Dann wandte sich Jörg an Georg und fragte ihn fürsorglich wie einen Kranken, wie lange er uns noch das Recht einräume, in seinem Haus zu bleiben, ob Georg einverstanden sei, uns bis Anfang oder Mitte Mai Zuflucht zu gewähren, vorausgesetzt, wir fänden nicht eher etwas, ob Georg — Jörg nannte ihn häufiger als nötig beim Namen — die Miete auf dem bisherigen Niveau belassen könne und ob Georg einen Vorschlag habe, wie wir mit den Telephonkosten verfahren sollten. Georg ließ eine Reihe von» selbstverständlich, selbstverständlich «vernehmen. Jörg schlug vor, Georg bis einschließlich Juli zu bezahlen, also ein Gehalt in D-Mark, ob ihm das reiche für die Übergangszeit.
Selbstverständlich, das sei sehr großzügig, sagte Georg, das müsse aber nicht sein. Ich denke schon, sagte Jörg. Ob wir bis Monatsende auf ihn zählen könnten. Selbstverständlichselbstverständlich! Er, Jörg, schlage vor, den Artikel über die Schweinemast zu veröffentlichen.
Ich fand es dann zuviel des Guten, als Georg und Jörg einander über den Tisch hinweg die Hände reichten und Georg auch Marion und mir die Hand hinhielt. Mit glänzenden Augen ging er ab. Im nächsten Augenblick stand Ilona vor uns. Hinter ihr erschien Fred.
«Setzt euch«, sagte Jörg. In diesen zwei Worten, in diesem simplen» Setzt euch «lagen Leichtigkeit und Autorität, die Jörg als geborenen Chef auswiesen. Endlich konnte er reden, wie er wollte.
Ein paar Sätze später sprang Ilona vom Stuhl auf und klatschte in die Hände. Fred konnte das Lächeln nicht länger unterdrücken. Man mußte ihnen nicht viel erklären. Das Desaster war kein Desaster. Nur hatte niemand gewagt, so zu denken.
Drei Artikel, rief Ilona und hielt drei Finger hoch, drei Artikelchen habe Georg in all den Wochen zustande gebracht, drei Stück! Fred brummte, er kenne genügend Geschäftsleute, von denen wir Werbung bekommen könnten, wenn wir nur wollten.
Plötzlich stand der Baron wieder auf der Schwelle. Wie man sich denn entschieden habe? Vom ersten Satz an fixierte er ausschließlich mich, als sei ausgerechnet ich für all das verantwortlich. Er hoffe doch sehr, daß ihm in Zukunft solche Kindereien erspart blieben. Er sei es gewohnt, sich auf seine Geschäftspartner zu verlassen. Es nütze ja nichts, einen Plan zu beschließen, an den sich dann keiner halte. Als Jörg etwas einwenden wollte, sah er ihn nicht mal an. Erst als ich sagte, von nun an sei weder eine Irritation dieser Art noch irgendeine Verzögerung mehr zu befürchten, gab er sich zufrieden.
Genau das habe er erwartet zu hören. Der Baron versprach seinerseits, mich nicht zu enttäuschen, und entnahm seiner Collegemappe vier Päckchen, die er mit den Worten verteilte, wir hätten ja alle Kinder, die sich über einen verfrühten Osterhasen freuen würden.137 Den allgemeinen Dank überging er und fuhr geradezu ungehalten fort, wie fern es ihm liege, uns weiter vom Arbeiten abzuhalten, er bitte jedoch darum, den Raum ohne Schulden verlassen zu dürfen. Als kleine Unterstützung der Zeitung — und in der Hoffnung auf eine wirkungsvolle Plazierung — wolle er in D-Mark bezahlen, das sei uns hoffentlich recht.
Kaum hatte er diesen Satz beendet, klingelte das Telephon, das bisher wundersamerweise geschwiegen hatte. Auch aus dem Hausflur kamen Stimmen. Im Handumdrehen waren wir alle beschäftigt, und als ich mich nach dem Baron umsah, war er verschwunden. Vor mir lag der genaue Betrag.138
Als ich nachmittags von meiner Landtour zurückkehrte, saß Marion an der Maschine.»Da kommen Sie ja!«rief sie freudig. In Zukunft möchte sie anstelle von Georg Artikel schreiben und mich dadurch entlasten.
Darauf beging ich den Fehler, ihr das Du anzubieten. Ihre Züge erstarrten, ihr Blick irrte umher.»Warum nicht«, sagte sie schließlich und reichte mir die Hand.»Marion.«
«Enrico«, sagte ich und verstummte. Gott sei Dank klingelte das Telephon.»Unser besonderer Freund«, flüsterte sie und hielt mir den Hörer hin.
So aufgelöst hatte ich den Baron noch nie erlebt. Man habe ihm das Zimmer im» Wenzel «gestrichen, er wolle sich nicht erneut aufregen, sondern mich schlicht fragen, ob ich vielleicht wisse, wo er eine Nacht bleiben könne, danach habe er etwas, nur eine Nacht! Ich lud ihn ein, bei uns zu schlafen.
Als der Baron gegen halb zehn klingelte, war die Vorfreude schon verflogen. Robert und ich waren kurz vor sieben in die Kaufhalle eingefallen. Robert freute sich auf den Baron und den Wolf, dachte beim Einkaufen an die Gurken, die Barrista beim letzten Mal so gemundet hatten, und an Hundekuchen. Als wäre Weihnachten, machten wir Kartoffelsalat. Michaela hatte Vorstellung, die» Schöne Helena «von Hacks, das Stück war bereits abgesetzt, da es sich aber im Ensemble großer Beliebtheit erfreut — jeder Idiot darf mitspielen —, leiern sie es noch ein paarmal durch.
Um neun hatten wir dann angefangen zu essen, so daß die hartgekochten und mit Kringeln aus Anchovispaste verzierten Eier schon fehlten, auch Wurstteller und Kartoffelsalat zeigten deutliche Lücken, nur die beiden kleinen Sonnen aus Apfelscheiben, die Robert auf Untertassen hergerichtet hatte, strahlten unversehrt, wenn auch angedunkelt.
Wäre es nach Robert gegangen, hätte ich ununterbrochen von Georg und» dem Herrn von Barrista «erzählen müssen.
Als endlich der Blumenstrauß und hinter ihm Barrista erschienen — Blumenstrauß ist kaum die richtige Bezeichnung für diesen Urwaldbusch —, belebten sich alle Erwartungen auf einen Schlag. Unsere Vasen waren zu klein, die ganze Wohnung wurde zur Puppenstube.
Der Baron spannte Robert nicht lange auf die Folter und überreichte ihm die neue» Bravo «und — Robert jubelte — eine Baseballmütze, deren zwei ineinander verschränkte Buchstaben ich zunächst für Knöchelchen hielt.139
Als Robert nach dem Wolf fragte, unterzog er ihn einer kleinen Mutprobe, indem er ihm den Autoschlüssel hinhielt. Er könne Astrid gern befreien.
«Wenn Sie Geld brauchen«, sagte der Baron, sobald wir allein waren,»dann haben Sie keine Skrupel, mich zu fragen. Ich kann Ihnen nur raten, kaufen Sie gleich!«
Ahnst Du, was er meinte? Bis dahin hatte ich mir nicht einmal selbst eingestanden, was er offen aussprach. Ja, ich hoffte, gleichberechtigt neben Jörg an Georgs Stelle treten zu dürfen. Ich fragte, wieviel ich denn zu zahlen hätte. Die Summe sei nicht das Problem, da sei fast jede gerechtfertigt, sagte er. Ich müsse herausfinden, ob Georg überhaupt bereit sei, seinen Anteil herauszurücken.140 Sollte Georg zwanzigtausend oder mehr verlangen, zwanzigtausend D-Mark wohlgemerkt, rate er mir, eine Bedenkzeit zu erbitten, das dämpfe die Spekulationslust. Die Schröders, also Jörg und Marion, hätten diese Summe ja ebenfalls nicht parat. Zwanzigtausend D-Mark aber stünden jederzeit für mich bereit, zurückzahlen könnte ich ihm das ganz sicher schon im Herbst, die Zinsen sollten der Inflationsrate entsprechen.»Tun Sie es, und wenn es für Ihren Jungen ist!«schloß er, als wir Robert an der Tür hörten. Astrid trabte herein.
Barrista ist kein Typ, dem man um den Hals fällt. Aber bei ihm scheinen meine Wünsche und Sehnsüchte in besseren Händen zu sein als bei mir. Als würde er mich fortwährend aus einer Art Betäubung rütteln und fragen: Warum sitzen Sie denn am Kindertisch? Kommen Sie doch herüber, zu mir, zu den Erwachsenen!
Der Baron bedankte sich bei Robert, wobei er ihn siezte und den gedeckten Tisch überschwenglich lobte. Ich sagte, daß er zu Robert bestimmt noch du sagen dürfe. Wenn das stimme, wandte sich der Baron an ihn, nehme er das gerne an, müsse jedoch darauf bestehen, von ihm dann Clemens genannt zu werden, und natürlich auch du. Wennschon — dennschon. Sonst lasse er sich nicht darauf ein.
Ich flüsterte ihm bei nächster Gelegenheit zu, weder Georg noch Jörg hätten von Geld gesprochen, doch er lächelte und zischelte, daß man darüber auch nicht rede.141 Dann legte er wie schon bei seinem ersten Besuch einen gesegneten Appetit an den Tag, nickte mit vollem Mund, als ich anbot, die restlichen Würstchen warm zu machen, und fachsimpelte mit Robert über Musik. Aus seiner Collegemappe beförderte er ein paar CDs und lächelte, weil Robert im Gegensatz zu mir wußte, wie man sie in die Hand nehmen muß, um sie problemlos zu öffnen.142