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Seit ein paar Wochen trage ich eine Frage mit mir herum. Anfangs nahm ich sie nicht ernst; sie war mir zu profan. Aber mittlerweile glaube ich an ihre Berechtigung. Sie lautet: Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf? Und was hat er da angerichtet?88

Ich könnte natürlich auch fragen, wie der liebe Gott in meinen Kopf kam. Das liefe auf dasselbe hinaus, wäre allerdings weniger auf die Besonderheit meines Sündenfalles gerichtet.

Eine genaue Antwort vermag ich selbstredend nicht zu liefern. Ich kann nur versuchen, mich heranzutasten.

Eines der wenigen Rituale, die bei uns zu Hause gepflegt wurden, war das Wiederbeleben frühester Erinnerungen. Das Ziel war erreicht, wenn meine Mutter rief:»Unmöglich! Da warst du erst zwei!«oder:»Mit anderthalb — das ist ausgeschlossen!«Noch bei der fünften Wiederholung gelang ihr diese Fassungslosigkeit überzeugend. Meine Erinnerungen bestätigt zu finden befriedigte mich zutiefst. Schüttelte meine Mutter ungläubig den Kopf, fühlte ich mich als eine Art Wunderkind. (Vera, meine Schwester, versäumte nie, Berichtigungen anzubringen; gegen ihre vier Jahre Vorsprung war ich machtlos und mußte mir anhören, wie glücklich man ohne mich gewesen war.)

Hier eines meiner Bravourstücke: Ich erwache, im Zimmer ist es dunkel, im Vorraum Licht und Stimmen. Meine Mutter trägt mich hinaus, meine Großmutter sagt: mein Herzchen. Über einer Sessellehne liegen zwei Mäntel mit Pelzkragen und ein Hut — Fremde! Fremde sind in unserer Wohnung! Ich beginne zu weinen. Die Fremden haben sich versteckt. Man gibt mir ein Duplo, das wie eine halbgeschälte Banane aus dem Papier ragt. Meine Schwester hat ebenfalls ein Duplo. Ich verstehe ihre Ausgelassenheit nicht. Das Duplo soll mich mit den Fremden versöhnen, die hier einziehen wollen. Ich bekomme ein kleines rotes Auto geschenkt. Zwischen Vorderrad und Fahrertür ragt ein helles Stäbchen heraus. Damit wird gelenkt. Die Scheinwerfer sind Glassteinchen,»Brillanten«, sagt meine Mutter,»aus dem Westen.«

Aus den Koffern werden immer neue Geschenke zutage gefördert und meiner Mutter gezeigt. Mein Opa kitzelt mit einem elektrischen Rasierapparat meinen Handteller. Alles kommt aus dem goldenen Westen. Ich überblicke den größten Teil des Zimmers, die Fremden verstecken sich. Sie flüstern mit meinem Opa.

Wieder im Bett, frage ich, ob die Fremden lange bleiben werden. Dabei bin ich mir sicher, daß sie bei uns einziehen wollen. Ich glaube meiner Mutter nicht.

Ich bin ängstlich, ich bin beeindruckt, Spielzeug mit Brillanten, wo die herkommen, ist die Welt aus Gold. Das ist auch der Grund, weshalb wir nicht in den Westen dürfen. Natürlich wollen alle lieber im Westen leben. Ich darf mit diesem Auto nicht draußen spielen, überhaupt dürfen andere Kinder nicht von diesem Auto erfahren. Sie werden sonst neidisch, weil sie selbst kein rotes Auto haben. Das rote Auto ist unersetzbar, das kann man nicht einfach kaufen. Bei uns haben nur wenige Kinder Matchbox-Autos und Legosteine und Kababüchsen. Ich hatte auch Hemden aus dem Westen und Hosen, und später würde ich genauso hübsch aussehen wie der Junge auf der Kinderschokolade. Eigentlich war auch ich ein Westkind.

Hören Sie mir überhaupt noch zu? Oder halten Sie mich nun für völlig verrückt? Lassen Sie es mich zu Ende erzählen! Von Jahr zu Jahr begriff ich besser: Wir besaßen Dinge, die andere Familien nicht hatten und nicht haben konnten, auch wenn sie diese noch so sehr begehrten und viel mehr verdienten als meine Mutter und mehr Geld auf dem Konto hatten als mein Opa. Die Westsachen waren wie Mondgestein, entweder wurden sie einem geschenkt, oder sie blieben unerreichbar. Mit den Verwandten im Westen war es genauso wie mit dem lieben Gott und dem Herrn Jesus, die hatten einen auch lieb, obwohl man sie gar nicht kannte und nie zu Gesicht bekam. Und wer mich wegen des lieben Gottes auslachte, beneidete mich zumindest um mein rotes Auto.

Fünf Tage im Jahr waren besonders: Nikolaus, Ostern, Geburtstag, Weihnachten — Weihnachten war die Krönung, doch die Steigerung von Weihnachten war jener Tag, an dem die Großeltern von ihrem Besuch aus dem Westen zurückkehrten. Der Abend ihrer Ankunft auf dem Neustädter Bahnhof in Dresden war der eigentliche, der nicht zu übertreffende heilige Abend.

Jedes Jahr nahm meine Mutter an diesem Tag frei, und wir durften zum Mittagessen nach Hause kommen. Nach den Hausaufgaben halfen wir ihr, wobei wir das Gefühl hatten, durch gründliches Staubwischen und ausgiebiges Schuhputzen die Anzahl der Geschenke zu vermehren.

In unseren besten Sachen ging es dann, schon im Dunklen, zur Straßenbahn.

Das Großartige, um nicht zu sagen: das Ungeheuerliche, lag in unserer Erwähltheit. Was lebten die anderen für ein Leben, in dem es nie einen Tag, einen Abend wie diesen geben würde? Ich bedauerte meine Mitschüler. Sie taten mir leid wie die Afrikaner, die sonnabends weder» sport aktuell «noch Berichte über die Vierschanzentournee sehen konnten.

In der Straßenbahn, in der uns die vielen freien Sitzplätze übermütig werden ließen, sahen wir wohl etwas herablassend auf die anderen Fahrgäste. Wir waren unerkannte Königskinder, und ich war glücklich, niemand anders als ich zu sein.

Dann begann das Hin und Her, auf welchem Bahnsteig der Zug einfahren sollte. Bei jedem Lautsprecherrasseln lauschten wir angespannt, um im blechernen Lallen die Silben» Be-bra «auszumachen. Und was wäre das Warten ohne Verspätungen gewesen, was die Herbstluft ohne den Dampf der Lokomotiven.

Es gab keine Enttäuschungen, es konnte gar keine geben, denn jedes Geschenk aus dem Westen war an und für sich unschätzbar. Was die Großeltern erzählten, lag außerhalb unserer Vorstellungskraft, zum Beispiel Rolltreppen, Rolltreppen in einem Kaufhaus. Man betritt einen Teppich, hält sich am reichverzierten Geländer fest und wird lautlos nach oben getragen, man schwebt wie ein Engel die Himmelsleiter hinauf.

Im Westen wurden die Straßen unterirdisch beheizt, die Tankstellen schlossen nie, und weil die Leute im Westen gar nicht mehr wußten, was sie noch schöner machen sollten, hackten sie aus lauter Spaß die Straßen wieder auf, die sie gerade erst mit Asphalt überzogen hatten. Über jedem Geschäft, über jeder Tür blinkte Reklame, weshalb die Nächte taghell blieben und von einem Verkehr durchflutet waren wie bei uns nicht mal nach der Maidemonstration. Trotzdem bekam man im Westen in der Straßenbahn, im Bus oder Zug immer einen Sitzplatz. Im Westen duftete das Benzin wie Parfüm, und die Bahnhöfe glichen tropischen Gärten, in denen man den Reisenden wundervolle Früchte darbot. Im Westen trug man in der Schule lange Haare und Jeans und kaute Kaugummis, mit denen sich kopfgroße Blasen machen ließen. Außerdem lag der Weltmarkt im Westen. Ich wußte nicht, wo genau, auf jeden Fall aber im Westen. Öffnete man denn nicht bei dem O von Ost den Mund wie ein Tölpel? Und zischte dieses West nicht schon an sich dahin wie ein Lamborghini Miora auf Superfast-Reifen? Osten klang nach bewölktem Himmel und Omnibus und Baugrube. Westen nach Asphaltstraßen mit gläsernen Tankstellen, nach Terrassen mit Strohhalmgetränken und Musik über einem blauen See. Städte mit Namen wie Cottbus, Leipzig oder Eisenhüttenstadt konnten einfach nicht im Westen liegen. Wie anders klang dagegen Lahr, Karlsruhe, Freiburg oder Garching. Vera und ich — soviel wir uns sonst stritten — waren uns einig, wenn es um den Westen ging.

Nur eins noch (haben Sie Geduld mit mir): Pakete waren etwas, was grundsätzlich aus dem Westen kam. Der Inhalt wurde nicht gleich weggeräumt, sondern blieb zunächst auf dem Wohnzimmertisch liegen. Erst im neuen Jahr verschwanden Kaffee, Seife, Strumpfhosen in Schränken und Schubladen, doch nie verloren sie das Aroma ihrer Herkunft. Sie blieben gegen jede Vermischung resistent und bildeten eine eigene Kategorie von Dingen. Ihr Wert erschöpfte sich aber nicht in ihrem Gebrauch oder Verzehr. Nie wären wir auf die Idee gekommen, eine Kaba- oder Carobüchse wegzuschmeißen. Unser ganzer Keller stand voller solcher Büchsen und Dosen.