«Hendrik hat mir den Füller aus der Hand geschlagen«, blieb über Monate hinweg die letzte Eintragung in meinem Tagebuch.
Diesem Leiden gab ich mich noch im August in Waldau hin, wo ich nichts anderes tat, als jene acht Bücher mit grau marmorierten Einbänden zu lesen, auf deren Rücken, Gold auf Blau, das Mantra Herrmann Hesse gedruckt war, ebenfalls ein Geschenk von Tante Camilla, das mich ohne Vorankündigung erreicht hatte. Zwischen den Seiten verbarg sich ein Duft, der besser und feiner war als jener des Intershops. Dieser Duft gehörte zu den Lesestunden, er war mein Weihrauch, der sich nur langsam mit der Waldluft und dem Geruch des Waldauer Häuschens mischte. Doch das bemerkte ich erst zu Hause.
Ganz der Ihre, Enrico
Mittwoch, 21. 3. 90
Lieber Jo!
Gestern habe ich den Stadtspaziergang mit dem Baron nachgeholt, das Wetter war danach. An den Roten Spitzen vorbei gingen wir zum Großen Teich und dort ein Stück entlang der Hutfabrik. Ich empfahl ihm einen Spaziergang mit Georg, der könnte ihm alles über Barbarossa und den Prinzenraub erzählen, über Melanchthon, Bach, Lindenau, Pierer, Brockhaus, Nietzsches Vater und anderes mehr. Der Inselzoo war geschlossen. Ich wollte einen Abstecher zu Altenbourgs112 Haus machen, aber da ihm der Name nichts sagte, gingen wir zurück zum Kino und dann die Teichstraße hinauf, diese Ruinenstraße, in der kaum noch ein Haus bewohnt ist. Wir kamen nur langsam voran, weil Barrista ständig photographierte. Seine Schritte und Gesten waren behutsam wie die eines Archäologen oder Höhlenforschers. Viele Höfe konnten wir gar nicht mehr betreten, das Mauerwerk sank in sich zusammen, bildete organische Formen, bauchige Mauern, durchhängende Fensterreihen. Die jungen Birken auf den Dächern wirkten wie Federschmuck am Hut. Ich erzählte ihm, was alle erzählen: Selbst nach dem Krieg habe man es kaum schaffen können, in jeder Kneipe der Teichstraße ein Bier zu trinken, über zwanzig sollen es gewesen sein, jetzt gibt es noch eine.
Hin und wieder legte Barrista die Hand auf den Putz und strich darüber. Es war seine Anteilnahme, die mich beschämte und mir die Augen öffnete. Auf diesem Spaziergang habe ich die ganze Roheit begriffen, die Roheit in mir und in uns, die Roheit, die es bedeutet, so eine Stadt verkommen zu lassen, ohne darüber verrückt zu werden. Ihren Verfall habe ich immer als natürlich, als den Gang der Dinge angesehen.
Mir fiel das Froschexperiment ein, das der Baron bei jeder Gelegenheit erwähnt (wenn man die Temperatur des Wassers pro Stunde um ein Grad erhöht, behauptet er, wird der Frosch gekocht, obwohl er herausspringen könnte, wenn er wollte). Und vielleicht haben all jene, die einfach aus diesem Land herausgesprungen sind, richtig gehandelt. Das dachte ich, während ich zusah, wie der Baron die verblichenen Beschriftungen und Schilder über den zugemauerten oder hinter blinden Scheiben dämmernden Läden photographierte.
(Georg sitzt hinter mir am Tisch. Während ich Dir schrieb, hörte ich ihn stöhnen und seufzen. Ob ich ihm sagen könne, was er auf die Frage, warum wir die Zeitung gegründet hätten, antworten solle? Ich wiederholte ihm seine damaligen Worte, Öffentlichkeit schaffen, Demokratisierung begleiten, die Leute sollen ein Forum haben, die Bonzen … Das wisse er ja alles, unterbrach mich Georg, aber ob man das heute noch schreiben könne? — Wegen seiner Skrupel bekommt er keinen Artikel fertig, dafür mäkelt er an unseren ständig herum.)
Als ich mit Barrista endlich den Nikolaikirchhof erreichte, fragte er einen Mann undefinierbaren Alters, der seitlich an der Turmtür lehnte, ob wir uns sehr verspätet hätten. Der schüttelte den breiten Kopf, grinste, als kenne er mich, legte zum Gruß zwei Finger an seine Sportmütze (»Basecap «würde Robert verbessern) und zog an einem Bindfaden erst einen großen Schlüssel, dann einen Sicherheitsschlüssel und schließlich einen stattlichen Holzklotz hervor. Ich staunte, daß all das in seine Hosentasche gepaßt hatte. Abermals salutierte er und schlenderte pfeifend wie ein Straßenjunge davon. Er war jener Mann, mit dem Barrista auf der Treppe vor der katholischen Kirche gesprochen hatte, bevor wir unsere kleine Ausfahrt zu Larschen gemacht hatten.
Als der Baron den Sicherheitsschlüssel drehte, hallte das Geräusch des Schlosses im Turminneren wider.
«Nomen est omen«— ich würde wohl keine Probleme mit dem Aufstieg haben, sagte er und ließ mich vorangehen. Er folgte nach. Ich versuchte, etwas Abstand zwischen uns zu bringen. Doch er blieb mir dicht auf den Fersen, obwohl er weiterplauderte, der Turm sei wegen defekter Stufen geschlossen, ich solle mich vorsehen. In Proharsky habe er einen Mann gefunden, der ihm kleine Wünsche ohne viel Aufhebens erfülle. Proharsky sei eigentlich Kosak, das Kind von sogenannten Kollaborateuren, die auf abenteuerliche Weise hier unerkannt gelandet seien. Er sei Proharsky behilflich, für dessen Mutter eine spezielle Rente zu beantragen, die ihr längst zustehe.
«Wissen Sie«, sagte er, als ich die letzte Stufe nahm und mein Blick auf die Dächer fiel,»ich habe mich in diese Stadt verliebt. Ich habe es während meiner Abwesenheit deutlicher gespürt als zuvor. All das Gelaber und Gerede bei uns da drüben, ich hatte förmlich Sehnsucht, wieder hierherzukommen.«
Der Baron hatte sogar einen Schlüssel für die Türmerstube, die verwahrlost war und übel roch.
Verliebt hat sich der Baron aus einem seltsamen Grund: weil die Stadt so gut wie chancenlos sei und, wenn überhaupt, nur durch ein Wunder zu retten. Er lachte und massierte sein linkes Knie. Schon der Name,»Alten«, und dann noch» Burg«. Alt klinge nicht gerade einladend, eine Stadt mit diesem Präfix habe es a priori schwer. Und Burg — er lachte lauter —, mit Burg assoziiere man ja das Schlimmste, Kälte, Enge, Verlies. Er müsse nur Alten-Burg sagen, und schon würden die ausländischen Partner die Hände heben und an einen aufgegebenen Kolonialposten Karls des Großen denken. Da habe er noch nicht mal die weitab und hinter sieben Hügeln gelegene Autobahn erwähnt. Ein Blick auf die Karte der Zugstrecken verrate ihm, daß hier bald nur noch Bummelzüge verkehren würden. Außerdem könne ich fragen, wen ich wolle, die hiesigen Monsterbetriebe seien bereits jetzt am Ende, und die D-Mark, wann immer sie komme, werde sie vollends zur Strecke bringen. Mit DM-Löhnen ließen sich keine Staubsauger mehr zu Dumpingpreisen verkaufen, und was Industrienähmaschinen angehe, da sei der Zug längst abgefahren. Und NVA-Fahrzeuge, generalüberholte LKWs, etwa für die Bundeswehr?
Dann traten wir hinaus auf den Umgang. Ich brauchte lange, bis ich Georgs Garten und unseren Ausguck fand, dafür entdeckte ich gleich am nördlichen Horizont das Völkerschlachtdenkmal.
Die Braunkohle, fuhr der Baron fort, das wisse ich besser als er, habe, wenn seine Informationen stimmten, einen Wasseranteil, der eine Verarbeitung zu Löschsand rentabler mache. Die Dreckschleuder113 von Rositz werde spätestens der Umweltschutz schließen, sobald die Krebsrate bekannt wird. Und was das Uran betreffe, wir sahen gen Westen in Richtung der Pyramiden, darüber lasse sich nur spekulieren.
«Was also bleibt? Altenburger Likör? Altenburger Senf und Essig? Ein paar Skatkarten? Die Brauerei vielleicht?«Und plötzlich, sich zu mir umwendend:»Das frage ich Sie!«
Woher ich das denn wissen solle, antwortete ich. Er ließ nicht locker. Ich müsse mir doch Gedanken darüber gemacht haben, schließlich hänge eins am anderen, und wenn die Leute kein Geld in die Hand bekämen, nütze das schönste Angebot nichts. Von jemandem, der eine Zeitung gründe, also kein unbeträchtliches Risiko eingehe, dürfe man doch eine gewisse Prognose erwarten.
«Damit hat die Zeitung nichts zu tun«, erwiderte ich. Ich meinte aber, solche Überlegungen hätten bei der Gründung keine Rolle gespielt. Barrista machte mir angst. Ich dachte an die Prophezeiung meines Großvaters. Ich würde noch erfahren, wie hart es sei, sich sein täglich Brot zu verdienen.