Michael ließ Tina nicht aus den Augen. Ihr Blauhemd, unter dem sich der breite Verschluß eines BHs abzeichnete, betonte ihre sportliche Figur.
Plötzlich hob sie den Hintern, raffte die Bluse hoch — etwas erschien zwischen ihren Pobacken, wurde länger, ein dünnes Würstchen fiel herab, Gase entwichen, ein verhaltenes — Aaaahh — folgte und dann eine etwas dunklere und kürzere Wurst.
Der Erstwähler rechts von Michael schob bereits seine gewaltige Stimmabgabe vor die Kabine und riß hastig am Klopapier. Auch die Erstwählerin zu seiner Linken hatte allen Kandidaten ihre Stimme gegeben.
Michael erhob sich und nahm behutsam sein Werk aus der Schüssel. Oben war der Stimmzettel etwas feucht geworden. In der Mitte jedoch ruhte rund und glatt seine Stimme, die in einer kecken Spitze endete.
— Wie eine Baiserschnecke, nur eben hellbraun.
Michael konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken, als er es vor sich ablegte. Überall raschelte jetzt Klopapier. Keine roten Punkte, sondern Marienkäfer hatte Tina als Muster auf ihrem Slip. Ihre Wangen waren gerötet, auf Oberlippe und Stirn glänzte Schweiß. Die Wahlkommission nahm bereits die Blumensträuße aus den Wassereimern. Michael mußte sich beeilen.
Plötzlich preßte jemand seinen Arm. — Es wird im Block gewählt, nicht einzelne Kandidaten! — Michael sah den Wahlhelfer ratlos an.
— Na da, da, Wilfried Becker, bekommt der etwa nicht deine Stimme? Hast du was gegen die GST?
— Soll ich … — Michael hob seinen rechten Zeigefinger.
— Ja natürlich, los, los, alle warten auf dich!
Michael versuchte, das runde Würstchen nach oben und unten zu verschmieren, aber es war zäher als erwartet. Er spuckte, er spuckte ein zweites Mal, es ging gerade so. Aber jetzt sah es schäbig aus, unästhetisch. Michael stopfte als letzter seinen Stimmzettel in die Wahlurne und sah sehr ernst auf den Thälmann-Pionier herab, der ihm drei Nelken mit viel Grün überreichte. Der Handschlag nach dem Pioniergruß war lasch und feucht. Nun, da jeder einen Nelkenstrauß hatte, begann der Applaus.
Draußen wurden die vier Erstwähler stürmisch empfangen. Alle, die vor dem Wahllokal anstanden, hatten sich ihnen zugewandt und spendeten herzlichen Beifall.
Michael war wie betäubt. — Ich dachte, die sind sauer auf uns.
— Warum denn? — Tina lachte. — Warum sollen die denn sauer auf uns sein?
— Ich dachte halt … — Michael hatte Rolf erkannt, der wie wild klatschte. Michael nickte ihm zu und lächelte gequält. Rolf hingegen schien bester Laune zu sein und machte ihm ein Zeichen mit der rechten Hand, die er unterm Gürtel hin und her bewegte, wobei Daumen und Finger immer wieder wie ein Maul zuschnappten.
— Ist das dein Kumpel? — fragte Tina.
— Na ja, Kumpel, wir waren zusammen in der Schule.
— Sag ihm, daß er ein Ferkel ist, mit schönem Gruß von mir. Ein richtiges Ferkel!
— Wegen der vier …
— Der will, daß du mich in den Hintern kneifst. Siehst du das nicht?
— Ach, der tut nur so.
— So ein Ferkel! Der ist neidisch.
— Neidisch?
— Klar doch. Aber wir haben es uns verdient!
Michael zählte die geöffneten Knöpfe an ihrer Bluse. Es waren tatsächlich vier. Er hatte die Wette verloren. Aber dafür sah er den Ansatz ihrer Brüste, den Schatten zwischen ihnen.
Tina lächelte.
— Du bist selbst ein Ferkel! — Ihre Augen leuchteten wieder. Die Leute wollten einfach nicht aufhören zu klatschen.
— Winken, winken! — flüsterte sie.
Michael begann, seine rechte Hand hin und her zu bewegen.
— Na siehste, Mischa, es geht doch! — rief Tina.
Michael war es unangenehm, weil seine Finger klebten. Aber das störte beim Winken nicht. Und so bewegte er weiter seine rechte Hand hin und her.
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[Brief vom 28./29. 4. 90]
TITUS HOLM
EINE NOVELLE AUS DRESDEN
1
Titus Holm ging quer über den Schulhof, in der Rechten die Schultasche, links, etwas tiefer, den Sportbeutel, der ihm gegen den Unterschenkel schlug. Es war wieder wärmer geworden, die Blätter flimmerten gelb und orange in der Nachmittagssonne. Er hätte seine Kutte ausgezogen, wäre der Wind nicht gewesen, der ihn mal von vorn, mal von der Seite anfuhr und den Chorgesang, der aus einem offenen Fenster des Probenraums kam, wie eine defekte Schallplatte klingen ließ. Erst als Titus an dem rostigen Fahrradständer vorbei durchs Tor lief, hörte er eine Melodie heraus.