsamkeit rächte sich jetzt. Marion mußte nur unser Sonntagsblatt weitergeben, es von Hand zu Hand durch die Reihen wandern lassen, um uns ein für allemal lächerlich und unglaubwürdig zu machen. Mir brach der Schweiß aus.

Massimo saß, statt sich um unsere Sicherheit zu kümmern, mit verschränkten Armen und froschigem Grinsen zurückgelehnt da und schmatzte wahrscheinlich wieder leise vor Behaglichkeit. Hatte es keiner außer mir bemerkt? Sollte ich einen Feueralarm auslösen? Der hätte aber auch nicht im Blatt gestanden. Wir würden die Ausgabe zu einer Art Probenummer erklären. Besser, zehn- oder fünfzehntausend D-Mark gingen verloren als unser Renommee. So wäre meine Entscheidung ausgefallen, hätte ich sie in jenen Sekunden treffen müssen. Auf mein entgeistertes Gesicht spielte der Baron später an, als er sagte, seine Ermahnungen seien keinesfalls so überflüssig gewesen, wie ich wohl geglaubt, aber leider auch nicht so wirksam, wie er es erhofft habe.

Die geringste Bewegung im Publikum schien mir ein Indiz dafür, daß die Zeitung bereits die Runde machte. Um ein Haar wäre ich mitten in der Musik aufgesprungen, weil ich die Ungewißheit nicht mehr ertrug.

Robert Schumann verbeugte sich — und verbeugte sich dann noch einmal vor Michaela und Vera.

Da ich Georgs Rede zweimal Korrektur gelesen hatte, wußte ich ziemlich gut, wie lange ich auf die Folter gespannt würde. Ich will es nicht aufbauschen, doch als das lange Schlußzitat begann, hätte ich am liebsten vor Erleichterung die Augen geschlossen. Vera und Michaela schoben den Erbprinzen Georg entgegen, so daß sich einer beim anderen bedanken und Georg ihm diesmal offiziell das Buch über die Herzöge von Sachsen-Altenburg überreichen konnte.

Und dann, auf einen Wink Michaelas, ließ Robert Schumann wieder sein Orchester erklingen. Das große Defilee begann.

Der Baron und ich schoben den Erbprinzen auf das kleine Podest, das in der Mitte einen Vorsprung hatte, so daß Vera und Michaela direkt neben ihm, aber auf demselben Niveau wie alle anderen stehen konnten. Marion und Jörg hatten sich an den Rand des Saales zurückgezogen. Endlich gelang es mir, Pringel auf Marion hinzuweisen. Sie hielt die Zeitung zusammengerollt, doch das Blau des Kopfes leuchtete. Pringel verstand. Er wandte sich an Massimo. Der hörte ihm mit verschränkten Armen zu, wippte auf die Zehenspitzen, streckte sein Mussolini-Kinn vor und folgte Pringel. Pringel begrüßte die beiden. Danach nahm mir Massimos Kreuz die Sicht.

Die Choreographie des Empfanges war simpel. Die geladenen Gäste stellten sich von zwei Seiten an. Die linke Reihe führte über Michaela und den Baron zum Erbprinzen, die rechte Reihe hatte Vera und mich zu passieren. Vera und Michaela nahmen die Einladungskarten in Empfang, deren Nummern sie in ihren Dossiers nachschlugen. Nach Nennung des Vor- und Zunamens lasen sie dem Erbprinzen ein paar Bemerkungen zu Lebenslauf und Verdiensten der jeweiligen Herrschaften vor, der Baron oder ich ergänzte dies durch den einen oder anderen verbindlichen Hinweis.

Das klingt langweilig und profan. Wahrscheinlich hältst Du das für ein hohles Ritual, um die Eitelkeiten der Altenburger Hautevolee zu befriedigen. Ich selbst hatte ja dieser Liste kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Doch weit gefehlt!

Selbst Karmeka, der das Defilee mit seiner Familie eröffnen durfte, verlor in dem Augenblick, da er vor den Erbprinzen trat, all seine umtriebige Selbstgewißheit. Da stand die Familie einsam und unsicher und war plötzlich nur noch das, was Michaela verkündete:»Frederick und Edelgard Karmeka, Zahnarzt und Zahntechnikerin, und ihre drei Töchter Klara, Beate und Veronika. «Der Erbprinz hielt die Hand von Edelgard Karmeka fest, die bis zum Haaransatz errötet war und den Mund so verzog, daß ich nicht wußte, ob sie lächelte oder mit den Tränen kämpfte. Der Baron erlöste und verabschiedete sie mit dem Hinweis auf das nachfolgende Essen im kleinen Kreis, bei dem man sich ja wiedersehen werde.

Nun war es an Vera und mir, den Landrat nebst Gattin, Bauingenieur und Gastronomin, vorzulassen, die mir beide für ein paar im familiären Tonfall gesprochene Worte dankbar waren, aber selbst nichts über die Lippen brachten.

Auf unserer Seite folgte Anton Larschen, der mir, von einem Friseur seiner Haarpracht beraubt, merkwürdig fremd erschien. Seine Rechte vollführte nach wie vor die gewohnte, nun ins Leere führende Geste, mit der er sonst die Haare zu bändigen versucht hatte. Larschen überreichte dem Erbprinzen Euer Buch.»Da steht alles drin«, sagte Larschen. Der Erbprinz dankte und sagte, wie er sich freue, jenen Mann kennenzulernen, dessen Artikel er mit großem Interesse verfolge. Bevor Larschen antworten konnte, kündigte der Baron bereits zwei» ehemalige Bürgerrechtler «an, die präsentiert wurden wie früher in der Schule die Veteranen des antifaschistischen Widerstandes. Anna lud den Erbprinzen in die Umweltbibliothek ein, woraufhin er sie bat, zum nachfolgenden Essen zu kommen. Wir lächelten alle, obwohl wir wußten, in welch große Bedrängnis diese Eigenmächtigkeit Cornelia, unseren Maître de plaisir, bringen würde.

Massimo, Pringel und nun auch Kurt bewachten weiterhin Marion und Jörg und stellten sich gemeinsam mit ihnen auf der Seite des Barons an.

Neben Vera wartete ein kleiner Mann im Rollstuhl, dessen weißes Haupthaar in wirren Strähnen herabhing. Er beugte sich in seinem Stuhl vor und grüßte so übertrieben wie ein Kind, das aufgefordert wird, einen Diener zu machen. Von seinem Gebrabbel erschloß sich mir nur hin und wieder ein Wort. Es war der Prophet. Ohne seinen Bart erkannte ich ihn nur an seinen von der Brille grotesk vergrößerten Augen. Er hatte einen Schlaganfall, sein Verstand soll der alte sein, aber Sprache und Körper lassen ihn im Stich. Der Prophet schien ungehalten zu werden, als der Erbprinz ihn nicht verstand. Niemand verstand ihn. Ich sagte zum Erbprinzen, daß ich diesem Manne hier, daß ich Rudolph Franck in gewisser Weise das verdankte, was ich heute sei.

Dann kamen ein paar Großkunden, die wöchentlich mindestens eine halbe Seite schalten, wie zum Beispiel Eberhard Hassenstein. Die Hand des Erbprinzen verschwand in der behaarten Hassensteinschen Pranke. Sein Vater, der die Kohlehandlung Benndorf & Hassenstein 1934 mitbegründet habe, sei kurz nach der Enteignung 1971 gestorben. Hassenstein zog die Nase mehrmals hoch, eine Träne rann ihm bis zum Kinn.

Ich stellte das Ehepaar Offmann vor, Möbelhaus Offmann in dritter Generation, gegründet 1927, Roswitha Offmann und Klaus Kerbel-Offmann.

Du wirst sie alle kennenlernen, in jeder dieser Familien steckt ein Roman. Doch wer sie auch immer sein mögen, mir kam es vor, als schlössen sie in jenem Moment, da sie vor den Erbprinzen traten, einen Vertrag mit uns. Zuvor waren sie vielleicht aufgeregt gewesen, hatten sich dies und das vorgestellt, aber keiner hatte wohl geahnt, wie sehr sie die Begegnung mit dem Erbprinzen erschüttern würde. Als sie ihm die Hand reichten, brach etwas in ihnen auf — und was immer es auch war, es überraschte sie und band sie an uns.

Selbst Pfarrer Bodin, der wegen der Horoskope im» Wochenblatt «gegen uns gewettert hatte, befeuchtete seine tüllenförmige bläuliche Unterlippe und sah uns erwartungsfroh wie ein Kind an, als er an der Reihe war. Pfarrer Mansfeld, der katholische Berserker, der heute noch seinen großen Auftritt als Bonifatius haben wird, ließ es sich nicht nehmen, dem Erbprinzen eine Flasche Kräuterlikör zu schenken, und flüsterte mir nach seiner Audienz zu, auch für uns halte er hochprozentige Präsente bereit.