Die Erinnerung an diesen Tag ist in grelles Julilicht getaucht. Die langen, nie ganz sauberen Finger Geronimos zitterten über der Tischplatte.
«Auch von Ihnen muß ich mich heute verabschieden«, sagte Myslewski und baute sich vor unserer Bank auf. Nachdem sich Geronimo ganz aufgerichtet hatte und Myslewski um einen Kopf überragte, durchfuhr ihn eine Art Schüttelfrost. Myslewski verkündete mit dem Blick auf das Zeugnis die Durchschnittsnote: eins Komma null ohne die Drei im Sport. Irgendwie bekam Myslewski Geronimos Hand zu fassen und hielt sie eine Weile fest.
Geronimo beugte sich im Hinsetzen nach vorn, als müsse er brechen, und begann zu heulen. Er heulte, als hätte er sein Leben lang alle Tränen aufgespart und versuchte sie nun in dreißig Minuten loszuwerden. Unter diesem Heulen, mal schluchzte er auf, mal wimmerte er, bekamen wir unsere Zeugnisse ausgehändigt.
Ich legte meine Hand auf seine Schulter, auf seinen Kopf. Einmal strich ich ihm übers Haar, das fettig war. Geronimo sah bis zum Klingeln nicht mehr auf.
Danach verließ ich das Klassenzimmer, um mir die Hände zu waschen.
Als ich zurückkehrte, war Geronimo von unseren Mitschülern umringt. Sie umstanden ihn so dicht, daß ich ihn nicht mal mehr sehen konnte. Deshalb trennten wir uns ohne Abschied.
Plötzlich schauderte ich bei dem Gedanken, diese Szene jetzt oder dereinst in Literatur zu verwandeln und aus meiner schmierigen Hand eine Metapher zu machen. Weil mir das bis heute nicht gelungen ist, erinnere ich mich an diesen Tag noch sehr genau.134
Sonnabend, 31. 3. 90
Lieber Jo!
In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse überschlagen, und ich gäbe einiges darum zu wissen, wie es um uns bestellt sein wird, wenn Du diese Zeilen liest.
Am Freitag saßen wir zusammen, Georg, Jörg, Marion und ich. Es war zu entscheiden, ob wir den Artikel unserer Umweltbibliothek bringen. Es geht nicht um Altenburg, sondern um Neustadt an der Orla, wo man Mitte der Siebziger in den schönsten Thüringer Wald eine Mastanlage für zweihunderttausend Schweine gebaut hat. Die Kinder in der Umgebung bekamen Erstickungsanfälle, im Brunnenwasser waren Grenzwerte um das Zehnfache überschritten, die Dörfer erhielten ihr Wasser nur noch aus Tankwagen und dergleichen mehr. Jetzt will sich unser Anzeigenkunde Pipping-Fenster dort einkaufen. Der springende Punkt ist, daß sie die Betriebsleitung der Schweinemast übernehmen wollen. Die aber gehörte zu Schalck-Golodkowski. Achtzig Prozent der Schweine waren für den Export bestimmt. Eine Umweltschützerin hat deshalb einen offenen Brief an Herrn Pipping geschrieben, weshalb einige der darin erwähnten Genossen nun gegen sie klagen. Du wirst es ja lesen.
Georg, der sonst immer alles akribisch protokolliert, saß da mit Wurzelfalten zwischen den Augenbrauen, die Ellbogen aufgestützt, Mund und Nase hinter den Händen in Deckung, und beobachtete Jörg, der den Artikel vorlas. Wenn wir den Artikel bringen, werden wir den Altenburger Ableger von Pipping-Fenster als Kunden verlieren — verlieren bedeutet bei zweispaltig/sechzig und wöchentlicher Schaltung (Jahresvertrag), 50 Prozent Aufschlag letzte Seite immerhin 10 870 Mark, mehr als die Hälfte davon in D-Mark. Und dabei können wir weder die Stichhaltigkeit des Artikels prüfen noch die juristischen Folgen einer Veröffentlichung abschätzen. Wir gehen jemanden frontal an, allein im Vertrauen auf die Umweltleute. Andererseits gibt es niemanden, dem wir mehr Glauben schenken als Anna, der Jeanne d’Arc des letzten Herbstes. Die anderen Zeitungen wiegeln ab. Das Für und Wider hielt sich die Waage. Irgendwann aber ließ sich Georgs Schweigen nicht länger ignorieren.
«Ich will euch vorschlagen«, sagte Georg lächelnd und zog dabei die Schultern hoch,»die Zeitung zu beenden. «Seine Stirn furchte und glättete sich im schnellen Wechsel, während er weitersprach. Bis zu den Kommunalwahlen135 sollten wir durchhalten, danach sei unsere Aufgabe erfüllt.
Von einem Augenblick auf den anderen ertrug ich sein Lächeln nicht mehr. Ich verachtete ihn. Da gab es nichts mehr abzuwägen. Er wollte uns brotlos machen und aus dieser Stube vertreiben, in die er uns ja überhaupt erst mit seinen Versprechungen geholt hatte! Ich verachtete ihn wegen seines Hochmuts, ein Hochmut, der im Hader mit der Welt liegt, weil sie ist, wie sie ist, der irgendwelchen Ideen, dem Eigentlichen, dem Philosophischen nachjagt, anstatt im Alltag zu bestehen. Alle seine Eigenheiten, die ich teils bewundert, teils nur geachtet hatte — seine bedachtsame Genauigkeit, seine Aufrichtigkeit, seine Zweifel und sein selbstquälerisches Unvermögen, ein paar normale Sätze zu verfassen —, all das erschien mir auf einmal kindisch und verachtenswert, weil er vor sich selbst kapitulierte, weil er nicht mehr bereit war, mit sich selbst zu kämpfen, weil er, um es mit einem Wort zu sagen, verantwortungslos handelte.
«Und was sollen wir machen?«fragte Jörg so ruhig und freundlich wie ein Radiomoderator.
Georg, ich weiß nicht, was er erwartet hatte, schien es zu quälen, mehr sagen zu müssen, als er offenbar vorbereitet hatte.
«Wir haben versagt«, wiederholte er,»wir haben unseren Auftrag nicht ernst genug genommen.«
Jörg wollte wissen, welchen Auftrag er meine. Das sei doch wohl jedem von uns klar, fuhr Georg auf und sah mich zum ersten Mal an.
Ich bat ihn, auf Jörgs Frage zu antworten, schließlich hätten wir alle die Brücken hinter uns verbrannt136.
«Die Welt steht uns offen!«sagte Georg.»Vergeßt das nicht!«
Jörg hatte sich zurückgelehnt und drückte immer wieder einen Finger auf die Spitze seines Bleistifts, als spielte er Mikado. Marion sprach im Sinne Georgs, ja, sie gab ihm in allem recht, zog daraus allerdings den Schluß, es von nun an anders und besser zu machen.
Danach schwiegen wir wieder.
Als von draußen Schritte zu vernehmen waren, verharrten Jörg und Georg weiter reglos. Ich hörte ein resignierendes Lachen von Ilona, die Order hatte, uns abzuschirmen. Dann trat der Baron ein, unsere letzte Ausgabe in der Hand. Ob wir schon lange auf ihn gewartet hätten. Er entschuldigte sich und legte ab. Ilona brachte frisches Wasser für den Wolf.
Georg versteinerte regelrecht. Jörg bat Barrista, uns allein zu lassen, die Zukunft der Zeitung stehe auf dem Spiel. Dann war nur noch das Schlabbern des Wolfs zu hören, und selbst das, als hätte die Stille das Tier irritiert, setzte schließlich aus.
Höchst bedauerlich, begann Barrista. Das hätte man ihm eher mitteilen sollen. Auf dem Plan zur Vorbereitung des Besuches Seiner Hoheit, der uns ja in dreifacher Ausfertigung vorläge, sei für heute die erste Besprechung angesetzt. Er habe die Grußbotschaft dabei und den handschriftlichen Brief des Erbprinzen an uns. Höchst bedauerlich, unter diesen Umständen bleibe ihm wohl nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben, höchst bedauerlich auch deshalb, weil die Anzahl der Zuschriften auf seine Anzeige seine Erwartungen bei weitem übertroffen habe, was nichts anderes bedeute, als daß unser Blättchen tatsächlich gelesen werde und für Geschäftsleute ungemein interessant sei.
Ilona stand mit blutleerem Gesicht am Ofen.»Das könnt ihr doch nicht machen, heij?«Flehentlich wanderte ihr Blick von einem zum anderen.»Ich hab nicht mal einen Arbeitsvertrag …«Sie schluchzte auf.
Man möge ihn umgehend von unserer Entscheidung unterrichten, fuhr der Baron ungerührt fort, denn der Besuch des Erbprinzen dürfe keinesfalls gefährdet werden. Er führte Ilona hinaus, der Wolf trabte ihnen nach, die Tür blieb angelehnt, so daß man Barristas Tröstungsversuche hörte, die wie der englische Singsang am Abend unserer ersten Begegnung klangen.
«Wir machen weiter«, sagte Jörg an Marion gewandt. Und dann zu mir:»Stimmt’s, Enrico, wir machen weiter? Auf jeden Fall machen wir weiter!«