Die bei uns erschienenen Ehrenburg-Memoiren boten Gelegenheit, nach den Stalinschen Lagern zu fragen. Die Lager, bekam ich zu hören, seien Auswüchse der längst überwundenen Phase des Personenkultes gewesen und bereits 1956 von der KPdSU verurteilt worden.
Vergeblich suchte ich nach etwas, was zu tun oder zu lassen wirklich lohnend sein würde.
Meine Hoffnung war die Armee!
Seit der Musterung, seit ich das erste Mal von Uniformierten befragt worden war, wußte ich, wo ich finden würde, was ich mir wünschte.
Im Wehrkreiskommando fiel mir sofort etwas ein, dort kamen die Ideen von allein. Kein anderer Ort besaß so viel Poesie, so viel Unausweichlichkeit. Ich glaube, ich verglich den Wimpel des Armeesportklubs mit meiner Unterhose, denn so wie die Wimpel die Leere der Wand verdecken sollten, dabei aber deren Kahlheit erst recht zur Geltung brachten, wirkte die Unterhose an meinem Körper — oder so ähnlich. Eine ganze Reihe solcher Vergleiche notierte ich noch an Ort und Stelle. Uniformen machten Leiden plausibel. Das war keine pubertäre Empfindlichkeit mehr, kein risikoloses Aussteigertum à la Neustadt oder Loschwitz148, das war Kalter Krieg, das war Welttheater!
Der Höhepunkt der Musterung war ein Gespräch.»Einige hochgestellte Persönlichkeiten«, sagte der Offizier hinter dem Schreibtisch,»haben Pläne mit Ihnen. Große Pläne!«Im Interesse meiner weiteren Entwicklung lege er mir eine dreijährige Dienstzeit nahe …
In meiner Hochstimmung sah er nur Arroganz und drohte, nachdem ich nein gesagt hatte, recht unbeholfen, mir Abitur und Studium zu verwehren. Anschaulicher gelangen ihm die düsteren Schilderungen des Alltags jener Soldaten, die die Arbeiterund Bauernmacht enttäuscht hatten. Befriedigt registrierte ich die in seinen Mundwinkeln dicker werdende Spucke, den schnellen Lidschlag, die rotblaue Färbung seiner Gesichtshaut, die an den Nasenflügeln am intensivsten war, und verfolgte den Kuli in seiner Rechten, mit dem er das Morsealphabet auf der Tischplatte exerzierte. Um die literarische Abrundung meiner Vorstellung bemüht, sah ich mich in Unterhosen strammstehen, zitternd in der eisigen Zugluft, jedoch unbeugsam.
Glauben Sie mir: Seit der ersten Musterung freute ich mich auf die Armee.
Erwähnenswert ist vielleicht noch ein Intermezzo gegen Ende der elften Klasse, etwa vier Monate nach der Karl-und-Rosa-Episode, als mitten im Unterricht und ohne Vorwarnung die Türklinke krachte und die stellvertretende Direktorin meinen Nach- und Vornamen rief. Ich stand auf, sie winkte mich heran. Ich wußte sofort: Hier ging es nicht um einen Unfall meiner Mutter oder eine andere private Katastrophe.
Ich folgte ihr. Hinter den Türen brummelte der Unterricht. Treppauf, vorbei am Wandbild mit der elften Feuerbachthese von Marx, der zufolge die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert hätten, es aber darauf ankomme, sie zu verändern. Ich vertiefte mich in das Spiel der Wadenmuskeln unserer stellvertretenden Direktorin. Im Vorzimmer des Direktors tauschte ich mit der Sekretärin einen stummen Gruß. Später beschrieb ich den Geruch als eine Mischung aus Zigaretten, Bohnerwachs, Kaffee und Sperrholz, doch wahrscheinlich nahm ich das gar nicht wahr. Ich versuchte, meiner Aufregung Herr zu werden, indem ich die Sandalen der Sekretärin fixierte.
Geronimo hatte es nur mit dem Direktor zu tun gehabt. Auf mich warteten zusätzlich zwei Männer. Sie saßen nebeneinander an einem Tisch, der mit der Stirnseite an den Schreibtisch des Direktors stieß. Sie ließen sich Zeit mit dem Ausdrücken ihrer Zigaretten. Als sie aufblickten, grüßte ich auch sie.
Ihr Aussehen enttäuschte mich nicht. Zumindest der Ältere mit seinen Triefaugen und den schwarzen zurückgekämmten Haaren entsprach meiner Vorstellung. Der andere wirkte freundlich, Typ Sportkumpel. Der Direktor saß wie ein Schiedsrichter da, die Handflächen aneinandergelegt. Er schien erschöpft und ratlos. Triefauge begann im Tonfall einer Zurechtweisung, sie seien in einer sehr ernsten Angelegenheit hier. Ich hoffte schon, sie würden mich stehen lassen wie einen Häftling, als sich der rechte Zeigefinger Triefauges kurz streckte, was soviel hieß wie: Setz dich!
In Gedanken ging ich meine Gedichte durch. Welches hatte sie hellhörig gemacht, welches hielten sie für das gefährlichste? Die Mappe, auf der die Hände des Sportkumpels ruhten, war stattlich. Wie waren sie da herangekommen?» Ja, Sie sprechen mit dem Autor, doch dieses Gedicht habe ich bereits verworfen«, wollte ich sagen, und es mit Mängeln an Reim und Rhythmus begründen. Kurz zuvor war mir Majakowskis» Ein Tropfen Teer «in die Hände gefallen, ein Insel-Bändchen, in dem er die Verfertigung seiner Gedichte beschreibt — eine empfehlenswerte Lektüre. Der Selbstmörder Majakowski schreibt ein Gedicht gegen Jessenins Selbstmord. Ja, ich plante, unseren Tschekisten Majakowski um die Ohren zu hauen.
Es klingelte zur Pause und wieder zum Unterricht, und ich verstand nicht, worauf ihre Fragen nach meiner Familie, insbesondere nach unserer Westverwandtschaft, hinausliefen. Ja, wir beabsichtigten, nach Budapest zu fliegen. Wenn sie plauschen wollten, bitte, ich hatte Zeit. Sie ersparten mir Chemie und Russisch. Sportkumpel und ich lächelten um die Wette. Er orderte bei der nächsten Tasse Kaffee ein Glas Selterswasser für mich, bot mir eine Zigarette an — um gleich darauf so zu tun, als falle ihm erst jetzt ein, daß ich ja ein Schüler sei.
Jeden Moment erwartete ich die schroffe Wendung, ich war neugierig, wie sie die Kurve zu den Gedichten kriegen würden. Mein erstes Bezirkspoetenseminar hatte mit der Frage begonnen, wer unter den Anwesenden die Meinung vertrete, Literatur müsse Opposition sein?
Damals war alles so schnell gegangen.149 Jetzt bot sich endlich Gelegenheit, den Fehler zu korrigieren. Wahre Literatur ist per se Opposition!
Mit dem Klingeln zur letzten Stunde fragte mich Sportkumpel, warum meine Mutter plane, gemeinsam mit mir, mit dem hier anwesenden Enrico Türmer, die Deutsche Demokratische Republik auf illegalem Wege zu verlassen?» Wir wollen nur wissen, warum. Beweise dafür haben wir mehr als genug.«
Wut und Scham würgten mich, ich kämpfte mit den Tränen. Sie hielten das für einen Volltreffer! Triefauge und Kumpel schossen tak tak tak tak ihre Fragen ab. Ich bekam Sätze zu hören, die ich in der Pause gesagt hatte, abfällige Äußerungen über den antifaschistischen Schutzwall, Vera wurde zitiert und als staatsfeindliches Element bezeichnet, Geronimo widerfuhr die Ehre, mehrmals erwähnt zu werden. Immer wieder Geronimo! Es war wie ein Fluch. Auch deshalb brauchte ich länger, als mir lieb war, bis ich wieder über eine feste Stimme verfügte. Ich glaube nicht, daß ich tatsächlich aufstand, doch kann ich mir meine Sätze nie anders als im Stehen gesprochen in Erinnerung rufen. Wir redeten gleichzeitig: Noch nie hätte ich auch nur im Traum daran gedacht, dieses Land zu verlassen. Nichts wäre schlimmer für mich, als von hier wegzugehen. Hier hätte ich meinen Platz, meine Wurzeln, meine Familie, meine Schule, mein Zuhause. Was sollte ich denn im Westen?
Ich plapperte wie aufgezogen, irgendwann waren sie verstummt.»Ich«, sagte ich,»will Schriftsteller werden, und gerade als Schriftsteller bin ich darauf angewiesen, dort wirken zu können, wo ich mich auskenne, wo die Menschen leben, die meine Erfahrungen teilen. Jemand wie ich verläßt nicht freiwillig ein Land, in dem Literatur das Wichtigste ist!«Verstanden sie meine Drohung überhaupt?» Was soll ich denn im Westen?«wiederholte ich in dem Bewußtsein, daß mir dieser Satz überzeugend gelungen war — es fehlten nur ein oder zwei Wörtchen zur Wahrheit: Was soll ich denn jetzt im Westen? hätte es heißen müssen, oder jetzt schon. Doch je mehr ich redete, um so deutlicher spürte ich, daß mir zwar nicht die Empörung, aber die Argumente langsam ausgingen.
Ich verteidigte Vera, eine Ausnahmebegabung, die an ihrer Entwicklung und Entfaltung gehindert werde, Vera, die nur offen ihre Meinung sage, worüber sie froh sein sollten.