«Der spricht nur mit dem Polit — gewählter Ausdruck, Käffchen, Milch, Zucker, ›Duett‹, alles vom Feinsten.«
«Geh jede Wette ein, der macht’s Maul nicht auf, macht der nicht auf!«
Diese Stimme erkannte Edgar nicht. Die beiden anderen waren Mehnert und Pitt, Pitt, das rosa Schwein mit seinen Sprüchen.
«Dann muß er was zu fressen kriegen«, sagte Mehnert.
«Knöpf ihn auf«, rief der, den er nicht erkannte.
Edgar hatte gedacht, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Deshalb war es ihm leichtgefallen, sich weiter mit dem Spitzel zu unterhalten.»Niemand darf sich etwas anmerken lassen«, hatte Mehnert gesagt.»Wenn die Wind davon kriegen, versetzen sie ihn oder machen sonstwas«, obwohl keiner wußte, was Mehnert mit» sonstwas «meinte. Mehnert war so weit gegangen, sich bei dem Spitzel Geld zu borgen. Im Gegenzug wollte er ihm Ausgang verschaffen. Der Spitzel hatte ihm dreißig Mark gegeben, den Ausgang aber abgelehnt.»Da habt ihr’s«, hatte Pitt gesagt.»Jetzt, da bei den Polen der Teufel los ist, brauchen die alle Augen und Ohren hier drinnen. «Der Spitzel war vorsichtiger geworden. Er schrieb jetzt weniger und nur noch, wenn er allein war. Aber vorhin hatten sie ihn wieder erwischt.
Heute war der neunte Tag. Seit neun Tagen wußte Edgar, was mit dem Spitzel passieren würde, mit dem Spitzel, der in seiner Gruppe war, dritter Zug, zweite Gruppe.
«Wir wollen deine Stimme hören, Spitzel, du weißt so viele Worte, gebildete Worte, richtig schöne Spitzelworte.«
«Ich hab doch gesagt, Spitzel wird nicht antworten, Spitzel braucht Hilfe, Spitzel braucht Anregung, Spitzel braucht uns.«
So unangenehm die Sache mit dem Spitzel war, sie vertrieb dumme Gedanken. Jedenfalls besser als das Gesinge. Edgar verstand nicht, wie man freiwillig von Kompanie zu Kompanie ziehen und Weihnachtslieder singen konnte, als wäre man im Pflegeheim. Der Resi-Oberleutnant, der den KC über Weihnachten vertrat, hatte sich dazugestellt — mehrstimmiger Gesang. Dann war er mit ihnen abgezogen, einfach mitgegangen, wie zum Biertrinken, und der UvD war fort zum Essen, und der GUvD, Daumen und Mittelfinger in den Mundwinkeln, hatte gepfiffen, ein privater Pfiff sozusagen. Und dann hatte er das Radio laut gestellt, irgendein Westsender, und das hatte sie in Stimmung gebracht — Ich möchte ein Eisbär sein, am kalten Polar —, da waren sie dann alle über den glänzenden Flur vor die Tür des Spitzels gezogen und hatten abgewartet, bis das Lied vorbei war.
Edgar hatte gedacht, daß in dem Schweigen, mit dem sie da vor der Tür verharrten, tatsächlich Zustimmung lag. Disziplin, hatte Mehnert verlangt. Es war ein Sieg der Disziplin gewesen, die ganze Kompanie schweigend vor der Tür zu versammeln.
«Der fängt doch nur zu flennen an, mehr kommt da nicht, wirst sehen.«
«Wird schon was kommen. Was denkste, was da alles kommen wird.«
Edgar machte weiter, noch gleichmäßiger, noch rhythmischer, wie er fand. Wie ein Musiker konnte Edgar die Augen schließen, konzentriert allein auf das Rauschen der mit Metallplatten beschwerten Bürste und auf das klackende Geräusch beim Richtungswechsel. Seine Arme wußten, sein ganzer Körper wußte, wann er die Bürste abzubremsen hatte, damit sie nicht gegen die Wand knallte. Sooft die Bohnerkeule mit einer Ecke anstieß, gab es Löcher, aus denen der Putz rieselte, der dann zusammen mit dem Bohnerwachs gleichmäßig verteilt wurde. Edgar störte nur, daß er an Pitts blöden Spruch vom Keulen und von den Bauchmuskeln und vom Vögeln denken mußte.
Der Spitzel trug als Waffe das Maschinengewehr. Edgar hätte gern mit ihm getauscht, obwohl das MG schwerer war. Doch die Panzerfaust sah aus wie ein Fagott oder so ähnlich. Er fand es immer lächerlich, mit so einem Instrument über der Schulter durch den Sand zu kriechen, auch wenn er als einziger mit einem Panzer fertig werden würde. So hieß es zumindest. Im SPW saßen sie nebeneinander auf der Bank hinter dem Richtschützen. Dort konnten sie die Beine ausstrecken oder sich abwechselnd auf den Boden legen. Aber Edgar war auf einer anderen Stube. Sonst stünde wahrscheinlich er anstelle der Spitzelopfer Teichmann und Bär, um zu bezeugen: Ja, das habe ich gesagt, ja, das habe ich gesagt, so regelmäßig, daß Edgar drei Bewegungen mit der Bohnerkeule reichten, hin, her, hin — ja, das habe ich gesagt, dreimal die Breite des Flurs, klack, klack, klack — ja, das habe ich gesagt. Wort für Wort hatte der Spitzel alles mitgeschrieben. Und Mehnert hatte den Beweis in der Hand, Soldat Mehnert, Vize, Fahrer, Stubenältester.
Teichmann, den man wegen seines schwerfälligen Ganges und seiner grauen Haare für einen Resi hielt, wollte mit diesem Zirkus nichts zu tun haben. Bär ist da anders. Bär findet gut, was Mehnert macht. Aber zuschlagen wollte auch Bär nicht, jedenfalls stand das nicht im Plan.
«Keiner hat was von ›Rührn‹ gesagt. Hat jemand ›Rührn‹ befohlen?«
«Mann, Spitzel, das ist ’ne Frage, hat jemand ›Rührt euch!‹ befohlen?«
[Brief vom 4. 4. 90]
Sie hatten dem Spitzel die Beine weggeschlagen.
Edgar schob die Bohnerkeule dicht an den ersten Stiefeln und Hausschuhen vorbei, und Frank, der Richtschütze aus seiner Gruppe, der immer sagte, daß er das große Los gezogen habe, weil er beim Angriff nicht hinaus und über den Acker zu rennen brauchte, bot Edgar seinen Hocker an.»Der will es doch so, der provoziert ja noch«, rief Frank und rannte zur Toilette.
Der Spitzel weiß nichts von dem Plan, und deshalb hat er keine Angst. Und man merkt ja, ob einer Angst hat oder nicht. Da muß man nichts sagen. Da reicht schon ein Blick. So ein Blick ist die schlimmste Provokation. Oder die Bewegung einer Hand. Die Hände nämlich sind nicht festgebunden, nur die Handgelenke, auf Kopfhöhe, wo die Querstrebe des oberen Fußendes an den Rahmen stößt. Bär hatte bei der Probe die Hände bewegt, als wollte er winken oder fliegen, jedenfalls war es komisch gewesen, und sogar Mehnert und Pitt hatten gelacht.
Das Klatschen waren Ohrfeigen. Eine Steigerung lag in der Natur der Sache. Füße wegschlagen war kindisch. Traf man die Ferse richtig, lag der andere flach. Aber der Spitzel konnte nicht hinfallen, er war festgebunden. Ohrfeigen taten weh.
«Stopf ihm den Dreck rein!«
«Würg’s runter, Spitzel.«
«Schwanzparade! Schwanzparade!«
Wenn der Spitzel den Mund nicht aufmachte, versuchten sie es mit Ohrfeigen. Mehnert wollte das Blatt zerreißen, dreimal, nicht zu klein und nicht zu groß, der Spitzel sollte ein bißchen kauen müssen.
Edgar hatte das Blatt mit den schiefen Zeilen und dem Krickelkrakel selbst in der Hand gehabt. Mehnert hatte es jedem gegeben, der es hatte sehen wollen. Aber wer es lesen wollte, mußte dann auch mitmachen, so eindeutig war das, eineindeutig, hatte Bär gesagt. Edgar versuchte sich vorzustellen, wie es aussieht, wenn man jemandem Papier in den Mund stopft. Zusammengeknüllt oder in übereinandergelegten Schnipseln wie ein Stück Baumkuchen. Beim Zukleben eines Kuverts hatte sich Edgar einmal in die Zunge geschnitten. Aber wie zwang man ihn zum Kauen und Schlucken? Und wenn er alles ausspuckte? Wer sammelte die feuchten Schnipsel wieder ein? Ginge es dann von vorn los? Sie johlten so laut, als gäbe es im ganzen Regiment keinen Offizier mehr.
Edgar schob die Bohnerkeule hinter der Meute entlang. Als er wieder Platz hatte, fand er nur langsam zu seinem Rhythmus zurück.
Edgar hörte auf zu summen, als er merkte, daß es die Melodie von» Ich möchte ein Eisbär sein «war. Das Lied mochte er genausowenig wie den Spruch von Pitt. Aber eine andere Melodie fiel ihm in dem Lärm nicht ein. Edgar bewegte sich viel zu schnell, als liefe er vor dem Gejohle davon. Aber er wollte nicht davonlaufen. Er hatte keine Angst. Er kannte den Plan und auch das Lachen von Mehnert, bei dem der Mund die Rundung des Kinns wiederholte, ein clownhaftes Lachen. Vielleicht würde Mehnert so lachen, wenn er dem Spitzel das Koppel abgenommen und die Hose heruntergezogen hatte, stolz, weil sein Plan kein leeres Versprechen gewesen war. Bei der Uniformhose reichte es, sie aufzuhaken und die Hosenträger zu lösen, die lange Unterhose jedoch würde er selbst anfassen und herunterziehen müssen. Oder rieben Mehnert und Bär den Hintern des Spitzels bereits mit Schuhcreme ein? Nein, Mehnert würde sich schonen, das war niedere Arbeit, da würde er einen anderen ranlassen, einen, der die Leute zum Lachen brachte. Der Spitzel würde nicht lachen, selbst wenn es kitzelte. Wer weiß schon, wie sich Schuhbürsten auf dem nackten Hintern anfühlen und ob man sich daran gewöhnt und ob der Spitzel die Backen reflexhaft zusammenkneift oder nicht. Und wenn er doch lachte? Das würde er bereuen. Oder heulen. Was macht man mit einem heulenden Spitzel? Er würde nicht heulen. Der Spitzel hielt den Blick gesenkt oder richtete ihn zur Decke. Und wenn er die Leute ansah, ihnen in die Augen sah? Aber wozu? Um sich die Namen zu merken? Rache zu schwören? Dafür war die Sache zu eindeutig. Wenn es je einen Beweis gegeben hat, dann in diesem Fall. Der Spitzel erhielt eine gerechte Strafe, eine Lektion. Edgar wunderte sich nur, wieviel Mehnert riskierte, daß er sich das traute. Mut hatte Mehnert, er war der Rädelsführer, er würde als erster verurteilt.