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Michaela möchte nicht einmal getröstet werden und ist sehr gefaßt. Zartfühlenderweise hatte man sie in ein Zimmer mit drei Frauen gesteckt, die eine Schwangerschaftsunterbrechung hatten, es habe keine anderen freien Betten mehr gegeben.

In gewisser Weise sind wir beide dankbar, daß uns die Entscheidung abgenommen wurde. Deshalb reden wir nicht darüber. Am traurigsten scheint Robert zu sein.

Verotschka, Schwesterchen!

H.

Karfreitag, 13. 4. 90

Lieber Jo!

Freitag, der Dreizehnte. Ich sitze hier im Bademantel, trinke Kaffee und genieße die Stille. Ich weiß gar nicht, was ich Dir zuletzt geschrieben habe.165

Am Mittwoch hatte uns der Baron mal wieder eingeladen. Zu feiern gab es ja einiges, das Haus, meinen neuen Posten, Barristas Immobilienfirma.

Kaum waren wir eingetreten, hatte er Michaela erspäht und ließ sie nicht mehr aus den Augen. Ich glaube sogar, er war überrascht, mich plötzlich hinter ihr zu sehen.

Marion, die extra beim Friseur gewesen war, wirkte mit ihren kurzen Haaren strenger. Sie war stark geschminkt und trug ein mattrotes Kleid, das unter den Armen spannte. Auch Jörg wirkte in seinem grauen, etwas zu großen Anzug fremd.

Barrista, in bester Stimmung, räumte für Michaela die Stirnseite, bat Jörg, einen Stuhl weiter zu rücken, und setzte sich auf dessen Platz. Mich dirigierte er neben Marion, die Michaela bereits Komplimente machte. Der untere Teil des Tisches blieb leer.

Es waren immer zwei oder drei Kellner gleichzeitig mit uns beschäftigt, junge Kerle, die mit den Tabletts auf der Schulter durch den Saal marschierten und die, wenn sie in atemberaubendem Tempo die Teller auftrugen, im gleichen Schwung und wie auf Kommando die halbrunden Silberabdeckungen entfernten. Einer von ihnen nannte darauf feierlich den Namen des Gerichts.

Zweimal, ohne Rücksicht auf die anderen Gäste, wurde das Licht gelöscht. Mal tanzten Flammen auf den Schultern unserer Kellner, mal versprühten Wunderkerzen Funken, mal krachte ein Tischfeuerwerk. Es hätte nicht spektakulärer sein können. Michaela applaudierte jedesmal wie ein Kind.

Kaum hatten wir einen Schluck getrunken, schenkte uns der Baron nach. Er war mit sich und der Welt zufrieden und führte das Gespräch am sicheren Zügel.

Er entdeckte uns ein paar seiner Gewohnheiten. Er schlafe bis neun, unternehme dem Wolf zuliebe lange Spaziergänge und verbringe mehrere Stunden im Archiv, um sich danach mit einer Stunde im Museum zu belohnen. Zwar habe der Erbprinz, sooft sie über seine Visite gesprochen hatten, auf einen Museumsbesuch gedrungen, ihm, dem Baron, jedoch keine wirkliche Vorstellung vermitteln können, was ihm da bisher entgangen sei — nicht weniger als der Schlüssel zum Glück! Uns müsse man eigentlich an den Ohren ziehen. Warum wir ihn nicht gleich am ersten Tag an der Hand genommen und ins Museum geführt hätten, damit wäre ihm manch trübe Stunde erspart geblieben, die er ratlos über das Schicksal der Stadt gegrübelt habe.»Sie haben hier«, sagte er,»einen kleinen Louvre, wissen Sie das denn nicht?«Und schon sprach er wieder über die Madonna, die sich bei ihm langsam zur fixen Idee auswächst.

Wie um uns weitere Vorwürfe zu ersparen, begann Jörg, von Nietzsches Vater zu erzählen, der hier auf dem Schloß Lehrer gewesen war. Jörg kam aber nicht weit, weil ihn der Baron unterbrach. Er wolle auch einmal einen Beitrag für unsere Heimatseiten schreiben. Seiner allbekannten Collegemappe entnahm er ein paar Photos, die er zuerst Michaela und Marion reichte. Er hätte gar nichts weiter sagen müssen. Marion wollte sich abwenden, Michaela sah mich an, als vergleiche sie das Photo mit mir. Der Baron erklärte im Plauderton, es handle sich um Photos vom Februar 41. Auf dem Altenburger Markt — im Hintergrund erkennt man die Sparkasse und» Winkler Wurstfabrik mit Dampfbetrieb«— werden einer Frau vor versammelter Meute die Haare abgeschnitten. Ein Photo zeigt sie auf einem Pferdewagen sitzend, umringt von der Menge, vielleicht zweihundert oder dreihundert Schaulustige, vielleicht auch mehr. Auf dem zweiten Photo hat sie noch ein Kopftuch um, das Schild:»Ich bin aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen!«berührt ihr Kinn. Auf dem dritten Bild sieht man einen älteren Herrn mit Hut und Brille, wie er ihr das Haar abschneidet. Fachgerecht hat er ihr einen weißen Umhang um den Hals gebunden. Auch auf dem vierten Bild» arbeitet «er. Auf dem fünften ist sie kahlgeschoren. Auf dem sechsten Bild tritt sie ihren Gang durch die Stadt an. Man warf ihr intime Kontakte zu einem Polen vor, ihr Mann war Soldat.

Er wolle einmal herausfinden, sagte der Baron, wo sie hier gewohnt habe, ob es noch Verwandte gebe. Er habe sich heute mit dem Photo in der Hand zu jener Stelle begeben, wo es passiert sei.

Es dürfte nicht schwer sein, sowohl den Namen des Friseurs wie auch die näheren Umstände herauszufinden, unter denen sich diese Gaudi — man sehe nur die fröhlichen Gesichter — abgespielt habe. Was wir davon hielten? Wir sollten nach Zeugen fahnden und die Einwohner befragen. Wenn man das Photo vergrößere, werde man die Leute vielleicht besser erkennen. Mit dem Versprechen, uns einen Artikel zu schreiben, sammelte er die Photos wieder ein und verstaute sie sorgfältig.

«Heimatseite einmal anders«, sagte Michaela und erhob ihr Glas auf den Baron. Überhaupt trank sie viel.

Plötzlich beugte sich der Baron über den Tisch.»Schauen Sie mal da«, flüsterte er und wies mit dem Kopf in Richtung Eingang. Ich wußte erst nicht, wen er meinte, weil gleich mehrere Leute nach freien Plätzen Ausschau hielten. Eine lange hagere Frau mit spitzem Gesicht und schwarzen Haaren steuerte direkt auf unseren Tisch zu. Der Mann vor ihr reichte ihr gerade bis zur Brust.»Cäsar und Kleopatra«, wisperte der Baron. Die Frisur der Frau hatte tatsächlich etwas Ägyptisches. Im nächsten Moment ergriff der kleine Mann die Lehne eines der freien Stühle und setzte lächelnd zu einer Frage an, als Marion und Michaela losprusteten. Auch ich konnte nicht an mich halten.

«Bedaure!«rief der Baron.»Wir erwarten noch Gäste. «Das ungleiche Paar blieb stehen, als suchten sie nach einer Erklärung für unser schlechtes Benehmen. Jörg, der am längsten widerstanden hatte, saß vorgebeugt, den Arm auf den Tisch gestützt, die Augen hinter der Hand verborgen. Seine Schultern zuckten. Marion und Michaela glucksten abwechselnd, ich preßte meinen Handrücken vor den Mund.

«Bedaure sehr«, wiederholte der Baron.

«Guten Abend«, erwiderte der kleine Mann, weniger erbost als ratlos, worauf Michaela erneut losprustete und wir mit ihr. Es war ein unbändiges Lachen, das mich um so heftiger schüttelte, je entschiedener ich dagegen ankämpfte. Ich wußte nicht, was mit uns geschah. Es gab überhaupt keinen Grund, sich so aufzuführen.

Der Baron, der mehrmals einen Satz begonnen hatte, doch gegen unseren Dämon machtlos war, entschuldigte sich irritiert, stand auf und verließ unseren Tisch. Kaum hatte er sich ein paar Schritte entfernt, verstummten wir. Sosehr wir uns auch ansahen und belauerten — es geschah nichts.

Ich fühlte mich armselig und bloßgestellt. Unerträglich ist überhaupt kein Ausdruck für dieses sprachlose Dasitzen. Als hätte der Baron alle Worte kassiert, sie eingesammelt wie Spielkarten. Uns blieb nichts weiter übrig, als auf seine Rückkehr zu warten, damit er sie neu verteile.

In diesen Minuten schienen wir zu zerstören, was uns aneinander band. Dieses Schweigen zerfraß alles, was wir je füreinander empfunden hatten, es verschlang Respekt, Würde, Vertrauen, Zuneigung, Liebe. Hätte man uns in diesen Minuten gezwungen auseinanderzugehen, es wäre für immer gewesen.

Unversehens tauchte der Baron wieder auf. Als er sich anschickte, Platz zu nehmen, sagte Michaela:»Wir haben uns beruhigt, entschuldigen Sie bitte. «Er nahm ihre Hand und küßte sie.