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Die hochaufragende Gestalt besaß eine geschulte, weithin tragende Stimme. Hinter dem Schaufenster des privaten Haushaltswarengeschäftes, das sich im Erdgeschoß befindet, erschienen nacheinander die Köpfe von Vater, Mutter und Tochter. Sie betrachteten die Szenerie, ohne meinen Gruß zu erwidern. Wer an uns vorüberging, verlangsamte die Schritte.

Der Baron kümmerte sich um niemanden, weder um Freds Gerede von Einheimischen und Dringlichkeit noch um das Getöne des anderen. Er lächelte Piatkowski an.

Die hochaufragende Gestalt, da sie uns nicht hatte abschütteln können, redete nun ungemein freundlich und verbindlich auf Piatkowski ein, hielt sich an dessen Seite und schlüpfte als erste in das Dunkel, das sich hinter dem geöffneten Flügel des Holztores auftat. Seine Stimme hallte, als er die uralte Pflasterung pries.»Phantastisch!«rief er.»Phantastisch!«Seine Schritte entfernten sich und kehrten schnell zurück.»Was ist?«fragte er Piatkowski.»Warum kommen Sie nicht?«

Der Baron war vor Piatkowski stehengeblieben, hatte ihn angesehen und dann uns gemahnt:»Halten Sie die Augen auf, bei Mängeln werden wir Mietminderung beanspruchen.«

Das Haus besteht ausschließlich aus Mängeln, die hochaufragende Gestalt jedoch fand alles faszinierend, hinreißend und» eine spannende Geschichte«: die Hufschmiede im Hinterhof, in der unter zerbrochenen Dachziegeln, Staub und Katzenkot ein Amboß samt Holzfuß stehen geblieben ist, das Fachwerk — unbedingt erhaltenswert — und immer wieder das Pflaster, das bei jeder Erwähnung um ein Jahrhundert alterte.

Piatkowski lehnte am Treppenaufgang und lutschte Drops. Das Haus hatte seinen Schwiegereltern gehört, einmal habe es einen Gemüseladen hier gegeben mit den besten Beziehungen zur Altenburger Bauernschaft und bis weit hinein ins Sächsische. Sie selbst, Piatkowski und seine Frau, hätten nichts davon gehabt. Ständig habe es Streit mit den Leuten wegen der Miete gegeben. Jetzt gehöre die Bruchbude vier Geschwistern, da bleibe sowieso nichts hängen. Unten die Haushaltswaren, ganz oben, unterm Dach, ein Ehepaar, Flüchtlinge damals, aus Schlesien, die Stadt sei voll von denen.»Ah«, sagte die hochaufragende Gestalt,»Schlesien«, und knöpfte den Mantel zu.

Das Treppenhaus ist zugig und dunkel wie ein Kamin, das Licht funktioniert nicht. In der ersten Etage, von einem kleinen Vorraum aus, führen zwei Türen zu den zur Straße gelegenen Zimmern. Das rechte und kleinere ist doppelt so groß wie unsere Redaktionsstube. Die linke Tür öffnet sich auf einen beinah saalartigen Raum mit hohen Fenstern, an den sich ein weiterer, fast ebenso großer Raum anschließt.

«Bei solchen Fenstern können Sie ja gleich auf die Straße ziehen!«Der Baron steckte eine Fingerkuppe in den Mund und hielt sie vor die Scheiben, als wollte er die Windrichtung bestimmen.»Das ist ja eine schöne Bescherung, die Sie uns hier anbieten«, rügte er Piatkowski, der tief durchatmete und zweimal nickte.»Ich nehm es! Wie es ist! Mit dem Laden unten! Abgemacht, Herr Piatkowski?! Abgemacht!?«Die hochaufragende Gestalt gestikulierte wild.

«Schauen Sie erst mal, was noch kommt«, antwortete Piatkowski und warnte Fred, der eine verzogene Tür mit Gewalt aufgedrückt hatte.»Dort wird’s gefährlich, da lassen Sie mich mal!«

Wir betraten einen langen fensterlosen Gang. Nach links öffnet sich eine Tapetentür in den Vorraum, so daß man im Kreis laufen kann. Auf der rechten Seite liegen Kammern — Stauraum, wie Fred befand.

Plötzlich wurde es wieder hell. Der Gang endet an einem Zimmer, dessen Fenster auf den Hof hinausgehen, dahinter die Rückseiten der Markthäuser.

Piatkowski blieb im Türrahmen stehen. Das kleine Gemach, das ich am liebsten gleich bezogen hätte, ist baupolizeilich gesperrt, Fußboden und Außenwand sind einsturzgefährdet. Jeder durfte hineinsehen, bevor wir den dunklen Rückweg antraten.

«Lieber Herr Piatkowski, dafür wollen Sie tatsächlich Miete? Wenn das meine Lebensversicherung erfährt!«Der Baron rief seinen herumschnüffelnden Wolf zurück. Selbst die hochaufragende Gestalt blieb diesmal still.

«Das ist Bauschutt!«rief der Baron.»Ganz einfach Bauschutt!«

Mit der bisherigen Miete sei kaum der Schornsteinfeger zu bezahlen gewesen. Jeden Pfennig hätten sie ins Dach gesteckt, entschuldigte sich Piatkowski.

«Und jetzt wollen Sie mehr Miete? Wem soll ich denn das verklickern?«

Die hochaufragende Person rief:»Ich nehme es!«

«Es tut mir wirklich leid«, wiederholte Piatkowski.

«So hören Sie doch! Ich nehme es!«

«Gehen wir mal höher«, riet Piatkowski. Wir warteten, um die bewährte Reihenfolge einzuhalten, doch die hochaufragende Gestalt scherte aus. Er sei nicht mehr gewillt, dieses Theater mitzuspielen. Er miete für ein Jahr, und damit gut. Über den Preis würden sie sich wohl einig werden.

«Ich hingegen«, sagte der Baron,»möchte nicht die Katze im Sack kaufen!«Er bestand darauf, nach oben geführt zu werden.

«Natürlich, natürlich«, beschwichtigte Piatkowski, und so kam es, daß die hochaufragende Gestalt als letzte und etwas verspätet die beiden Räume betrat, die man ebenfalls durch einen Vorraum erreichte.

«Was wollen Sie denn dafür haben?«fragte der Baron, zupfte an den Haaren seines Oberlippenbärtchens und kaute darauf herum.»Für den Sommer mag es ja gehen.«

«Nun hören Sie mal …«, mischte sich die hochaufragende Gestalt ein. Sie wußte offenbar nicht mehr, an wen sie sich wenden sollte.

«Was würden Sie denn geben?«fragte Piatkowski.

«Nicht viel, oder?«Der Baron sah zu mir und zu Jörg.»Dreihundert bestenfalls, zweihundertfünfzig Ost?«Jörg nickte, ich nickte, Fred und Ilona fanden das viel zuviel, Kurt ging von Fenster zu Fenster, bohrte seinen Daumennagel in den Kitt und blies die abblätternde Farbe weg.

«Tausend«, rief die hochaufragende Gestalt erleichtert,»tausend West! Abgemacht!?«

Das könne er nicht machen, empörte sich der Baron, er verderbe ja hier die Preise, für so ein Loch tausend zu bieten, vollkommen daneben, das sei unmoralisch, das gehe nicht an, wirklich nicht. Wenn das Schule mache … Die hochaufragende Gestalt zeigte sich kurz irritiert, besiegte jedoch ihre Bedenken und sagte:»Das ist Markwirtschaft!«

«Ja«, sagte Piatkowski, zweihundertfünfzig wäre ganz ordentlich, mehr wolle er gar nicht verlangen, er sei ja kein Raffzahn und hier müsse gehörig investiert werden, zweihundertfünfzig Ost, das gehe in Ordnung, nur immer im voraus, immer am Ersten.

Der Baron hielt ihm die Hand hin.»Ab Mai!«sagte er.»Mai?«fragte Piatkowski, schlug aber ein.

Die hochaufragende Gestalt lachte schrill.»Herr Piatkowski! Herr Piatkowski? Tausend West, abgemacht?«

«Ja«, sagte Piatkowski. Er verstehe ihn ja, und nannte die hochaufragende Gestalt bei ihrem langen wohlklingenden Namen, aber er müsse schon einsehen, die Einheimischen, und überhaupt, wie wir es hier eben so gewohnt seien.

«Ja«, sagte Fred,»wir Einheimischen!«Kurt nickte. Seine Daumennägel putzten sich gegenseitig.

Nach einem Schniefer trat die hochaufragende Gestalt vor den Baron, hielt ihm die Hand wie ein Messer vor den Bauch und brüllte:»Gratuliere, gratuliere wirklich, Gratulation!«Da der Baron seine Collegemappe mit beiden Händen an sich drückte, behalf sich die hochaufragende Gestalt mit energischen Kopfbewegungen, machte kehrt und verschwand wie ein Schatten im Dunkel des Hausflurs. Piatkowski händigte uns die Schlüssel aus, dann verabschiedeten wir uns.

Fred plante sofort die Renovierung. Wenn man ihm und Kurt freie Hand lasse, sei das in zwei Wochen komplett erledigt, komplett. Jörg bat mich, an dem Artikel über Piatkowski, der immer noch stellvertretender CDU-Vorsitzender ist, festzuhalten, auch wenn Piatkowski jetzt unser Vermieter sei. Er habe es Marion versprochen.

Der Baron ist stolz auf seine Leistung. Sobald er sein neues Briefpapier habe, werde er uns die Rechnung stellen, eine Monatsmiete Vermittlungsgebühr, normal seien drei, seine erste Einnahme im Osten!