Das Drama der folgenden Wochen war jedoch nicht Myslewski, der uns Jungen einzeln in den Keller bestellte, sich mit jedem von uns in einer Kammer voller Oszillographen einschloß und das Verhör mit der Frage begann, warum mir der Frieden auf der Welt nicht wichtig sei. Das Drama war auch nicht, daß ich auf einmal statt Einsen und Zweien nur Dreien und Vieren erhielt, im Diktat eine Fünf. Vielleicht wäre ich sogar mit dem Verlust meiner freien Zeit zurechtgekommen, hätte es nicht IHN gegeben. ER stürzte mich in eine Verzweiflung, wie ich sie bis dahin nicht gekannt hatte und erst im vergangenen Herbst wieder erfahren sollte.
Geronimo129 war ein Kruzianer im Stimmbruch und mein Banknachbar. Er trug als einziger kein Blauhemd und war mit seinen 14 Jahren Wehrdienstverweigerer, obwohl seine Brillengläser aus dem Boden von Limonadenflaschen gemacht schienen. Alles, was ich mir in meinen kühnsten Sommerträumen ausgemalt hatte, vollzog er mit beiläufiger Geste, so wie er die Hausaufgaben beim Spaziergang erledigte, während ich bis in den Abend über den Schulbüchern brütete. Er spielte jene Rolle, die ich mir für später hatte reservieren wollen. Und er spielte großartig. Er war nicht nur der Klassenbeste, der ausschließlich druckreife Sätze in einer leicht altertümlichen Diktion von sich gab, die bei jedem anderen zum Lachen gereizt hätten, er wurde von Schülern und Lehrern gleichermaßen geliebt. Wer Geronimo nicht liebte, brachte ihm zumindest Achtung entgegen, und das auf eine Art und Weise, wie ich es nie zuvor einem Gleichaltrigen gegenüber erlebt hatte. Mit Geronimo führte nicht Myslewski» persönliche Gespräche«, sondern der Direktor.
Geronimo war mein Alptraum. Dabei hätte ich ihm dankbar sein müssen. Mir widersprach er nicht im Deutschunterricht, mich hatte er noch nie im Russischen oder Englischen mit Vokabeln zugeschüttet, die ich gar nicht kennen konnte, mir schob er die Hausaufgaben zu, die mir unlösbar erschienen waren. In der Musikstunde hatte er sich allerdings die Ohren zugehalten, während mein Vorsingen unter dem Gelächter der Klasse verendet war. Nur im Sportunterricht versagte er vollkommen.
Geronimo hatte mich zu seinem Kompagnon erkoren, besser gesagt, zu seinem Gefolgsmann. Wöchentlich verlangte er von mir einen neuen Hesseband. Im Gegenzug erhielt ich schiefgelesene und in Zeitungspapier eingeschlagene Wälzer von Werfel. Ich rührte sie nicht an, schon weil mich ihre fleckigen, vergilbten Seiten ekelten. Er dagegen mäkelte an Hesse herum, führte ihn aber oft im Mund. Niemand ahnte, daß auch ich diese Bücher kannte, geschweige denn, daß er sie von mir hatte. Das hätte ich als Preis für seine sonstigen Schonungen akzeptiert, doch es verging keine Woche, in der er mich nicht fragte: Warum machst du das denn? Was? fragte ich jedesmal, errötete und begann zu schwitzen. Er beäugte mich durch seine Tiefseebrille und verzog schmerzlich die Mundwinkel. Das hieß: Wenn du ein Christ bist, warum verweigerst du nicht auch den Dienst an der Waffe, warum bejahst du die Frage, daß das Sein das Bewußtsein bedingt, warum betest du nicht vor dem Essen, warum wird deine Stimme hoch und dünn, wenn dich Myslewski anspricht, warum verschwendest du so viel Zeit auf diesen Schulkrempel. Geronimo mußte keine Fragen mehr stellen. Ich hatte sie alle parat.
Jeder Tag begann in Erwartung seines peinlichen Exerzitiums. Jeden Heimweg trat ich entweder erleichtert an, weil ich ihm für diesmal entgangen war — oder ich litt Höllenqualen. Denn jedesmal blieb ich die Antwort schuldig und hoffte, die Schulklingel beende unsere seltsame Zwiesprache. Zum Schluß bekam ich oft ein Bibelzitat zu hören wie:»Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. «Einmal sagte er:»Ich könnte mir vorstellen, daß du einen ganz guten Katecheten abgeben würdest. «Ich durfte froh sein, daß Geronimo, der Theologie studieren wollte, mich überhaupt zu etwas nützlich fand.
Sowenig ich in der Lage war, Geronimo zu antworten, so unmöglich war es mir geworden, Tagebuch zu führen oder zu beten — abgesehen von einigen inbrünstigen Vaterunsern. Was hätte ich schreiben sollen, worum bitten? Ich wußte doch, was richtig war, was falsch. Es gab die Lüge, und es gab die Wahrheit — Verräter oder Gottesmann. Ich mußte meine Selbstanklage nicht noch schriftlich führen. Ich wußte so gut wie jeder andere, daß es kein einziges Argument gab, das zu äußern nicht das Eingeständnis meiner Schuld gewesen wäre. Feigheit, Duckmäusertum, Zweifel, Schwäche — warum verhielt ich mich nicht wie Geronimo? Warum lebte ich wie alle anderen?
Dieser Zwiespalt verschärfte sich noch einmal Ende Oktober, in der Woche nach den Herbstferien, in denen mich eine Grippe vor schlimmeren Qualen bewahrt hatte.
Am Montag beorderte mich Myslewski zu einem weiteren Kellergespräch. Ich fühlte mich ausgezeichnet, so überraschend und als einziger zum zweiten Mal vorgeladen zu werden. Geronimo ließ alle wissen, daß er vor der Schule auf mich warten würde — um mir zu helfen, um mir beizustehen.
Myslewski war auf meine Weigerung, Offizier der Nationalen Volksarmee zu werden oder zumindest als Unteroffizier drei Jahre lang die Heimat mit der Waffe in der Hand gegen alle Feinde zu verteidigen, scheinbar unvorbereitet. Die Entrüstung, mit der er seit meinem ersten Nein kämpfte, ließ ihn stottern. Plötzlich schob er mir ein Buch zu, in dem ich alle notwendigen Informationen finden würde, um am Freitag in der Physikstunde einen zehnminütigen Vortrag über den Aggressor Bundeswehr zu halten. Er lächelte und tätschelte mich zweimal so väterlich am Oberarm, daß mich das Bedürfnis überfiel, ihm zu danken, ihn zu erfreuen, ihm zu sagen, daß ich es mir noch einmal mit den drei Jahren NVA überlegen würde. Ja, ich wäre nicht ungern in seiner Nähe geblieben. Die Schule verließ ich über den Nebenausgang und lief in einem weiten Bogen zur Haltestelle.
Ich ekelte mich vor mir selbst, denn ich mußte mir eingestehen, daß ich Myslweski am liebsten umarmt und zum Freund gewonnen hätte und vor Geronimo davongelaufen war. Und obwohl kaum eine größere Erniedrigung denkbar war, stand die eigentliche Demütigung erst noch bevor. Die Scheußlichkeit des gerade Erlebten und die Scheußlichkeit des Kommenden waren so überwältigend, daß ich schließlich Lust an meiner Misere empfand, eine Lust, die sich, als ich rannte, um die Straßenbahn zu erreichen, pubertär entlud. Ich schwöre Ihnen, daß es einer Willensleistung bedurfte, auf den Beinen zu bleiben und nicht wimmernd vor Wonne und Scham über meine feuchte Unterhose auf die Knie zu sinken.
Meine Novelle kreist allein um die Tage zwischen dem zweiten Gespräch im Keller und den Minuten des Vortrags. Die Situation hatte alles, was man für diese Gattung braucht, von der Exposition über ein bißchen Suspense bis hin zur überraschenden Wendung am Schluß.
Obwohl ich meine damaligen Gefühle längst literarisch aufgezehrt habe, bewahre ich noch immer eine Ahnung von jenen Stunden, in denen ich zwischen den Extremen hin- und hertaumelte wie zwischen zwei Wänden, aber an keiner Halt fand. Sollte ich selbst im Angesicht der Klasse, im Angesicht von Geronimo, die Argumente gegen ihn und gegen mich liefern?
Ich erspare Ihnen die weiteren Seelenqualen eines Schülers der neunten Klasse. Was mich heute daran rührt, ist die Angst und Ratlosigkeit meiner Mutter. Sie war es schließlich, die den Vortrag schrieb und es über sich brachte, mir zu verbieten, etwas von Wehrdienstverweigerung zu sagen. Dazu würde später noch Zeit sein. Das blieb natürlich ohne Einfluß auf mich. Im Gegenteil. Es hätte keines Geronimos bedurft, um mich an die Worte Jesu zu gemahnen, daß man Vater und Mutter verlassen müsse, um IHM zu folgen.