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Reden Sie weiter, hätte ich am liebsten gesagt, wie einer, der hören möchte, wie der Erzähler entgegen aller Wahrscheinlichkeit den Gefahren entkommen ist.

«Es bleibt tatsächlich nicht viel«, sagte Barrista schließlich,»außer diesen Türmen, Häusern, Kirchen und den Museen. Das Theater, bei allem Respekt«— er verneigte sich —,»werden Sie wohl nicht in Betracht ziehen, zwei Jahre, drei vielleicht, dann ist es aus mit der Herrlichkeit. «Und nach einer Pause:»Die Sicht ist wunderbar, nicht wahr?«Danach versank er in Schweigen und spazierte herum. Wir sahen im Süden das Vogtland und den Kamm des Erzgebirges, und im Westen vermutete ich hinter dem Schloßberg die sanften Hügel von Geithain und Rochlitz.

«Aber es muß doch weitergehen«, rief ich. Er drehte sich um, und nachdem er mich eine Weile aus seinen Tiefseeaugen bestaunt hatte, zog er die rechte Braue in Stummfilmmanier hoch.»Na, sagen Sie’s …!«rief er.

«Wieso ich?«entfuhr es mir.

«Und wieso ich?«echote er und lachte. Ja, er lachte mich aus. Man müsse sich halt Gedanken machen. Ein guter Feldherr, der nur halb so viele Soldaten wie sein Gegner habe, müsse sich eben was einfallen lassen — oder sein Heil in der Flucht suchen. Ich hätte doch in Jena studiert und sicher nicht vergessen, wie es dort zugegangen sei Anno Domini 1806.114 Von allein komme kein Weltgeist in die Stadt geritten.

Mich durchfuhr ein Schauer, als habe mir jemand Eis in den Hemdkragen gesteckt. Der Baron hatte den Jackettkragen hochgeschlagen.»Wenn das der Erbprinz sehen könnte«, sagte er.»Für diese Aussicht, was gäbe er da wohl nicht alles.«

Der Baron lachte und begann gleich darauf, sich wie besessen die Hände zu reiben.»Wir müssen hier etwas finden, eine Silberader, Edelsteine, irgend etwas liegt immer vergraben. Wir müssen es nur finden!«Er lachte übermütig und präsentierte mir seine roten Handflächen, als wäre daraus gerade etwas aufgeflogen.»Schlagen Sie ein«, sagte er, und ich drückte ihm die Hand, ohne zu wissen, welchen Pakt ich da einging. Und weil er so bedeutungsvoll dreinblickte und seine Hand warm war, ergriff auch meine Linke seine Hand, woraufhin er, sichtlich bewegt, seine freie Hand obenauf legte.

Unten empfing uns Proharsky. Schweigend nahm er den Schlüssel in Empfang und ging davon.

Wir liefen quer durch die Stadt in Richtung Redaktion. Allmählich verstand ich, was er gemeint, das heißt, welchen Entschluß er gefaßt hatte: Von der Nansenstraße kommend, den Markt in ganzer Länge vor uns, prophezeite er fröhlich, daß ich in nächster Zeit sehen werde, wie alles, was er anfaßte, zu Gold würde. Er selbst habe aufgehört, sich darüber zu wundern. Als erstes brauche er jetzt ein Büro, ein geräumiges Büro mit Telephon und allem, was dazugehöre. Er wäre mir dankbar, wenn ich ihm in den nächsten Tagen bei der Auswahl helfen könnte.

Jetzt lachte ich. Stellte er sich doof, oder hatte er wirklich keine Ahnung? Heute, da jeder händeringend um ein paar Quadratmeter trockenen Gewerberaums bettelt, will er Auswahl?!

Er werde jetzt im» Wochenblatt «die Eröffnung seines Immobilienbüros bekanntgeben.»Wegen Bauarbeiten in der nächsten Woche nur schriftlich zu erreichen. «Bis die Anzeige erscheine, habe er sicher die Gewerbegenehmigung. Ich solle ihm einen Namen vorschlagen.»LeBaron«, sagte ich, ohne zu überlegen. Nicht schlecht, befand er und fragte, ob Fürst der Nachname meiner Lebensgefährtin sei, er habe das an unserem Türschild gelesen. Ich nickte.»Na also!«rief er und schien vor Freude seine Beine nach vorn zu werfen. Das sei doch was, besser im Plural, also Fürst & Fürst, was wohl wenig Probleme bereite, wie er meinte, da es diesen Namen in Altenburg sicher nur einmal gebe. Er werde, wenn ich das erlaube, meine Lebensgefährtin um Zustimmung bitten, ein Handel, der sich für Michaela, er sagte tatsächlich Michaela, in klingender Münze auszahlen werde.

Am liebsten hätte ich ihn gleich zu Roberts Geburtstag eingeladen, schon wegen des Wolfs, der nachmittags von Georgs Kindern ausgeführt wird. Aber es hat schon genug Streit gegeben, weil morgen die Großmütter anrücken, Robert aber nicht davon abzubringen ist, auf dem Markt Zeitungen zu verkaufen. Michaelas Mutter hat darauf bestanden, wenigstens das Lenkrad von Jimmy zu behalten. Das werde ich ihr also morgen überreichen, sozusagen die Urne des seligen Gefährts. Den LeBaron darf ich vorerst behalten.

Barrista solltest Du einmal kennenlernen, und sei es nur, um seinen Wein zu probieren und Dir einen literarischen Helden der Gegenwart anzusehen.

Sei umarmt, E.

PS: Georg brütet immer noch, atmet aber ruhig und regelmäßig.

Sonnabend, 24. 3. 90

Liebe Nicoletta!

Es gibt Stunden, in denen ich Ihr Schweigen als Aufforderung deute, an meinen Gefühlen nicht irre zu werden und Ihnen zu vertrauen. Wieder und wieder suche ich unsere gemeinsamen Stunden nach Hinweisen ab, was ich falsch gemacht haben könnte. Wüßte ich wenigstens das! Besteht die Aufgabe darin, meine Verfehlung herauszufinden? Oder hat man Sie nach Hongkong geschickt? Sollte denn Barrista wirklich der Grund sein für Ihr Schweigen?! Ein Wort von Ihnen, die Entscheidung fiele mir leicht. Oder ist schon die Suche nach Gründen eine Anmaßung?

Wäre es nicht so absurd, würde ich Sie fragen, ob Sie meine Briefe lesen. Zurückgekommen ist noch keiner! Das macht mir Mut fortzufahren.

Mein zweiter Arkadiensommer gipfelte in unserem jährlichen Budapestbesuch. Statt uns wie sonst die Nacht im Zug um die Ohren zu schlagen, flogen wir, das Nonplusultra an Luxus. Die Abwesenheit von Vera, die in einem Ferienlager an der Ostsee arbeitete, tat ein übriges.

Unsere Wirtin, Frau Nádori115, die wir wie immer mit Bettwäsche bezahlten116, bat uns zur Begrüßung in die Küche, kochte Kaffee und zog sich eine» Duett «aus Mutters Schachtel. Sie inhalierte tief und blies mir den Rauch ins Gesicht. (Sie war eine Freundin der Mutter von Tibor Déry gewesen und hatte Dérys Frau in der schweren Zeit nach 56 unterstützt. Der Name sagte mir damals nichts.)

Wie immer am ersten Tag gingen wir hinauf zur Burg. Diesmal jedoch war ich kein Kind mehr — ich trug Stift und Notizblock bei mir.117

Und dann erblickte ich ihn, den Turm! Er beherrschte die Straße wie eine dieser alles sehenden, alles vermögenden Konstruktionen bei Jules Verne. Von diesem Turm aus konnte uns ein rätselhafter Blitz treffen oder eine lebenswichtige Nachricht. Kämen wir ihm zu nah, würde er verschwinden.

Wie sehr verfehlte doch Frau Nádoris Etikett» Devisenhotel «das Wunder dieses Goldglasturmes. Was wir anstarrten, gehörte nicht mehr zu dieser Welt, stand aber auf ihrem Boden. Ein Ufo, das unerhörterweise im Diesseits gelandet und zugleich zum krönenden Schlußstein unserer Welt geworden war.

Nie werde ich das Lächeln meiner Mutter vergessen, mit dem sie das» Hilton «betrat, ihren Wink, der mich folgen ließ. Unbehelligt von Polizei und Staatssicherheit gelangten wir hinein — und zwar so, wie wir waren.

Sie müssen wissen, daß ich bis dahin noch nie ein Hotel, auch kein viertklassiges, von innen gesehen hatte. In Straßenschuhen liefen wir über Teppiche — niemand störte sich daran. Ich hörte westliches Deutsch und Englisch und eine weitere Sprache, wahrscheinlich Italienisch. Dazu kam unergründbares Licht, weder hell noch dunkel, und Ruhe, obwohl die Leute hier lauter sprachen als auf der Straße. Vor allem ältere Ehepaare fläzten sich in Ledersessel, wie ich es nie zuvor in der Öffentlichkeit gesehen hatte. Einige hatten sogar Hocker herangezogen und legten die ausgestreckten Beine darauf. Niemand forderte die Westler auf, die Schuhe auszuziehen. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich einen der Uniformierten Koffer und Taschen auf ein vergoldetes Wägelchen hieven und zum Fahrstuhl schieben sah. Gehörten sie nicht zur Polizei? Waren sie etwa Diener, in Wirklichkeit existierende Diener, die den Westlern ihre Koffer trugen? Der Eingang in die Unterwelt hätte mich nicht in größeres Staunen versetzen können als dieses Schlupfloch ins Jenseits.