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Was folgte, war bedrückend, obwohl wir uns das nicht eingestehen wollten.

Der Baron ließ Weißbrot herumgehen, bevor er Jörgs Flasche nahm und verkündete:»Jahrgang 53!«Ich war nicht ganz bei der Sache, als der Baron den 53er Beaujolais beschrieb. Als ich aufsah, kämpfte er, hochrot, mit dem Korken. Plötzlich erschlafften seine Wangen, die schon ein Lächeln erfaßt hatte. Er urteilte allein nach dem Geruch des Korkens. Wir konnten ihn nicht mal dazu bewegen, uns auf eigene Gefahr kosten zu lassen. Barrista, noch immer mit rotem Kopf, stellte sich taub. Ich war überrascht, wie schnell er die Fassung verlor.

Georg murmelte, bei solchen Dingen sei eigentlich immer er der Pechvogel, Jörg versuchte zu lachen. Er habe seinen Jahrgang nie gemocht, deshalb überrasche es ihn nicht weiter. Ich fürchte, Jörg hat es mehr getroffen, als er sich selbst eingestand. Und das lag, ohne ihm einen Vorwurf machen zu wollen, an Barrista. Vielleicht fühlte Barrista sich betrogen, so eine Flasche wird nicht billig sein.

Georg, unser 56er, kostete den ihm zugedachten Barolo. Es dauerte eine Weile, dann sagte er:»Vielen Dank. Das war großartig!«

Es folgte ein über alle Maßen edles» Chateaubriand«, und zum Nachtisch gab es eine Schokoladencreme und einen italienischen Schnaps82.

Der Baron sprach ununterbrochen vom Erbprinzen, aber es gelang ihm nicht, seine Enttäuschung zu überspielen. Der Fehlschlag hatte die Atmosphäre verdorben.

Kurz vor zwölf verließen wir die honiggoldene Fürstensuite. Die Kellnerin begleitete uns mit dem Wolf, der ausgeführt werden mußte, nach unten. Auf der Straße fragte Jörg, was Barrista eigentlich von uns gewollt habe. Ich hingegen fragte mich mit Blick auf den vertrauten Bahnhof, wo wir eigentlich gewesen sind. Was sollte Barrista schon gewollt haben? Herausfinden, mit wem er es zu tun hat! Wenn sich nur jeder halb soviel Mühe dabei gäbe wie er!

Wir hatten uns schon getrennt, als mir einfiel, woher ich die Kellnerin kannte. Es war jene üppige Blondine, die uns im Januar aus der Bar entgegengestolpert war.

Dein E.

PS: Was ich Dir immer vergessen habe zu schreiben: Gesines musikalische Vorführung hat bei Robert so viel bewirkt, daß wir Tante Trockels Klavier nicht verkauft, sondern in sein Zimmer bugsiert haben. Robert nimmt tatsächlich Unterricht. Was die arme Tante Trockel nie geschafft hat, ist Gesine gelungen. Mal sehen, was daraus wird. Immerhin hat er schon ein paar Noten gelernt.

Donnerstag, 8. 3. 90

Liebe Nicoletta!

Seit Sie fort sind, habe ich nur an Sie gedacht. Ich mußte Sie mir nicht vorstellen. Sie waren da, und ich habe Ihnen zugehört. Allein der Schlaf unterbrach unser Zusammensein. Als ich erwachte, entschädigte mich eine ungeheure Freude für unsere Trennung: Es war kein Traum, Sie haben mich tatsächlich besucht. Ihre Gegenwart hat mich zur Besinnung gebracht. Lachen Sie nicht! So etwas schreibt sich nicht einfach dahin. Mit Ihnen bin ich glücklich gewesen! Mit Ihnen habe ich mich — ich finde keinen anderen Ausdruck dafür — in einem Zustand der Gnade befunden. Nicoletta, ich will Ihnen alles, alles sagen und alles auf einmal, und würde alle Worte dafür hergeben, wenn ich Sie sehen könnte.

Erinnern Sie sich, wie Sie — Sie hatten von Ihrem berühmten Onkel83 erzählt, von den obskuren Umständen seines Todes, da sagten Sie, bei den wirklich wichtigen Sachen wisse man nie, was man eigentlich denken solle? Sie sagten es beiläufig und sprachen weiter. Ja, sagte ich, noch ganz bei diesem Satz, woraufhin Sie mich verwundert ansahen, und ich mich beherrschen mußte, Ihnen keinen Kuß zu geben.

Die Stunde, in der ich Sie noch in Altenburg wußte, ist so quälend gewesen. Sie hätten hier, in meinem Zimmer, warten sollen, selbst wenn wir nur geschwiegen hätten! Das wäre die richtige» Schonung «gewesen. Erst von dem Augenblick an, da ich glauben durfte, Sie hätten die Stadt verlassen, wurde ich ruhiger. Hoffentlich hatte der Zug keine Verspätung und Sie haben alle Anschlüsse erreicht.

Ist es im Korrekturraum84 nicht wie in der Schule gewesen? Sie, die NEUE, sahen unschlüssig in die Klasse, als wüßten Sie nicht, wohin Sie sich setzen sollten. Und dann entschieden Sie sich für mich, für meine Bank, und streckten mir die Hand entgegen, als hätten Sie gerade in einem Reiseführer gelesen, daß man das im Osten so macht. Und während die anderen in der Pause herumliefen, blieben wir wie die Musterschüler sitzen. Die zunehmende Dichte Ihrer kalligraphischen Korrekturzeichen registrierte ich mit sinkendem Mut. Die Gänsehaut, die Ihren Arm bis an die Schulter überzog, die Narbe über Ihrem linken Ellbogen, haben mich immer wieder abgelenkt. Mir entging keine Regung Ihrer rechten Hand. Sie fragten nach dem Duden und korrigierten so konzentriert, als wollten Sie mir Zeit geben, mich an Ihre Gegenwart zu gewöhnen.

Mir erscheint es plötzlich so absurd, Ihnen zu schreiben, statt mich auf den Weg zu machen. Die einzige Entschuldigung könnte in meinem Zustand liegen. Aber ich habe kaum noch Schmerzen.85

Ich küsse Ihre Hände

Ihr Enrico

Freitag, 9. 3. 90

Liebe Nicoletta!

Der erste Bus ist schon gefahren, bald werde ich Schritte über mir hören und all die Morgengeräusche. Mein Fenster steht einen Spalt offen. Wie geht es Ihnen? Ich möchte mit Ihnen sprechen. Bei der Vorstellung, daß Sie dieses Blatt erst in ein paar Tagen erhalten werden, scheinen diese Zeilen ihren Sinn zu verlieren. So lange will ich nicht warten!

Die Kopfschmerzen sind erträglich geworden. Den Arzt in der Poliklinik überredete ich, mir die Halskrause abzunehmen. Die Hände an meinen Schläfen, sah er mich derart erwartungsvoll an, als könnte mein Kopf herunterfallen. Ich solle mir vorstellen, mein» Haupt «auf dem Hals zu balancieren, so ergebe sich die richtige Haltung ganz von selbst. Am spanischen Königshof hat man sich wohl nicht würdevoller bewegt als ich mich in meinen vier Wänden.

Ich verbot mir, in die Redaktion zu gehen. Die Erwartung, dort könnte ein Gruß von Ihnen auf mich warten, und sei es ein flüchtiger, ziehe ich der Enttäuschung, daß dem nicht so ist, entschieden vor.

Vielleicht liege ich allein deshalb im Bett, um ungestörter an Sie denken zu können. Wie viele Briefe habe ich Ihnen schon geschrieben, mit geschlossenen Augen, die Hände über dem Bauch gefaltet. Könnten wir unser Gespräch doch dort wiederaufnehmen, wo es unterbrochen worden ist!? Aus Wut und Enttäuschung über den verdorbenen Tag und Ihre verfrühte Abreise war ich nicht mehr in der Lage, das Glück zu sehen, daß Ihr Besuch bedeutet, überhaupt das Glück, daß wir am Leben sind.

Wie kamen Sie denn darauf, in dem Unfall einen Anschlag zu sehen? Das erste, was Sie riefen, war:»Ein Anschlag!«

Daraufhin bildete ich mir sofort ein, die beiden Männer in dem weißen Lada zu kennen. Ich gebe mir alle Mühe, das als Hirngespinst abzutun, aber auch als Hirngespinst gefällt es mir nicht. Jetzt, beim Schreiben, klingt es völlig absurd. Und doch erscheinen mir die beiden Gestalten immer deutlicher. Es ist wie im Märchen, wenn der Teufel gerade in jenem Augenblick seinen Tribut fordert, da man ihn bereits vergessen hat.86

Liebe Nicoletta, es ist Abend — und wieder kein Brief von Ihnen.87 Ich weiß, ich sollte das nicht schreiben.

Den Tag habe ich in seltsamer Stimmung verbracht. Ich roch die merkwürdigsten Dinge, wähnte mich plötzlich in einem anderen Zimmer und brauchte, als würde ich erwachen, ein paar Sekunden, um wieder zu mir zu kommen. An solchen Tagen genügt eine Unachtsamkeit, und man stürzt ab und fällt und fällt. Ist es nur Einbildung, wenn man den Griff tatsächlich spürt, obwohl die Hand längst losgelassen hat? Soll ich sagen, die Vergangenheit greift nach mir, oder vielleicht besser: Ich bin nie jung gewesen? Glauben Sie, daß jemand wie ich dazu fähig ist, eine Waffe zu stehlen? Verzeihen Sie das Geraune. Das klingt alles so abgeschmackt. Ich habe einfach Angst, in jenen Zustand zurückzufallen, in dem ich mich Ende letzten Jahres befand. Ich war krank und lag genauso wie jetzt in meinem Zimmer. Und das ist, ich übertreibe nicht, die schlimmste Zeit meines Lebens gewesen.