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Das alte Ehepaar aus dem Dachgeschoß hat noch nicht zu erkennen gegeben, ob sie sich über ihre neuen Mitmieter freut. Den Haushaltswarenleuten scheinen wir gleichgültig zu sein.

Mobiliar ist kein Problem — die» Lebenshilfe «verscheuert billig das Inventar der Stasivilla! Parkplätze gibt es mehr als genug. Wir müssen nur den oberen Teil der Jüdengasse roden.157

Nun also das Wochenende. Ich wollte nach Fred und Kurt sehen, die seit Freitag renovierten, und fuhr am Sonnabend mit etlichen Keksschachteln und einer Tüte Kaffee ins neue Haus. Ilona hatte Mann und Kinder mobilisiert. Sie rissen die Tapeten von den Wänden, als gäbe es nichts, was sie lieber machten. Kurt vergipste mit stoischem Gleichmut die Löcher in den Wänden. Pringel war glücklich, daß ich ihn im Schlosseranzug sah. Fred strich bereits das Vertriebszimmer. Meine Kekse nahmen sich neben dem Schaschlik und Ilonas Sahnetorte so ärmlich aus, daß ich nur den Kaffee daließ.

Jörg, Marion und ich hatten am Freitag bis Mitternacht gearbeitet, die zwölf Seiten für Montag waren so gut wie fertig. Ich weiß selbst nicht, warum ich in die Redaktion fuhr, der Eifer der anderen hatte mich angesteckt. Wie früher machte ich mich über die Post her, schlitzte ein Kuvert nach dem anderen mit Ilonas ägyptischem Brieföffner auf und drückte den Eingangsstempel auf Leserbriefe, Anfragen, Manuskripte, sortierte die Abo-Zettel aus und die Kleinanzeigen. Das letzte Kuvert hatte wie zur Belohnung ein erhabenes Wappen auf der Rückseite.

Ich ahnte noch nicht einmal etwas, als ich die vielen Namen im Briefkopf sah. Ich las das Betreff, die Anrede, erreichte den Namen unserer Zeitung und die mir bekannte Überschrift» Schweinerei …«, schneller und schneller las ich, überflog die Sätze, bis ich bei der Zahl 20 000 und der Bezeichnung DM und dem in Klammern gesetzten Wort» zwanzigtausend «stockte. Es folgte schon bald eine» vierzigtausend «in Zahlen und Worten und nach einer Leerzeile freundliche Grüße und eine Unterschrift mit zwei großen Schleifen, die den Namenszug wie ein Geschenk verschnürten.

Ich begann von vorn zu lesen und setzte kurz darauf ein drittes Mal an. Eine Rechtsanwaltskanzlei verklagte uns im Auftrag ihrer Mandanten wegen Verleumdung und drohte, sollten erneut derartige Behauptungen von uns an die Öffentlichkeit gelangen (also der angekündigte zweite Teil über die Schweinemast), wäre eine Strafe von vierzigtausend D-Mark fällig.

An der Tür mußte ich umkehren, weil ich noch immer Ilonas Brieföffner in der Hand hielt. Ich fuhr zu Jörg. Niemand öffnete. Eine halbe Stunde später, ich versuchte es erneut, sagte eine Nachbarin, die beiden seien mit den Mädchen bis morgen nach Gotha gefahren, zu Oma und Opa. Im» Wenzel «wußten sie nicht, wann Barrista wiederkomme, sein Zimmer habe er gestern jedoch um eine Woche verlängert.

Warum nur für eine Woche? Und warum hatte Georg nach diesem Artikel alles hingeschmissen? Mir schien, jeder hatte mit solch einer Wendung gerechnet, nur ich nicht. Ich beneidete Jörg und Marion um ihre Ahnungslosigkeit, um den Abend mit Eltern und Kindern. In der irren Hoffnung, den Wagen des Barons vor der Tür stehen zu sehen, fuhr ich zum neuen Haus — und daran vorbei. Ich sah Ilona durchs Fenster. Mir war nach Heulen zumute.

Wenn sie wenigstens Mark geschrieben hätten und nicht D-Mark!

Zum Glück öffnete Anna, die Verfasserin des Artikels.

«Unsere Existenz«, sagte ich,»liegt in Ihren Händen.«

Während sie das Schreiben der Rechtsanwälte las, atmete ich zum ersten Mal wieder tief durch. Als sie sagte, sie schwöre, ohne Übertreibung alles so wiedergegeben zu haben, wie man es ihr erzählt habe, und diese Leute seien zuverlässig, ganz zuverlässig, geriet ich beinah in ausgelassene Stimmung. Sie erfüllte mir einen Herzenswunsch, indem sie nachdrücklich» ganz, ganz zuverlässig «wiederholte. Mit Tränen in den Augen versprach sie, sich nochmals zu vergewissern, ich solle mir keine Gedanken machen.

Schon im Auto kehrte die Angst zurück.

Als ich am Sonntag um vier erwachte, kam mir zu Bewußtsein, daß ich das verfluchte Schreiben noch immer in meiner Tasche trug, daß dieses Teufelszeug sozusagen gemeinsam mit mir hier übernachtet hatte.

Ich brauchte all meine Kraft, um nicht sofort, nicht um sechs oder um sieben oder um acht in den» Wenzel «zu fahren. Zehn Uhr hatte ich mir zum Ziel gesetzt, halb zehn …158

Kurz nach neun habe der Herr von Barrista das Haus verlassen … Ob sie sonst noch etwas für mich tun könne.

Ich schüttelte den Kopf, ich kämpfte bereits mit den Tränen. Ich suchte den Baron in der Schlange, die vor dem Bahnhof auf die» Bild«-Zeitung wartete. Ich lief die angrenzenden Straßen ab. Ich kehrte in den» Wenzel «zurück. Ich schrieb dem Baron ein paar Zeilen, ich bat ihn inständig, sich in der Redaktion zu melden. Die Postmappe lag noch auf dem Tisch. Ich schob das Schreiben zusammengefaltet hinein. Als Georg auftauchte, um mich in Frankas Auftrag zu fragen, ob ich über Mittag bliebe, lehnte ich ab. Er hat nichts mehr damit zu tun, sagte ich mir in einem Anflug von Ritterlichkeit, verschone ihn.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, fuhr ich zu dem Haus, in dem, der Baron hatte es mir gezeigt, Manuela wohnt, die blonde Kellnerin. Sie arbeitet jetzt in der» Schiedsrichterklause«. Aber niemand öffnete.

Gegen sieben kam ich nach Hause. Schon von draußen hörte ich die Musik. Als ich eintrat, sah ich den Wolf unter der Spiegelkonsole. Er hob nicht mal den Kopf. Der Baron hatte Robert einen CD-Spieler samt Lautsprechern geschenkt, an deren Abstimmung sie arbeiteten. Mit ihren Baseballmützen sahen sie aus wie Monteure. Michaela hatte Vorstellung.

«Und wo waren Sie?«fragte der Baron. Er habe mich bei der Eröffnung der Ausstellung vermißt, im Lindenau-Museum. So viel Lokalprominenz! Beziehungspflege nenne man das.

«Und? Haben die recht?«fragte er, nachdem ich ihm mein Herz ausgeschüttet hatte, und beruhigte mich gleich. Wer so etwas mit der Post schicke, sei sowieso nicht ernst zu nehmen. Ob wir nicht trotzdem reagieren müßten, fragte ich.

«Ja«, sagte er,»indem Sie den Wisch zerreißen und vergessen. Wer sagt denn, daß Sie ihn überhaupt bekommen haben?«Ob es nicht eine andere Lösung gebe.

«Wenn Sie möchten«, sagte er,»kümmere ich mich darum. «Genau das hatte ich hören wollen.

«Aber das kostet immer Geld, so ein Briefkopf kostet leider verdammt viel richtiges Geld.«

Ich fragte ihn nach dem zweiten Teil, ob wir den drucken sollten oder nicht.»Natürlich«, sagte er,»wenn er gut ist, sonst nicht.«

Nun haben wir eine kleine Skandalnummer, denn Jörgs Artikel über den Lehrer Offermann steht auf Seite 3. Wenn wir untergehen, dann mit fliegenden Fahnen!

Sei umarmt, E.

Gründonnerstag, 12. 4. 90

Verotschka,159

ich beruhige Mamus alle paar Tage. Selbst bei hundert Toten liegt die Chance, daß Dir nichts passiert, bei 99,99 Prozent. Mamus kommt über Ostern.

Wenn der Telephonanschluß im neuen Haus installiert ist, brauchen wir keine Rücksicht mehr zu nehmen.160 Merkwürdigerweise fällt es mir schwer, den Apparat zurückzulassen! Ich habe so viele Stunden mit ihm zugebracht, so viel gehofft! Die Wählscheibe, diese Spiralschnur, sogar der Hörer gehören schon zu Deiner Stimme, Deinem Atem, zu allem, was Du und ich gesagt haben.

Verotschka, nicht mehr lang, und ich werde Dir die Welt zu Füßen legen! Wenigstens ein kleines Stückchen davon. Dein Freund, der Baron, hat ein paar Andeutungen gemacht, und ich bin darauf eingegangen, gut möglich, daß wir, Du und ich, bald auf Reisen gehen. Ich will es noch nicht verraten, es klingt aberwitzig und verrückt, aber ich habe gelernt, gerade deshalb daran zu glauben. Du siehst ja, wie alles sich fügt!