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Piatkowski, der CDU-Bonze, der nun doch wieder unter den Stadtverordneten sitzt, hatte seine Frau geschickt. Die genoß den Empfang und sprach so heiter und herzlich, ja regelrecht charmant mit dem Erbprinzen, daß dieser sich später nach ihr erkundigte.

Düster und am Rande des Eklats war der Auftritt der Frau vom Galluswirt. Sie machte einen großen Knicks, landete, beabsichtigt oder nicht, auf den Knien und rief:»Es war Freitod! Eure Hoheit! Es war Freitod!«Ich wußte nicht, daß der Galluswirt vor drei Tagen Selbstmord begangen hatte. Während der Baron sein Beileid bekundete und ich den Erbprinzen über die frühere Bedeutung des Galluswirtes aufklärte, rief sie immer wieder:»Es war Freitod! Eure Hoheit! Es war Freitod!«

Von denen, die ich auf die Liste gesetzt hatte, waren bis auf Ruth, die Tochter meiner Wirtin Emilie Paulini, Jan Steen und den Gießener Zeitungschef, der sich aber entschuldigen ließ, alle gekommen.

Froh war ich, daß Wolfgang, der Hüne, und seine Frau erschienen. Wie oft wollten wir uns schon treffen! Nun werde ich sie mit Vera besuchen. Auch Blond und Schwarz, zwei Polizisten, kamen. Wir haben uns im Herbst kennengelernt.

Im Saal wurden schon Häppchen, Sekt und Orangensaft herumgereicht, als Marion und Jörg ihre Karten vorzeigten.

Ich glaubte, die Selbstbeherrschung des Barons sei der Grund für die Liebenswürdigkeit, mit der er auch die beiden begrüßte. Denn daß er die Zeitung in Marions Händen nicht erkannt hätte, schien mir unwahrscheinlich. Marion ließ all ihre unterdrückte Aggressivität an dem zusammengerollten Sonntagsblatt aus, eine Geste, die sich mit» den Hals umdrehen «am besten beschreiben läßt. Dann starrte sie das Werk ihrer Selbstvergessenheit an und versuchte das Papier zu glätten. Jörg strich Marion mit dem Handrücken über die Wange. Um es kurz zu machen: Der Baron stellte die beiden vor. Jörg begrüßte den Erbprinzen mit» Eure Hoheit «und verneigte sich tief vor ihm. Dann trat er zur Seite und überließ Marion das Feld. Die beugte sofort wie ein Opernheld ein Knie und hielt dem Erbprinzen die Zeitungsrolle hin.»Schauen Sie selbst. Ich weiß nicht, warum so etwas getan wird. Aber alle ändern plötzlich ihre Biographie. Niemand spricht mehr die Wahrheit«, sagte sie monoton und mit tiefer Stimme. Es folgten noch ein paar Sätze dieser Art, völlig absurdes Zeug. Und natürlich teilte sie dem Erbprinzen mit, warum sie dem» Herrn Türmer «verboten habe, sie zu duzen, denn der sei ein Betrüger und gänzlich verblendet. Sie jedoch, Marion Schröder, lehne es ab, für mich, diesen Schatten, zu beten.

Der Erbprinz streckte die Hand aus, er wollte, daß sie aufstand — der halbe Saal glotzte bereits. Sie mißdeutete das. Schnell wie ein Vogel, der nach etwas pickt, küßte sie seine Hand, erhob sich und rief:»Sehen wir uns also bald!«Jörg folgte ihr, holte sie kurz vor der Tür ein und schlang den Arm um ihre Schulter.

Am meisten überraschte mich Kurt. Ich hatte ihn für Mitte Fünfzig gehalten, aber Kurt ist erst Anfang Vierzig. Seine Frau ist höchstens Mitte Dreißig und so zart, daß ich sie für seine Tochter hielt. Als ihren Beruf las Michaela» Fleischerin «vor.»Fachverkäuferin für Fleisch- und Wurstwaren«, berichtigte Kurts Frau mit fester Stimme, und das blieb auch das einzige, was ich aus ihrem großen schönen Mund vernahm.

Pringels Frau, eine Apothekerin, überreichte ein winziges Schächtelchen, in dem sich ein vierblättriges Kleeblatt befand, das sie auf der Wiese des Schloßhofes gefunden habe. Ihnen habe es in den letzten Tagen so viel Glück gebracht, sie wollten es nun weitergeben.»Unser rasender Reporter«, sagte der Erbprinz, und Pringel, der seinen Bart gestutzt hatte, sagte:»Alles, alles Liebe!«

Als wir dann zum Essen hinüber in den großen Spiegelsaal gingen, fragte ich den Baron, wann er denn die Zeitung in Marions Hand entdeckt habe. Mit der sei sie doch schon gekommen, sagte er. Sie habe das Sonntagsblatt als Fächer benutzt, was doch hoffentlich nicht meine Eitelkeit gekränkt hätte. Der Baron verstand überhaupt nichts! Er schlug sogar vor, am besten jetzt gleich einen ganzen Stapel Sonntagsblätter an der Tür des Spiegelsaales zu deponieren. Ich sei ein Angsthase, rief er und fragte dann, wovor ich mich denn jetzt noch fürchtete.

Ich muß los!

Seid umarmt

Euer E.

Montag, 9. 7. 90

Liebe Nicoletta,

ich habe mir mit dem Schreiben zuviel Zeit gelassen, ich will nicht länger meiner Vergangenheit nachhängen. Nicht, daß mir der Weltmeistertitel zu Kopf gestiegen wäre. Aber ist nicht die Freude über diesen Sieg nur der greifbare Ausdruck eines viel größeren, umfassenderen Glücks? Nie war mein Wunsch stärker als heute, an Ihrer Seite dieses neue Leben zu beginnen. Da aber meine Briefe ihren Zweck zu verfehlen scheinen, schwinden meine Hoffnungen — und nichts anderes treibt diese Zeilen voran.368

Ich muß es aber zu Ende bringen, so wie die Verlierer ja auch nicht vor Ablauf der neunzig Spielminuten den Platz verlassen dürfen. Also zurück zu den ersten Tagen dieses Jahres.

Am liebsten hätte ich mein nächtliches Kreuzwegabenteuer für einen Traum gehalten, so peinlich war es mir im Rückblick. Und zugleich war ich befriedigt, es gewagt zu haben. Doch das, was ich dort gedacht und gefühlt hatte, war auch in der Nacht zurückgeblieben.

Ich nahm ein Bad unter der über der Wanne aufgehängten Wäsche. Als ich mich anziehen wollte, fand ich nichts von dem, was ich suchte. Ich öffnete den Wäschepuff, ich begann in der dreckigen Wäsche zu wühlen, ich kippte den Korb schließlich um. Wonach ich auch griff, es gehörte mir. Nur bei zwei Handtüchern war die Zuordnung nicht eindeutig. Erst jetzt fiel mir auf, daß da ausschließlich Sachen von Michaela und Robert zum Trocknen hingen.

Wir sind quitt! dachte ich.

Michaela war unterwegs. Mittags aß ich gemeinsam mit Robert Kartoffeln und Bratheringe.»Du ißt ja schon wieder«, rief Michaela, als sie nach Hause kam, und kündigte uns eine Sitzung im Wohnzimmer an. Das hieß, der Raum war für uns bis abends tabu.

Robert protestierte, er verpasse seine Fernsehserie.

Während Michaelas Mediengruppe pünktlich einmarschierte, Stühle rückte, Aktentaschen aufschnappen ließ und das übliche Gemurmel begann, schaffte ich Ordnung in meinem Zimmer, klaubte Wäschestücke, Geschirr, Schuhe, Platten, Plattenhüllen, Zeitungen und Briefe vom Boden, bis nach und nach wieder die Karrees der Bastmatten zum Vorschein kamen. Ich beeilte mich, um vor Sitzungsbeginn unter meine Kopfhörer zu entkommen. Ich hatte mich schon auf der Liege ausgestreckt, als mir einfiel, daß die Wäsche noch in der Maschine war. Ich saß in der Falle. Wollte ich ins Bad, mußte ich durchs Wohnzimmer. Der Widerwillen, vor Fremde zu treten, vor Leute, mit denen ich nichts zu tun haben, von denen ich nicht angesprochen werden wollte, schien übermächtig. Lange hielt mich dann die Überlegung auf, ob ich anklopfen sollte oder nicht. Ich klopfte schließlich aus Gewohnheit — und fühlte mich wie auf eine Bühne gestoßen. Das Licht blendete, die Diskussion erstarb. Alle gafften, als wäre ich aus der Tapete gekommen.»Da bist du ja«, sagte Michaela. Sie klang verlegen. Sie saß an der Stirnseite des Tisches, die Ellbogen aufgestützt, sog an ihrer Zigarette und sah mich blinzelnd an.»Ich will gar nicht stören«, sagte ich und schloß hinter mir die Wohnzimmertür.

Später konnte ich mich daran erinnern, daß die Stimmen plötzlich losgeprasselt waren. Doch in dem Moment bemerkte ich es kaum, zu sehr ärgerte mich mein eilfertiges» Ich will gar nicht stören!«. Ich konnte mir denken, was Michaela beim Anblick ihres barfüßigen Mannes empfand, der wie ein Gespenst durchs Zimmer gehuscht war.

Ich packte die halbe Ladung nasser Wäsche in die Schleuder, drückte den Deckel zu und warf mich auf den Apparat, um die Tülle über dem Eimer zu halten.

Ich nahm die Wäsche von der Leine und legte sie möglichst ordentlich zusammen. Jedes Hemd, jeder Slip, jeder BH war mir vertraut. Ich hatte das Gefühl, mich von jedem Stück einzeln zu verabschieden. Dann hängte ich meine Sachen auf.