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Obwohl meine Mutter eine wirklich gute OP-Schwester war und ist und Gott sei Dank keine künstlerischen Ambitionen hegte, galten bei uns die sogenannten ordentlichen Berufe nichts. Auf unseren Spaziergängen in der Dresdner Heide war immer von Mozart die Rede, den sie in einem Armengrab verscharrt hatten, von Hölderlin, der verrückt geworden war, von Kleist, dem Selbstmörder, von Beethoven, den das Publikum ausgelacht hatte. War nicht jedes wahre Genie verspottet worden, hatten sie nicht alle furchtbar gelitten — ausgenommen Goethe —, und hatten sie nicht trotzdem etwas geschaffen, wofür ihnen die Menschheit heute unendlich dankbar ist? Aus Dunkelheit durch Kampf zum Licht!

Die Erfahrungen mit meinem Vater änderten daran nichts, im Gegenteil, meine Mutter schraubte ihre Vorstellung von Genie und Werk nur um so höher. Mit anderen Worten: Wären meine Eltern mit ihrem Leben halbwegs zufrieden gewesen, hätten sie uns, besonders aber meiner Schwester, einiges erspart.

Ich teile Ihnen das allein aus Gründen der Vollständigkeit mit, es erklärt alles und nichts.

Ich will Ihnen ja nicht mein Leben erzählen, sondern allein jener Spur folgen, jenem Pfad, auf dem ich so jämmerlich in die Irre gegangen bin und den zu beschreiben am Ende eine Art Geschichte ergeben könnte, eine böse Geschichte, jedoch als abschreckendes Beispiel vielleicht nicht ohne Nutzen.97

In den Sommerferien der siebenten Klasse, ich war ein Jahr später als mein Jahrgang eingeschult worden, also immerhin fast vierzehn, verbrachte ich gemeinsam mit meiner Mutter drei Wochen in einem Bungalow. Der stand mitten im Kiefernwald in der Nähe eines klaren Sees, in Waldau im Südosten Berlins.

Das kleine Anwesen gehörte einem kinderlosen Ehepaar aus Jüterbog, Freunden meines Vaters, die im Sommer nach Bulgarien oder Ungarn fuhren und uns eine nicht ganz uneigennützige Treue bewahrten. Meine Mutter, die für unseren Aufenthalt zahlte, war es auch, die die Dachrinne säuberte, Gardinen wusch, Teppiche klopfte, mit dem Leiterwagen zum Altstoffhandel fuhr, die Propangasflasche nachfüllen ließ, die Grubenentleerung bestellte und selbst kleine Verbesserungen veranlaßte, wie die Installation eines Außenlichtes — sie wollte kein zweites Mal auf eine Kröte treten.

Da es im Bungalow keinen Fernseher gab, fürchtete ich die Langeweile bereits vor der Abfahrt. Langeweile bestimmte überhaupt mein Leben. Ich langweilte mich täglich, obwohl ich dreimal pro Woche zum Sportschießen fuhr (ich galt bei» Olympisch Schnellfeuer «als nicht unbegabt).

Es gibt ein Photo, auf dem ich in Waldau mit krummem Rücken, starrem Blick und kurzen Hosen am Tisch sitze und mich an den Waden streichle. Ich weiß noch genau, woran ich im Moment der Aufnahme dachte, nämlich an die neue Oberliga-Saison, sah Dynamo Dresden Spiel um Spiel gewinnen und mit einer makellosen Bilanz Meister und Pokalsieger werden.

Im Kindergarten hatte ich Lesen für eine Art Zauberei gehalten, die man ab einem bestimmten Alter ganz selbstverständlich beherrscht. Doch im selben Moment, da ich begriff, daß es sich beim Lesen um eine ebenso mühsame wie eintönige Buchstaben- und Silbenzusammenzieherei handelte, war es ein ödes Schulfach geworden.

Deshalb war die Frage meiner Mutter, welche Bücher sie für den Urlaub einpacken sollte, an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten.

Mir zuliebe spielte sie Federball, Schach oder Schiffeversenken. Ich fuhr Rad und erledigte die Einkäufe im Dorfkonsum, wo es ab acht das» Sportecho «gab. Als Frühaufsteher verbrachte ich die erste Stunde des Tages, indem ich den» Stern«-Recorder unserer Vermieter auf den Gepäckträger des alten Herrenrades schnürte und im Wald zur Musik meiner Kassetten umherradelte.

Am dritten Tag unterschätzte ich bei einem dieser Frühausflüge eine Pfütze. Mein Vorderrad blieb darin stecken, als hätte eine eiserne Hand danach gegriffen — ich flog vom Sattel. Ein Schmerz, schlimmer als das schlimmste Seitenstechen, nahm mir den Atem, Sand brannte in meinen Augen. Fürchterlich aber war die Stille. Halb blind, mit gebrochenen Rippen, wie ich glaubte, heulend vor Wut und Schmerz, kroch ich zur Pfütze und zog den» Stern«-Recorder aus dem Modder. Einmal, zweimal, dreimal nahm ich die Kassette heraus, legte sie wieder ein, doch vergeblich. Nur das Radio funktionierte noch.

Während ich im Sand kniete und versuchte, mit den Fingern den Matsch aus den Ritzen der Holzverkleidung zu kratzen, lief auf Mittelwelle eine Morgenandacht. Wenn Gottes Wort wie Regen auf den Boden fällt, kann es sein, daß es nutzlos verrinnt. Um es aufzufangen, soll man Gräben ziehen. Der Pfarrer sprach die ganze Zeit vom Gräbenziehen, was nichts anderes hieß, als täglich das Neue Testament zu lesen, um auf Gottes Wort vorbereitet zu sein. Zudem gebe Gott jedem zu seiner Zeit ein Zeichen. Nach den letzten Worten des Pfarrers schaltete ich das Radio aus.

Ich wußte nicht, was ich tun sollte. An einer Ecke war die Holzverkleidung abgesplittert. Ein» Stern«-Recorder kostete mehr, als meine Mutter im Monat verdiente. Als ich aufsah, stand etwa zwanzig Meter entfernt ein Reh auf dem Weg. Es wandte mir den Kopf zu. Nachdem wir uns eine Weile angesehen hatten, stakste es weiter und verschwand in der Schonung.

Der Anblick eines Einhorns hätte mich nicht tiefer erschüttern können. Plötzlich betete ich. Ich dankte für das Zeichen, dafür, daß Gott mich in den Wald geführt und zu mir gesprochen hatte. Und zum ersten Mal war ich es selbst, der das Wort an Gottvater richtete, nicht irgendein Kind, das etwas vor dem Einschlafen aufsagte. Nein, jetzt betete ich. Ich bat um Hilfe, Hilfe in der Not, und schloß meine Mutter und den Radiopfarrer in meine Bitte um das ewige Leben mit ein. Ich versprach, ab heute meine Gräben zu ziehen, tiefe Gräben, in denen sich Gottes Wort sammeln sollte, aus denen ich schöpfen würde immerdar. Derart gestärkt und beruhigt, fand ich tatsächlich das abgesplitterte Holzstück und hoffte auf ein weiteres Wunder.

Ob ich unter die Räuber gefallen sei, fragte meine Mutter.

Ich durchstöberte das Bücherbord über dem Nachtspeicherofen. Herr, betete ich, gib mir Dein Neues Testament. In der Hand hielt ich dann ein dickes graues Buch ohne Schutzumschlag. Den roten Schriftzug entzifferte ich als Martin Eden. Jack London sagte mir etwas. Ich setzte mich in einen Liegestuhl und begann zu lesen, hätte aber wohl bald damit aufgehört, da weder von Wölfen noch Goldgräbern die Rede war, sondern von einem Schriftsteller. Allein daß mich dieses Buch ausgewählt hatte, konnte kein Zufall sein. Je weiter ich las, um so vertrauter erschien mir die Geschichte.

Als ich zum Mittagessen gerufen wurde, war es eins, ja schon nach eins, der ganze Vormittag war verflogen. Ich hatte mehr als drei Stunden gelesen! Da begriff ich: Ich mußte mich nicht mehr langweilen! Wer schon als Kind gelesen hat, versteht gar nicht die kopernikanische Dimension, die diese Einsicht für mich hatte!

Der Tag war noch nicht zu Ende, und was folgte, werden Sie erahnen. Schließlich las ich die Geschichte vom hungernden, aber hartnäckig weiterarbeitenden Schriftsteller, der es dennoch schaffen würde …

Als ich mich abends duschte, fragte ich mich nach der Bedeutung dieses Tausches: Ich hatte die Bibel gesucht und Martin Eden gefunden. Was wollte Gott mir sagen? Während das warme Wasser über mein Gesicht lief, traf mich die dritte Einsicht dieses Tages: Ich sollte Schriftsteller werden!