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In der Novelle habe ich mich bei der Darstellung des Finales grob an den Stationen des Kreuzweges orientiert. Tatsächlich war ich am Ende meiner Kräfte, als zehn Minuten vor dem Schlußklingeln mein Name aufgerufen wurde. Ich erhob mich, schob den Stuhl zurück und trat aus der Bank, ohne zu wissen, was ich tun würde.

Mir zitterten die Knie, ein Phänomen, das ich erstaunt und interessiert registrierte. Mein Oberkörper blieb verschont, die Hände waren ruhig und feucht wie immer. Aus einer Art Taktgefühl gegenüber meinem Körper ging ich hinter den Lehrertisch, wo ich auf der Stelle kehrtmachte wie ein Soldat. Hier konnten meine Knie zittern, wie sie wollten. Ich hob die beiden A4-Blätter höher und war bereit, mit dem Ablesen zu beginnen. Alles Weitere würde sich finden.

Wort für Wort hielt ich mich an die mütterliche Vorgabe — meine Zunge mühte sich —, hervor aber quollen Laute, Laute jenseits des Menschlichen, ein Geleiere, das offenbar zum Lachen reizte. Stimmt es wirklich, daß alle lachten — ausgenommen ein paar Angsthasen —, Geronimo und Myslewski mich jedoch finster fixierten? Oder zitiere ich mich wieder selbst?

Ein zweiter Versuch scheiterte ebenso. Ich würgte an jeder Silbe, meine Zunge vollbrachte Kunststücke, die Stimmbänder indes blieben unbeherrschbar.

Der Stuhl am Lehrertisch war zurückgeschoben. Ich ließ mich darauf fallen, das aufgeschlagene Klassenbuch schob ich weg. Sitzend gelangen die ersten Worte, langsam bildete sich der erste Satz. Danach erstickte Myslewskis Wortschwall alles.

Die Klasse schwieg. Diese Erstarrung kannte ich gut.

Im nächsten Augenblick sah ich mich an den Lehrertisch gelehnt, auf eine Faust gestützt, den Daumen der anderen in die Gürtelschlaufe gehakt, den Vortrag zwischen Zeige- und Mittelfinger. Alles an diesem Jungen drückte Wohlgefühl aus, einen lethargischen Genuß, wie man ihn im Halbschlaf beim Anziehen oder Strecken der Beine verspürt.

Aber war der Junge dort am Lehrertisch überhaupt ich? Schwebte ich nicht über allem, für niemanden mehr erreichbar, doch alles im Blick, wie ich es nie zuvor im Blick gehabt hatte? Ich schaute herab, ich schaute auf das Geschehen unter mir, ein Diorama aus dem Schulleben, nichts Ungewöhnliches. Jener Enrico Türmer interessierte mich genausoviel oder genausowenig wie die anderen Schüler. Enrico Türmer unterschied sich nur darin von ihnen, daß ich ihm Anweisungen geben konnte. Ich sagte: Lächle, und er lächelte. Ich sagte: Wehr dich nicht, bleib stehen und bitte darum, den Kurzvortrag halten zu dürfen — und er bat darum, den Kurzvortrag halten zu dürfen. Ich sagte: Überhöre die Aufforderung, dich zu setzen, und er überhörte die Aufforderung, sich zu setzen. Ich schwieg. Ich wollte sehen, was er ohne mich tun würde. Enrico Türmer schwieg ebenfalls. Ein paar Atemzüge später wiederholte er:»Ich würde jetzt gern meinen Kurzvortrag halten, ich habe mir viel Arbeit damit gemacht. «Nachdem er auch die zweite Aufforderung, sich zu setzen, ignoriert hatte, wußte ich genug. Noch ein kurzes atemloses Zögern — dann willigte ich ein, und Enrico Türmer kehrte auf seinen Platz zurück.

Er hörte das Räuspern Geronimos, die auf dem Bodenbelag quietschenden Schuhe Myslewskis. Er sah sich um — niemand erwiderte seinen Blick. Mit dem Stundenklingeln erhob sich Enrico Türmer wie alle anderen von seinem Platz und verfolgte lächelnd den Abgang Myslewskis. Ihm schien, Geronimo, der als zweiter aus der Tür huschte, folgte jenem nach wie ein Gehilfe, als wollte er das Klassenbuch ins Lehrerzimmer tragen.

Sie müssen mir glauben, daß ich vollkommen glücklich gewesen bin in diesen Minuten. Der Umschwung war grandios. Ahnen Sie überhaupt, was passiert war? Können Sie sich vorstellen, was ich plötzlich begriffen, was ich schlagartig erfahren hatte?

Ich war unangreifbar, ich war zum Schriftsteller geworden!

Dabei erschien mir diese Erkenntnis nicht als Offenbarung, eher als etwas, was ich immer schon gewußt hatte, was mir nur in letzter Zeit aus verschiedenen Gründen entfallen war.

«Ich könnte mir vorstellen«, äffte ich auf dem Heimweg Geronimo nach,»daß du einen wirklich guten Katecheten abgeben würdest. «Klänge es nicht zu pathetisch, müßte ich sagen: Ich lachte höllisch. Ein Vierzehnjähriger130 kann das besser, als man gemeinhin wahrhaben möchte.

Muß ich noch sagen, daß ich erst Tage später überhaupt bemerkte, Gott verloren zu haben, daß er ausgelöscht worden war, ohne daß ich davon Notiz genommen hatte? Kein einziges Vaterunser ist mir seither über die Lippen gekommen.

Ich schwebte jetzt dort, von wo aus Gott auf die Menschen geschaut hatte. Nun war ich es, der auf sie herabblickte, auf mich so gut wie auf Geronimo oder Myslewski, und beobachtete, was sie da trieben. Ich wußte, daß es wenig Bedeutung hatte, ob sie mutig oder feige waren, stark oder schwach, ehrlich oder verlogen. Wichtig waren sie allein deshalb, weil ich sie beobachtete.

Geronimo konnte tun und lassen, was er wollte. Es würde untergehen im allgemeinen Gewusel. Ich würde bestimmen, welches Bild von ihm bliebe. Ja, es würde sich überhaupt niemand für Geronimo interessieren, wenn ich nicht heute, morgen oder dereinst über ihn schriebe.131 Ich verfügte über den Schlüssel zu Dantes Hölle.

Mein gescheiterter Vortrag hatte kein Nachspiel. Ich sprach mit niemandem darüber. Meine Mutter speiste ich mit der Erklärung ab, das Stundenklingeln habe mich unterbrochen.

Ich hatte allen Grund, mein Erlebnis verborgen zu halten. Eine Zeitlang vertuschte ich es sogar vor mir selbst und versuchte, meiner Angstlosigkeit eine andere Herkunft zu geben. Daß meine Novelle eine andere überraschende Wendung nahm, versteht sich von selbst.

Damals ahnte ich nicht, welchen Preis ich noch für meine Angstlosigkeit zahlen sollte.

Meine Sprache, meine Stimme veränderten sich innerhalb weniger Tage. Ich redete lächelnd. Alles, was ich sagte, bekam eine Zweideutigkeit, die mich in der Klasse isolierte. Was meinte ich ernst? Was war Spiel? Zum ersten Mal führte ich ein Außenseiterdasein. Die anderen interessierten mich nicht mehr. Der Umgang mit Menschen, jedenfalls mit Gleichaltrigen, war Zeitverschwendung. Konnte sich denn die Intensität eines Gesprächs je mit der einer Lektüre messen? Ich brauchte meine wenigen freien Stunden zum Lesen und zum Schreiben. Sie waren zu kostbar, um sie in Gesellschaft zu verplempern132.

Geronimo mied mich, ohne mich zu attackieren. Er bete für mich, flüsterte er mir einmal zu, als er mich dabei überraschte, wie ich seine scharf abgesetzten Kieferknochen und seinen nervösen Mund beobachtete.

Ich gönnte mir neben dem Triumph, sowohl ihm als auch Myslewski entronnen zu sein, eine kleine Rache.

Sobald es im Sportunterricht zu irgendeinem Spiel kam — meistens Fußball oder Volleyball — und Geronimo und ich in eine Mannschaft gewählt wurden, er regelmäßig als letzter, ließ ich keine Gelegenheit aus, Geronimo anzuspielen, um ihn, wie es der Sportlehrer forderte, einzubeziehen.

Geronimo fürchtete nichts so sehr wie einen Ball. Sein Körper duckte sich instinktiv. Er mußte seinen Fluchttrieb unterdrücken — und wenn er sich dann, wie er es immer tat, dem Feind stellte, war es zu spät. Ich hatte schnell Erfolg. Bald galt es als Sensation, wenn die Mannschaft gewann, zu der Geronimo gehörte. Hohn, Spott und Wut entluden sich nur auf ihn. Das Altruistische meiner Zuspiele stand offenbar nie in Frage.133

Am Tag der Zeugnisausgabe, am Ende der zehnten Klasse, wurden fünf Mitschüler» verabschiedet«. Vier, die wegen ungenügender Leistungen gehen mußten — ich hatte mich ins Mittelfeld gerettet —, und Geronimo, der an seiner Wehrdienstverweigerung festhielt. Vor unserem letzten gemeinsamen Schultag kehrten die alten Beklemmungen zurück. Ich ahnte, daß jetzt eine Abrechnung fällig war, daß Geronimo durch eine spektakuläre Tat, die er seit Monaten geplant hatte, endgültig in unsere Gedächtnisse eindringen wollte. Aber das fürchtete ich nicht. Ich war unsicher, weil ich mich so sicher fühlte, weil ich mir keine Attacke vorstellen konnte, die mich wirklich hätte treffen können. Meine Angstlosigkeit machte mir plötzlich angst.