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Sie blieben zum Abendbrot und hielten sich selbst beim Essen an den Händen. Meine Mutter bestand darauf, jedes Detail ihrer ersten Begegnung zu erfahren. Und auch die beiden wollten über nichts anderes reden, erfaßt von unerträglicher Erzähllust.

Warum aber störte sich niemand daran, daß ich schwieg, auf meinen Teller starrte, vollkommen versteinert. Sie hatten mich bereits aus ihrer Gesellschaft getilgt. Es war nicht nur der brutale Egoismus der Liebenden, nein, sie alle hier probten bereits das Leben ohne mich.

Ich konnte von Glück reden, daß meine Mutter die beiden nicht zum Übernachten einlud. Mir fällt nicht mal mehr ein, wie wir uns verabschiedet haben.

Johann hatte mich in einen Hinterhalt gelockt, er hatte mich verraten! Und ich winselte seinen Namen ins Kopfkissen!

Am nächsten Morgen fand ich auf dem Frühstückstisch ein Kuvert.»Ist es ein Roman?«fragte meine Mutter später. Das war Johanns zweiter Verrat. Er hatte mit keiner Silbe erwähnt, daß er ebenfalls schrieb. Kämpfte Johann heimlich gegen mich?

Das war am Sonntag. Bei einer Fußballübertragung würde man sagen: Wir zeigen Ihnen diese Szenen ungekürzt.

Der Montag hielt eine weitere Hiobsbotschaft für mich bereit.

Der Auflage der Musterungskommission entsprechend, hatte ich mir den Brustkorb röntgen lassen, doch nicht beim Militärarzt, sondern im Friedrichstädter Krankenhaus, in dem meine Mutter arbeitete. Am Montag war der Befund mit der Post gekommen. Ich kam nicht mal auf die Idee, das Latein zu entschlüsseln, und legte den Umschlag auf Mutters Küchenstuhl, wo sie ihn erst fand, als wir uns zum Abendbrot setzten. Haben Sie jemals erlebt, wie in einem vertrauten Gesicht von einem Augenblick auf den anderen der Schädel aufscheint?

«Das kann nicht sein!«flüsterte sie.

«Was kann nicht sein?«war alles, was ich hervorbrachte. Dann wurde mir schlecht. Eine Minute später fragte ich vom Fußboden der Küche aus, wie viele Jahre mir noch blieben.

«Vier oder fünf«, sagte sie, fuhr in ihre Straßenschuhe und rief:»Aber das kann nicht sein! Das kann nicht sein!«Und zog die Wohnungstür hinter sich zu.

Die Kälte des Fußbodens war angenehm. Ich sah die Deckenlampe, in deren Glasschirm sich Dreck angesammelt hatte, und die Therme, in der ein einziges blaues Flämmchen brannte. Es tat gut, Dinge ins Auge zu fassen, die sich mein Leben lang nicht verändert hatten. Vier Jahre! Um die Fenster zu sehen, mußte ich den Kopf drehen. Ich lächelte der abgeschlagenen Ecke des Fensterbrettes zu. Vier Jahre! Da hatte ich meine Unausweichlichkeit! Mir blieb Zeit für ein Buch, vielleicht sogar für zwei. War Todesnähe nicht überhaupt die notwendige Voraussetzung schöpferischer Arbeit? Versuchte nicht jeder, sie so oder so vorzutäuschen? Vier Jahre! Ich drückte dieses Urteil an mich, als wäre es ein Versprechen, eine Abmachung zwischen Gott und mir.

Es dauerte fast eine Stunde, bis meine Mutter zurückkehrte. Sie war mit dem Rad die Telephonzellen abgefahren, hatte dann aber niemanden mehr in der Röntgenabteilung erreicht. Sie lächelte und wischte sich mit dem Taschentuch über das gerötete Gesicht. Der Befund sei falsch, ein Irrtum, völliger Nonsens, sonst käme ich kaum noch die Treppen hinauf.

«Hörst Du, Enrico? Das ist unsere Chance! Keine Armee der Welt nimmt dich mehr mit so einem Befund! Das will der Herrgott!«jubilierte sie.

Noch nie hatte sie dieses Wort gebraucht. Mir war nicht nur ihr Herrgott lästig, ich wollte überhaupt allein sein, allein mit den Dingen dieser Welt, die auf einen Schlag mein waren, alle schön, alle wichtig.

Je euphorischer sie sprach —»Mußt nur ein bißchen lamentieren, ein bißchen spielen«—, desto ungehaltener wurde ich.»Entweder verweigere ich, oder ich gehe wie alle anderen!«

Eine Stunde später lief ich an der Elbe entlang, über der Nebel lag.»Denn alles Fleisch, es ist wie Gras«, dröhnte mir Brahms Requiem im Ohr,»und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen!«Wie soll ich diesen Zustand beschreiben? Zwar blieb ich der alte Adam, der sich Geronimo überlegen fühlte, ich erlebte etwas, was mich vor allen anderen auszeichnen würde. Darüber hinaus aber überraschte, nein, überrumpelte mich ein unerwarteter Trost: Ob tot oder lebendig, ich würde auf dieser Erde bleiben. Sterben und verwesen bedeutete nicht, sich in nichts aufzulösen, sondern, wie auch immer, weiter hier, weiter in der Welt zu sein. Dieser Gedanke, der sich wie im Schlaf eingeschlichen hatte, beruhigte mich. Ich will nicht sagen, auf diesem Spaziergang hätte ich die Angst vor dem Tod überwunden, doch so oder ähnlich fühlte es sich an. Alles Schöne war plötzlich schön, alles Schlimme schlimm, alles Gute gut. Für kurze Zeit entkam ich meinem Wahn — und mußte nichts mehr tun! Jeder Zwang, jeder Plan, jedes Kräftemessen fiel von mir ab.

Dienstag früh fuhr ich mit Mutter ins Krankenhaus und ließ mich erneut röntgen. Wieder zu Hause, schrieb ich Geronimo. Es war mein Testament, ein Abschied in vielerlei Hinsicht. Jeder Satz ein Hauptsatz. Ich wünschte ihm Glück, ich wünschte Franziska Glück, lieber hätte ich ihm alles mündlich gesagt, ich war krank, todkrank, aber ich nahm mein Schicksal an, ich wollte es tragen als das mir zugedachte, Schritt um Schritt auf meinem Weg vorangehen. Ich war von mir selbst beeindruckt. Sein Manuskript ließ ich unerwähnt.

Am Mittwoch um zwölf, ich hatte meine Mutter anrufen müssen, erfuhr ich, daß die Vergrößerung meines Herzens keine krankhafte war, im Gegenteil, ich besaß ein Sportlerherz. Im selben Moment erloschen Luzidität und Einsicht. Ja, ich ärgerte mich, durch die ganze Aufregung Zeit verloren zu haben, und spürte, wie die alte Kleinlichkeit durch jede Pore zurückkroch. Doch für Augenblicke hatte ich eine seltsame Klarheit erlebt. Und alles, was ich jetzt darüber schreibe, ist nicht mal ein Abglanz davon.

Mittwoch, 18. 4. 90

Da ich zwei Monate lang beinah täglich über den Tag meiner Einberufung geschrieben hatte, war mir der vierte November vertraut wie ein lang erwarteter Brieffreund, dessen Besuch ich mit Neugier entgegensah. Allerdings blieb dann kaum Zeit, meine Vorstellung mit der Wirklichkeit zu vergleichen.

Ich hatte erwartungsgemäß schlecht geschlafen, das Verhalten meiner Mutter jedoch ähnelte nur entfernt der Beschreibung. Wir gossen viel Milch in den Kaffee, um ihn schneller trinken zu können, und schwiegen. Mich ärgerte, daß sie viel zu früh zum Aufbruch drängte, erst beim Abschied waren ihre Augen etwas feucht.

«Morgen«, zitierte ich aus dem Manuskript,»ist alles nur noch halb so schlimm«(der erste Tag sollte in meinem Roman nicht schlimm werden, jedoch alle folgenden). Meine Mutter umarmte mich und küßte mir zum Abschied die Stirn, was ich als überaus ausdrucksstark empfand. Ich beschloß sofort, diese Geste in meine Abschiedsszene aufzunehmen.

Der Weg in den großen, etwas zurückgelegenen Mitroparaum des Neustädter Bahnhofs, wo wir uns einzufinden hatten, erinnerte mich an die Abende, da wir auf die Rückkehr der Großeltern aus dem Westen gewartet hatten.

Ganz gegenwärtig stand plötzlich unser Nachbar, Herr Kaspareck, vor mir. Offenbar führte Herr Kaspareck hier als Offizier die Oberaufsicht und patrouillierte zwischen den Stühlen. Ständig stieß er an schwarze Taschen, die ihm aus dem Weg geräumt werden mußten. Trotz unserer Zivilkleidung waren wir bereits seine Gefangenen.

Als Sensation empfand ich die Pistole an Kasparecks Koppel. Vor Jahren war er einmal hinter mir hergerannt, weil wir sonntags vor seinen Fenstern Fußball gespielt hatten. Nun konnte er sich an mir rächen.

Herr Kaspareck erhielt von mir die Rolle eines Vorboten des Bösen. Er hatte mich nicht gegrüßt, er war über die ausgestreckten Beine eines Schlafenden gestolpert und hatte diesen mit einem gut gezielten Schlag in die Waden fast vom Stuhl gerissen.