Ich fügte einiges zur gesellschaftlichen Rolle der Literatur hinzu, bevor ich fragte, was sie denn zu dieser Unterstellung der Republikflucht berechtige. Und dann hörte ich mich, wie ich ihre Verdächtigung unverschämt nannte, unverschämt, ja, unverschämt! Eine Steigerung war nicht möglich. Sie müssen wissen, daß keine Rüge bei unseren Volkserziehern beliebter war als:»Ich schäme mich für dich! Ich schäme mich für euch!«150
«Wir stellen hier die Fragen«, unterbrach mich Sportkumpel und lächelte wieder. Ich glaubte, sein Lächeln rühre daher, daß er eine Redensart zitierte, ein Scherz unter Eingeweihten.
Triefauge wollte wissen, warum meine Mutter behauptet habe, bei unserer Reise nach Budapest handle es sich um eine Auszeichnungsreise meiner Mutter, und ob sie vielleicht, ohne mein Wissen, Republikflucht plane? Die beiden registrierten mein Zögern, bevor ich antwortete. Dann schwiegen wir alle, bis der Sportkumpel dem Direktor zunickte.
Auf der Toilette wusch ich mir das Gesicht — meine Augen waren tränengerötet — und verließ die Schule in Richtung Café»Toscana«.
Zum» Toscana «muß vorerst genügen, daß ich nicht nur alle Caféhausszenen, von denen ich las, in jene Oase am Blauen Wunder verlegte (so könnte ich Ihnen heute noch jenen Tisch zeigen, an dem der Zögling Törleß gesessen hat), ich bevölkerte das Café auch mit berühmten Kollegen. Manchmal riefen sie meinen Namen und winkten mich heran. Manchmal tuschelten sie, weil sie nicht sicher waren, ob die wundervollen Verse, die von Hand zu Hand gingen, tatsächlich aus der Feder jenes Jünglings stammten, der dort einsam und bleich vor seinem Absinth saß. Manchmal blieb ich allein. Die Serviererinnen hielten mich wohl für einen Kruzianer, zu deren größten Vergnügungen es zählte, nach Vormittagsproben dort zu frühstücken. Selten mußte ich auf einen Platz warten.
An jenem Tag wurde ich von meinen berühmten Kollegen geradezu stürmisch begrüßt. Sie beglückwünschten mich zu der mutigen Rede, die ich gerade gehalten hatte. Der Empfang wie auch das Würzfleisch taten gut. Ich bestellte umgehend eine zweite Portion.
Allmählich gewann ich der Szene im Direktionszimmer einiges ab. Immerhin hatte ich mein erstes Verhör hinter mir. Das war so bedeutsam wie ein hundertseitiges Manuskript. Außerdem wußten diese Typen jetzt, daß hier ein Schriftsteller heranwuchs. Auf alle Nachfragen müßte ich ab jetzt nur» Stasi «flüstern und schweigen. Das Raunen, das bald die gesamte Schule erfassen, Franziskas Bewunderung entfachen und schließlich bis zu Geronimo dringen würde, genoß ich zusammen mit dem zweiten Würzfleisch.
Vera, es war die Zeit, in der sie mit Nadja lebte, umsorgte mich wie einen Schwerverletzten und begleitete mich abends nach Hause.
Meine Mutter hatte nicht nur ein dreistündiges Verhör hinter sich, sie war auch von zwei Herren in unsere Wohnung eskortiert worden. Die beiden hatten darauf bestanden, das von der Schule genehmigte Gesuch mit der Bitte um meine Freistellung zu sehen. Darin stand nichts von Auszeichnungsreise. Trotzdem waren wir irritiert, hatte meine Mutter doch, um Neid zu vermeiden, diese Formulierung erwogen. Wurden wir abgehört? Steckten Wanzen unter der Tapete? Die Lösung war banal. Der einzige Offiziersanwärter unserer Klasse hatte unlängst bei uns übernachtet, weil unsere Wohnung nicht weit vom Flughafen entfernt lag. Wir beide vertraten unsere Klasse in einem Jubelkomitee, das sich für die Ankunft eines ausländischen Bonzen bereithalten sollte (der aber nie gelandet war). Offenbar hatte die Wachsamkeit meines Mitschülers den Fehlalarm ausgelöst.
Am nächsten Tag hoffte ich bei jedem Klingklong, das den Ansagen des Flughafenlautsprechers vorausging, unsere Namen zu hören. Doch ich hoffte vergeblich.
Erst viel später erkannte ich in dem Irrtum der Staatssicherheit den eigentlichen Reiz dieser unfreiwilligen Begegnung. Damals schämte ich mich fast dafür, wegen unbegründeter Verdächtigungen verhört worden zu sein, weshalb ich diesen Vorfall literarisch auch nie verwertet habe.
Ich grüße Sie herzlichst
Ihr Enrico
PS: Georg hört auf. Ich übernehme seinen Part. Kein böses Wort ist gefallen, Erleichterung auf allen Seiten. Wir suchen eine neue Bleibe.
Donnerstag, 5. 4. 90
Lieber Jo!
Gestern präsentierte mich Jörg als Kompagnon, er sprach ernst und mit ungewohnt langen Pausen, was seine druckreifen Sätze noch mehr zur Geltung brachte. Obwohl eigentlich alles, was er sagte, bekannt war, wagte niemand, dieses Ritual zu stören, und sei es nur durch ein gelangweiltes Gesicht. Marion saß aufrecht und nickte mir zu, als wollte sie sagen: Courage, Enrico, Courage! Ilona drückte ihre knochigen Knie aneinander und strich unentwegt über den Saum ihres karierten Minirocks. Sie und Fred sind offenbar besonders empfänglich für Ansprachen dieser Art und wetteiferten um den würdevolleren Gesichtsausdruck. Kurt, Freds Gehilfe und Ausfahrer und als Mitglied eines Photozirkels unser Filmentwickler und gelegentlicher Photograph, saß reglos mit verschränkten Armen da. Von ihm habe ich noch nie einen vollständigen Satz gehört. Wenn wir uns sehen, hebt er die Hand zum Gruß und beantwortet jede Frage mit» gut «oder» könnte besser gehen«. Vor Kurt ist alle Arbeit gleich. Würdest Du ihn bitten, die Fenster zu putzen, er besorgte sich auf der Stelle Eimer, Wischtuch und Zeitungen und würde erst aufhören, wenn alle Fenster glänzten. Die» Wismut «hat ihn ausgemustert und dem Krankenhaus als Nachtportier überlassen. Ich weiß nicht, wann er eigentlich schläft.
Außerdem hatten wir Pringel, einen unserer Freien, hinzugebeten. Ich habe ihn in Leipzig kennengelernt, er hat die Betriebszeitung der» Lufttechnischen Anlagen «gemacht, ein perfekter Korrekturleser. Weil er mollig und untersetzt ist, kann er die Beine nie längere Zeit übereinandergeschlagen halten, was ihm aber wichtig zu sein scheint; also wechselt er ständig, weshalb von ihm eine merkwürdige Unruhe ausgeht. Pringels Bart wuchert mit jedem Tag wilder, die Einhegung seines Kindergesichts.
Jörg sprach viel von Verantwortung und dem Risiko, das wir beide uns nun teilen würden. Er verpflichtete alle zu Diskretion, was Inhalte und Zahlen betreffe, insbesondere jetzt, da wir nächste Woche mit der Ankündigung des Erbprinzenbesuches aufmachen werden.
Jörg wird uns nach außen vertreten, ich werde mich um die Interna kümmern, das Redaktionelle entscheiden wir gemeinsam.
Dann war es an mir, ein paar Worte zu sagen. Kaum war ich fertig, fragte Fred, was sich denn ändern werde? Er war gereizt, weil Jörg ihn im Gegensatz zu Ilona nicht bei den Redaktionssitzungen dabeihaben will.
Obwohl ich niemandem eine Antwort schuldig blieb, war ich froh, als die Versammlung vorbei war.
Der Baron hat Jörg, Marion und uns für nächste Woche in den» Wenzel «eingeladen. Er bat mich inständig, diesmal meine Frau nicht wieder zu verstecken.
In seinem neuen Wagen — den alten darf ich behalten, bis ich mir einen eigenen kaufen kann151 — unterhielten wir uns noch eine Weile. Er müsse zugeben, die Spielregeln im Osten nicht zu kennen, aber je länger er über die Tatsache nachdenke, daß mir die Hälfte der Firma regelrecht aufgeschwatzt worden sei, desto weniger könne er umhin, einen Haken zu suchen, der, gerade weil er so dicht vor unserer Nase hänge, von uns übersehen würde. Ich erzählte, was ich wußte, daß Jörg und Georg ihre jeweils zehntausend Mark nicht gebraucht und bereits an ihre Mütter zurückgegeben hätten. Die zwanzigtausend D-Mark von Steen waren für den Baron neu. Je mehr ich erzählte, desto unglaubwürdiger kam ihm alles vor.
Es sei, wie es sei, sagte er schließlich, jedenfalls könne ich von nun an nicht mehr ruhig schlafen. Er wolle sich später keine Vorwürfe machen müssen, deshalb weise er mich im Augenblick größten Glücks darauf hin, daß bei einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts die Eigentümer nicht geschützt seien.»Sie haften mit dem letzten Hemd Ihrer Frau, mit der letzten Hose Ihres Sohnes!«Er beteuerte, daß er nichts unterstellen wolle, aber ich sollte mit so mancher Tücke der neuen Welt rechnen. Zuweilen reiche ein Dachziegel oder eine Bananenschale aus, um eine Firma zu erledigen. Sein Lösungswort laute: GmbH! Er malte die Buchstaben an die beschlagene Frontscheibe und dozierte weiter. Dann kramte er im Handschuhfach und überreichte mir als Abschiedsgeschenk einen dtv-Band. Die Gebrauchsspuren markieren das GmbH-Gesetz.