Meine Mutter, die sich wohl von der Realität dieser Spezies überzeugen wollte, fragte einen mageren, hoch aufgeschossenen Uniformierten, wo man hier Kaffee trinken könne. Mit der flachen Hand wies der viel zu kurz Geschorene — waren es vielleicht Soldaten? — nach links, umrundete uns mit schnellen Schritten und wiederholte seine Geste. Meine Mutter dankte laut und auf deutsch. Gerade Deutsch, hatte sie uns eingeschärft, solle man im Ausland nicht zu laut sprechen.
Diese hohen, ungemütlichen Hocker kannte ich aus einer Dresdner Milchbar. Ich war ebenso enttäuscht wie erleichtert, etwas zu sehen, wofür es Vergleiche gab.
Meine Mutter schloß ihre Handtasche und schob sie auf die Theke. In ihrer Rechten knisterte die» Duett«-Packung, zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der Linken steckte die Zigarette, Ringfinger und kleiner Finger hielten einen braunen D-Mark-Schein an den Handballen gedrückt.
Damit die Streichholzschachtel uns nicht verriet, bat sie die Bardame um Feuer. Diesmal hatte meine Mutter zu leise gesprochen. Ich mußte ihr helfen, ich mußte sie beschützen. Mehrmals prüfte ich die Frage, bevor ich sie laut zu stellen wagte.»Do you have matches, please?«wiederholte ich und errötete. Ich zweifelte weniger an der Richtigkeit der Frage als daran, daß sie außerhalb der Schule verstanden würde.
Die Streichholzschachtel glänzte nicht nur weiß, sie war auch mit einer goldenen Schnörkelschrift verziert und lag auf einer weißen Porzellanuntertasse. Und dann der Schock:»You are welcome, Sir. «In Gegenwart meiner Mutter nannte mich die Bardame Sir! Diese Phrase ging mir augenblicklich in Fleisch und Blut über, mit ihr wußte ich später im Englischunterricht zu verblüffen.
Ich entnahm der Schachtel ein Streichholz, ließ es auflodern und führte es vorsichtig — ich tat es zum ersten Mal — in die Nähe der Zigarette.
Meine Mutter war gealtert. Der Kummer der letzten Jahre, meine Inhaftierung und schließlich die Ausbürgerung hatten sich in ihre Züge gegraben. Daran änderte auch die Freude über meinen weltweiten Erfolg nichts. Ihr war der einzige Sohn genommen worden. Wie lange hatten wir uns nicht gesehen? Nach fünf Jahren war mir endlich von den Ungarn die Einreise genehmigt worden. Bis zuletzt hatten wir geglaubt, daß einer von uns an der Grenze zurückgeschickt werden würde, so wie wir schon oft im letzten Augenblick abgewiesen worden waren. Dann aber hatte sich das Unvorstellbare ereignet, und Mutter und Sohn konnten einander in die Arme schließen. War es nicht verständlich, daß die Worte, wenn überhaupt, nur langsam kamen, daß wir still nebeneinander die Gegenwart des anderen genossen?
Ich weiß nicht, woran meine Mutter dachte, während wir auf Kaffee und Orangensaft warteten. Sonst war mir ihre gelegentliche Raucherei immer peinlich gewesen, weil sie lieber die Augen zusammenkniff und hustete, als von ihrer Nachahmung abzulassen, für die ich das Vorbild nicht kannte. Hierher aber paßte sie gut.
Von meiner neuen Rolle war ich derart gebannt, daß ich die Westler verachtete, alles Kinder, egal ob jung oder alt. Diese Ahnungslosen! Was wußten sie schon von den Härten der geteilten Welt, sie, die nach allem grapschen konnten, in ihrer und erst recht in unserer Welt.
Durch die Fensterfront hinter der Theke erblickte ich die Säulen, Bögen und Mauerreste einstigen Glanzes. Über ihnen erhob sich jetzt der Turm. Hier oben lag einem die Stadt zu Füßen wie ein Geschenk, hier war der Ort meines Triumphes. Selbst die Westler verstummten, wenn sie mich erkannten.
Während ich träumte, hatte meine Mutter ein Obsttörtchen geordert. Nein, das war für sie! Sie sollte das Obsttörtchen genießen, ich konnte das täglich haben. Aber natürlich mußte ihr, die ich im teuersten Zimmer einquartiert hatte, alles übermäßig neu und unfaßbar vorkommen. Sie durfte die ganze Herrlichkeit nicht zu sehr an sich heranlassen, wollte sie weiterhin einen Fuß vor den anderen setzen. Also aß ich das Törtchen.
Um zu demonstrieren, wie heimisch ich mich fühlte, ging ich auf die Toilette und setzte mich auf die blanke Klobrille, was ich sonst ausschließlich zu Hause tat. Nie wieder habe ich — oh, Nicoletta, bitte verzeihen Sie mir diese Intimitäten —, nie wieder habe ich so glücklich gekackt. In jenem Moment beschloß ich, Ungarisch zu lernen.
Ich wusch mir ausgiebig die Hände mit warmem Wasser und flüssiger Seife, betrachtete mich in dem riesigen Spiegel — und gefiel mir.
Meine Mutter erwartete mich. Sie faßte meine Hände und roch daran.»Wie die duften«, flüsterte sie. Mit diesen Worten traten wir hinaus auf die Straße.
Mindestens zwei Rollen standen für mich in den nächsten Tagen zur Auswahl. Ich pendelte hin und her zwischen der des ausgebürgerten Schriftstellers und jener des beobachtenden frühreifen Dichters. Sie unterschieden sich nur um einige Jahre.
Am darauffolgenden Tag pilgerten wir durch die Váci utca. Hatte ich mich bei unseren früheren Besuchen nach Devotionalien wie T-Shirts mit Aufdrucken, Formel-1-Bildern oder Schallplatten umgesehen, so zog es mich diesmal vor die Buchauslagen. Die Umschläge gaben wie zum Spott die Namen der Schriftsteller preis — Böll, Salinger, Camus —, doch alles Weitere verbarg sich hinter einer unaussprechlichen Buchstabenballung.
Als ich jetzt wieder vor einem Buchladen stehenblieb, merkte ich zunächst gar nicht, daß ich las und verstand. Im Geschäft bezweifelte ich tatsächlich das, was ich sah. Selbst als der Verkäufer, vor der zahlreichen Kundschaft geschützt durch die Ladentheke, das Buch aus dem Regal nahm und mir überreichte, begriff ich nur langsam. Es war auf deutsch, es war in Frankfurt am Main gedruckt, es trug das Siegel der drei Strichfischlein, und selbst beim wiederholten Lesen änderten sich weder Titel noch Vor- und Nachname des Autors. Ich hielt, obwohl das unmöglich war, Sigmund Freuds» Traumdeutung «fest in meinen Händen.
Endlos dehnten sich die Augenblicke, bis sich Gelegenheit fand, nach dem Preis zu fragen. Allmählich sickerte die Gewißheit in mich ein, daß ich dieses Buch nie wieder würde hergeben müssen.
Wenn ich gerade dieses Werk von Freud begehrte, sagte meine Mutter, wollte sie es gern kaufen. Mehr aus Pflichtschuldigkeit denn aus Neugier ließ ich mir einen Freud nach dem anderen geben. Der Verkäufer, der offensichtlich jedes Buch zurück ins Regal zu stellen hatte, bevor er ein neues herausrücken durfte, kapitulierte nach einem Blick über den Brillenrand und türmte die gesammelten Werke vor mir auf. Die Situation war hoffnungslos. Selbst wenn wir die Bar im» Hilton «gemieden hätten und sofort abgereist wären, unser Geld hätte auch dann nicht für alle Bände gereicht. Können Sie mich verstehen? Da eröffnet sich durch ein Wunder die Möglichkeit, etwas zu kaufen, was man nicht kaufen kann, und dann reicht das Geld nicht.
Ich entschied mich tatsächlich für die» Traumdeutung«, weil es das dickste Buch war und kaum teurer als die anderen. Ich überwachte seinen Weg zur Kasse und das Verpacken, zerriß aber, kaum auf der Straße, das ziegelförmige Paket, um die» Traumdeutung «als meinen unwiderruflichen Besitz zu begrüßen.
Mir war es egal, wohin meine Mutter ging. Alles, was ich wollte, war lesen.
Ich begann die Lektüre auf einer Bank am Donauufer. Ich las und las und liebte Mutter dafür, daß sie nichts weiter tat, als zu rauchen und sich zu sonnen.»Freu dich nicht zu früh«, mahnte sie abends.»Wir haben es noch nicht über der Grenze. «Niemals, unter keinen Umständen dürfe ich sagen, daß der Freud mir gehöre, denn das könne mich schlimmstenfalls die Schule, das Abitur, das Studium, also meine ganze Existenz kosten.
Sooft mir später Frau Nádori eine Woche Quartier gewährte, durchstöberte ich in den ersten beiden Tagen die Antiquariate und stattete dem Geschäft in der Váci utca einen Besuch ab. Es war quälend, maßzuhalten. Jedes Buch kürzte meine Tagesration. Ich mußte überlegen, welche und wie viele Lebensmittel ich mir leisten konnte — ein fremdes, bestürzendes Gefühl, das mir wie Hungern erschien. Doch alle ungekauft in der Buchhandlung zurückgelassenen Bücher schmerzten mich. War ich denn überhaupt berechtigt, irgend etwas zu schreiben, solange ich nicht alles von Freud, nein, überhaupt alles gelesen hätte?