Rolf kramte in seinem Beutel. Er nahm die rote Kappe von der Plasteflasche, füllte sie bis zum Rand und trank. Er schenkte erneut ein und reichte die Kappe Michael.
— Rauchen macht durstig.
— Was issen drin? — Michael kostete vorsichtig.
— Tee, was denn sonst! — Rolf grinste.
Michael nippte ein zweites Mal und verzog das Gesicht.
— Schau mal — flüsterte Rolf. Ein gutgekleidetes Paar mittleren Alters war nicht weit von ihnen stehengeblieben. Der Mann beugte den Oberkörper vor, als hätte er Seitenstechen. Die Frau sprach ihm gut zu und streichelte kurz seine Schulter. Der Mann richtete sich wieder auf. Untergehakt setzten sie langsam und mit kleinen Schritten ihren Weg zum Wahllokal fort.
— Volle Stimme — sagte Michael.
— Der hat bestimmt drei Tage nicht. Hab ich an meinem Alten gesehen.
— Drei Tage?
— Wenn ich’s dir sage! — Rolf trank aus der Flasche. — Für die ist das gar nichts. Früher haben die sogar ’ne Woche durchgehalten.
— Früher hatten die auch nichts zu fressen. Früher war das keine Kunst.
— Quatsch! Vor den Wahlen gab’s immer was, sogar Schokolade. Da haben die richtig gefuttert.
— Meine Mutter hat’s gestern nicht mehr ausgehalten und geheult, richtig geheult. Und mein Alter immer nur: Du schaffst das, du schaffst das, das schaffst du. Und als sie nicht aufgehört hat mit Heulen, hat er gesagt, na bitte, dann mach, wie du denkst.
Rolf wieherte. — Mach, wie du denkst? … wie du denkst!
— Mach, wie du denkst — wiederholte Michael ernst.
— Und, hat sie’s gemacht? — Rolf hustete. Er riß eine Packung alte» Juwel «auf und klopfte gegen den Boden der Schachtel, bis ein Filter etwas vorstand.
Michael zuckte mit den Schultern. — War Ruhe dann. Ist zurückgekrochen ins Bett oder so. Krieg ich eine?
— Schlaucher! — Rolf hielt ihm die Schachtel hin. — Ich denk, dir schmeckt’s morgens nicht? — Rolf gab ihm Feuer.
— Schau mal, wie die dackeln. — Michael sah zur Bushaltestelle.
— Sind die so gewöhnt. Die dackeln schon ihr ganzes Leben so.
Den alten Leuten fiel es schwer, vom Bus aufs Trottoir zu steigen. Wer es geschafft hatte, eilte so schnell wie möglich ans Ende der Warteschlange.
— Warum bestellen die nicht die fliegende Wahlurne? Ich würde mit der fliegenden Wahlurne wählen.
Rolf verzog das Gesicht. — Is mir zu eklig.
— Eklig isses, aber immer noch besser als so ein Gemache.
— Absolut eklig. — Rolf trank die Flasche auf einen Zug leer, schraubte sie zu, schlug die letzten Tropfen aus der roten Kappe und drückte sie auf die Flasche.
— Fliegende Wahlurne ist saueklig! — Rolf beugte sich zur Seite und ließ seine Spucke auf den Rand des Kübels fallen.
— Die Rollmann hat gesagt, daß die FDJ drei Türen ausgehängt hat, mindestens drei!
— Drei Türen? Dürfen die gar nicht, wegen der Gesetze und so!
— Quatsch doch nicht, wirst ja sehn. War ’ne FDJ-Initiative, von ganz oben.
— Meine Oma ohne Tür, nee.
— Deine Oma kriegt ja ’ne Tür.
— Und Tina?
— Biste so blöd, oder tuste nur so? — Rolf ließ die Spucke zwischen seine Turnschuhe auf die Fußwegplatte klatschen.
— Mann, Mann! — Michael verbarg die Zigarette in der hohlen Hand. — Kacke, die winken, eh, die winken uns!
— Piß dich nicht voll. — Rolf wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Seine Zigarette fiel zu Boden, er schlang den Beutel ums Handgelenk und folgte Michael.
— Schlaft nicht ein, Sportsfreunde! — Michael und Rolf begannen auf den letzten Metern zu laufen.
— Was gibt’s denn hier rumzuspucken? — Der Polizist hakte seine Daumen ins Koppel.
— Hab nur einmal …
— Nicht wie oft, Sportsfreunde, sondern warum lautete die Frage!
— Mir ist schlecht — sagte Rolf.
— Aber rauchen wie ein Schlot?
— Gelegenheitsraucher.
— Und das da? — Der Polizist deutete auf Rolfs rechte Hand, auf die gelben Stellen an Zeige- und Mittelfinger.
Rolf verzog den Mund.
— Erstwähler, was?
— Ja — antworteten Rolf und Michael gleichzeitig.
— Ihre Dokumente!
Rolf und Michael übergaben dem Polizisten ihre Personalausweise.
— Was machen Sie denn dauernd in der ČSSR?
— Bergsteiger — sagte Michael hastig. Aus dem Wagen war die Funksprechanlage zu hören. Der Beifahrer meldete sich mit Toni 17.
— Rote Bergsteiger, mal davon gehört? — Der Polizist blätterte in den Ausweisen vor und zurück.
— Kurt Schlosser, klar, kenn ich — sagte Michael.
— Den Beutel mal her. — Rolf reichte ihm den Beutel. Der Polizist schraubte die Flasche auf und roch daran.
— Kamillentee, wofür denn das?
— Mir ist übel — sagte Rolf.
— Und warum gehen Sie dann nicht zur Wahl?
— Warten auf ’n Kumpel.
— Und wie heißt Ihr Kumpel?
— Sebastian — sagte Michael — Sebastian Keller.
— Keller, Sebastian also. Und wo wohnt dieser Keller, Sebastian?
— Georg-Schumann-Straße einhundertund…
— Haben Sie kein Blauhemd?
— Hab ich drunter — Michael zog an dem Rundkragen seines Pullovers und stülpte den blauen Kragen darüber.
— Und Sie?
— Bin nicht in der FDJ.
— Nicht im Jugendverband?
— Religiöse Gründe.
— Aber wählen, ich meine, Ihre Stimme, Sie werden doch Ihre Stimme abgeben?
Rolf nickte bedächtig. — Hatte ich vor. — Rolf wandte sich um und spuckte auf die Wiese.
— Na dann, viel Vergnügen, gute Verrichtung! — Er reichte Rolf beide Ausweise. — Und herzlichen Glückwunsch zum Erstwähler! — Er salutierte flüchtig. Als er die Fahrertür des Lada öffnete, sagte der Beifahrer gerade — Verstanden!
Michael und Rolf schlurften in Richtung Wahllokal.
— Was erzählst du da für ’nen Scheiß, religiöse Gründe? — flüsterte Michael.
— Haste gemerkt, wie der Schiß gekriegt hat?
— Und wenn er’s nachprüft?
— Was solln der nachprüfen?
Der Toniwagen fuhr an ihnen vorbei und hielt direkt vor dem Wahllokal.
— Religiös hilft immer. Die sind sogar froh, wenn du religiös sagst und sagst, daß du deine Stimme abgibst.
— Stell dir mal vor, du wärst der einzige, der so was macht.
— Was macht?
— Na, wählen gehen!
— Wieso der einzige?
— Nur mal vorstellen! Du gehst hierher und alle anderen nicht, nur du gibst deine Stimme ab, du allein.
— O Mann …
— Ich würde sterben, lieber würde ich sterben.
— Warum sterben?
— Weil es so peinlich ist! Alle würden sagen, das ist der, der seine Stimme abgegeben hat, und dann würden sie kichern und mir was hinterherrufen.
— Du hast Probleme, nu ma wirklich.
— Mensch, Röhre, da is Tina! Da!
In die Menge vor dem Wahllokal war Bewegung gekommen. Die beiden Photographen trabten in Richtung Bordstein, ein zweiter Toniwagen stoppte, ein Mann mit umgehängtem Tonband und Mikrophon trat als erster vor die Familie, in deren Mitte eine junge mittelgroße Brünette im Blauhemd stand, eine hellrote Schleife im Pferdeschwanz.
Rolf und Michael rannten das letzte Stück und hörten, wie Tina dem Mann mit dem Tonband sagte — Ach, ganz normal, wie immer, viel Bewegung, gesunde Ernährung, viel frische Luft. — Als der Reporter schon zur zweiten Frage ansetzte, fügte sie lächelnd hinzu — Und nicht zu spät ins Bett!
Alle lachten, Tinas dunkle Augen leuchteten.
Michael zog den Pullover aus, so daß auch er jetzt im Blauhemd dastand.