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Nun, da Gelegenheit gewesen wäre, die Sache vergessen zu machen, schloß sich übergangslos die nächste Katastrophe an.

Michaela hob plötzlich den Arm, als wollte sie einen Kellner heranwinken, was ihn, den Baron, sofort alarmierte.»Fehlt etwas?«

Ich drehte mich um. Der anrückenden Kellner-Garde standen Wolfgang, der Hüne, seine Frau und Jan Steen im Weg. Die drei traten zur Seite, sahen den Kellnern nach und entdeckten so auch uns.

Wolfgang und seine Frau kamen, um uns zu begrüßen. Der Baron, dem Michaela die beiden vorstellen wollte, legte nicht mal Messer und Gabel aus der Hand und wandte sich von ihr ab an einen der Kellner.

Um zu retten, was zu retten war, ging ich mit Wolfgang hinüber zu Steen. Im selben Augenblick wurde wieder feierlich ein Gericht enthüllt. Steen fragte, mit welchem Affen wir denn da zusammenhockten, und forderte uns auf, an seinen Tisch zu wechseln. Er habe einiges mit uns zu besprechen.

Ich bat ihn um Verständnis, worauf Steen mitten im Satz das Interesse an mir verlor, sich setzte und nach der Karte griff. Der Baron rügte uns seinerseits, indem er etwas über die Qualität des Essens raunzte, das im kalten Zustand jegliches Raffinement verliere.

War es Zufall oder Absicht, jedenfalls folgten die Gänge nun ohne die kleinste Pause, bis wieder das Licht ausging. Das brachte bei Steen das Faß zum Überlaufen. Er, Wolfgang und seine Frau brachen abrupt auf, ohne sich nach uns umzusehen.

Obwohl wir uns alle Mühe gaben und, zur großen Freude des Barons, ein zweites Mal Crème brûlée bestellten, trübte dieser Zwischenfall unsere Stimmung bis zum Schluß.

Am nächsten Morgen erwachte ich jedoch vollkommen erfrischt und ohne die geringste Schwere im Kopf.

Sei umarmt, Dein E.166

Dienstag, 17. 4. 90

Liebe Nicoletta!

Noch immer hoffe ich Tag für Tag, Nachricht von Ihnen zu erhalten. Ich habe es von Anfang an geahnt, daß ich auf Ihre Briefe würde warten müssen. Solange Sie mir aber erlauben, Ihnen zu schreiben, will ich mich nicht beklagen und fahre in meiner Beichte167 fort.

Für die vier Monate zwischen Abitur und Einberufung suchte ich mir nicht wie alle anderen eine Arbeit. Ich hatte ja eine. Das wenige Geld, das ich für Bücher, Theaterkarten und die Zugfahrten nach Naumburg oder Berlin brauchte, gaben mir Mutter oder Vera.

Vera, als habe sie gewußt, daß man ihr Ende des Jahres den Ausweis abnehmen und ein sogenanntes Berlin-Verbot erteilen würde,168 reiste rastlos — an die Ostsee, in den Harz, durch Mecklenburg — und schrieb mir Ansichtskarten und Briefe, so daß ich ihren Touren auf der Landkarte folgen konnte. War sie in Berlin, lernte sie töpfern, beschrieb etliche Wände mit den Gedichten ihrer Freunde und rauchte angeblich Marihuana.

Veras Abwesenheit beruhigte mein Leben. Mein Pensum bestand aus fünf bis sechs Stunden Schreiben. Doch verfaßte ich, anders als manch Frühvollendeter, keine Gedichte, in denen von der Elbe, von Dresden, von Frauen mit langen Haaren oder dem kupfernen Hämmern über den Dächern Budapests die Rede war.169 Das lag mir fern. Ich schrieb über die Armee!

Befehlen preisgegeben, geschliffen bei Appell und Sturmangriff, würde ich von selbst einen unverwechselbaren Stil ausbilden. Und wartete man im Westen nicht auf Kassiber und Klopfzeichen aus östlichen Kasernenmauern wie einst auf die Lagergeschichten Solshenizyns?

Woran ich bereits arbeiten konnte, war der Morgen der Einberufung, jene Minuten zwischen Erwachen und Aufstehen, denen der Abstieg in die Hölle folgen würde.

Wahrscheinlich halten Sie es für übertrieben, wenn ich behaupte, meine Gedanken kreisten seit jeher um diesen Abschied. Armee war mir der Inbegriff des Von-zu-Hause-Abschied-Nehmens. Kindergarten, Schule, Hort und Ferienlager waren unangenehm, doch nichts im Vergleich zu jenem schrecklichen Abschied, für den sie Vorstufen darstellten.

Wir wuchsen ja auf im Schatten der endlosen Russenkasernen, die sich von Klotzsche bis hinein in die Stadt zogen. Die zum Heller, einem Truppenübungsplatz, marschierenden Soldatenkolonnen und die nächtlichen Gesänge hinter den Kasernenmauern bildeten die Kulisse für Schauermärchen. Die achtzehn Monate NVA lagen in meiner Vorstellung immer schon als schwerer Riegel vor dem eigentlichen Leben.

Mit Kindheitserinnerungen und der frühen Angst vor der Armee glaubte ich, die Verzweiflung eines sensiblen jungen Mannes illustrieren zu können, der einrücken mußte. Für ihn gab es kein Ausweichen, kein Entrinnen, die totalitäre Macht überwachte jeden Schritt. Schließlich saß mein Held zerschlagen und bleich bei einer Tasse Kaffee in der Küche, seine Mutter — wieder eine deutsche Mutter, die ihren Sohn hergeben mußte — umsorgte ihn schweigend, das Gesicht abgewandt, damit er ihre Tränen nicht sah.

Zu Ihrer Erinnerung sei gesagt: Im Herbst 81 stand Polen kurz vor der Verhängung des Kriegsrechts. Von einem Nachbarjungen, der ein Jahr zuvor eingezogen worden war, wußte ich, daß sein Regiment im Sommer mit scharfer Munition ausgerückt war. Selbst der Regimentskommandeur, ein Oberst, hatte Felduniform getragen, und die Offiziere waren von einer nie gekannten Freundlichkeit gewesen. Ihm selbst war die Aufgabe zugewiesen worden, die Hinweisschilder für die nachrückenden Reservisten aufzustellen.

Das war Wasser auf meine Mühlen und beflügelte meine Phantasie. Ich fürchtete, zu spät zu kommen; trotzdem hätte ich gern den Tag der Einberufung hinausgezögert, denn so, wie es jetzt war, gefiel mir mein Leben.

Ende Oktober, etwa zehn Tage vor der Einberufung, geschah etwas völlig Unerwartetes.

Geronimo wollte mich, bevor ich kaserniert würde, wie er sich ausdrückte, noch einmal sehen. Wir hatten uns monatlich besucht. Von Naumburg aus waren wir viel gewandert und mit den Rädern nach Schulpforta oder nach Röcken170 gefahren.

Die Anspannung jedoch, die ich bei unserem ersten Wiedersehen gespürt hatte, blieb bestehen. Ich sehnte mich nach Geronimo und fürchtete unsere Treffen. Unbeschwert war ich nur, wenn ich ihm schrieb.

Diesmal wollte er nicht vom Bahnhof abgeholt werden, ich sollte ihn zu Hause erwarten. Als es endlich klingelte, stand nicht er da — sondern Franziska! Ich glaubte an ein Wunder! Franziska hatte meine Adresse herausgefunden und war zu mir gekommen. Gott sei Dank brachte ich so lange kein Wort heraus, bis Geronimo hervortrat.

Obwohl sich damit alles geklärt hatte, war ich weniger bestürzt als ungläubig. Ich hatte in Geronimo nie ein Wesen gesehen, für das sich Frauen interessieren würden. Und jetzt Franziska!

Trotz aller Zärtlichkeit zwischen den beiden glaubte ich zunächst an einen Scherz. Benutzte sie Geronimo? Gehörte sie nicht viel mehr zu mir, spätestens jetzt, da sie uns vergleichen konnte? Ihre Gegenwart in meinem Zimmer, ihr unverhofftes Dasein inmitten jener Welt, in der ich von ihr geträumt hatte, ließen für Geronimo keinen Platz.

Anfangs hatte ich, wie man so sagt, nur Augen für sie. Doch sowenig ich Geronimo als Fluchtpunkt jeder Regung, jedes Wortes von ihr akzeptieren wollte, so unvermeidlich war es, ihn irgendwann anzusehen. Und das änderte alles!

Geronimos Lächeln war so selig, daß sein ganzes Gesicht vor lauter Entrücktheit etwas Schafartiges bekam.

Kennen Sie den demütigenden Impuls, zwischen zwei Liebende fahren zu wollen wie der Teufel?

«Johann!«sagte ich wie ein Arzt, der einen Bewußtlosen anspricht.»Johann!«

Ich wollte ihn ohrfeigen, ihm die Brille herunterreißen und zerbrechen, ihn mit der Faust ins Gesicht schlagen, während er weiter blöd lächelte, sich umranken ließ und beim Küssen schmatzte. Make love, not war!» Johann!«Er hörte mich nicht einmal mehr! Fremd und verlassen hockte ich neben den beiden im eigenen Zimmer.

Als er mich bat, mit Franziska bei uns übernachten zu dürfen, machte es mir schon nichts mehr aus, ihm das ohne Begründung abzuschlagen. Ich bot ihm an, allein und bei mir auf der Luftmatratze neben meinem Bett zu schlafen.