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Als der Tag der Entlassung überstanden war, erhielten Nikolai und ich Ausgang. Er hatte das für uns arrangiert und ließ mich wissen, daß sonst niemand im Regiment» Freigang «habe, wie er es nannte, weshalb die Gaststätten halbwegs begehbar seien. Für mich war das Neuland.

Schweigend liefen wir nebeneinander her. Der Weg in die Stadt war endlos. Unter diesen Umständen fühlte ich mich ihm ausgeliefert. Ja, mich ärgerte die Anmaßung, mit der Nikolai über mich verfügt hatte.

Er lud mich ins» Gambrinus «ein und bestellte mit Zwiebeln und Käse überbackene Steaks, angeblich eine Spezialität des Hauses. Ich bestand auf Bier.

Nikolai versuchte, das Gespräch in Gang zu bringen. Zuerst ging es um unsere Preise und darum, nicht mehr jeden Auftrag anzunehmen. Dann sprach er von seinen Plänen. Nach der Entlassung wolle er nach Armenien reisen, zu seinem Vater, einem Künstler.»Das will ich auch werden«, sagte er.

«Was?«fragte ich.

«Künstler«, erwiderte er und sah dabei aus wie ein weises Schaf.

«Und ich Schriftsteller!«Ich grinste, als hätte ich einen Scherz gemacht.

«Ich weiß«, sagte er und hob sein Kinn.»Das hättest du mal eher sagen sollen.«

«Das hätte auch nichts gebracht«, erwiderte ich und ärgerte mich, weil ich damit anerkannte, daß er meine Gedanken erraten und womöglich schon damals die ganze Situation erfaßt hatte.

«Ich habe nur darauf gewartet, daß du den Mund aufmachst. Knut ist der Spitzel.«

«Warum Knut?«fragte ich.

«Alle haben es gewußt, schon Tage vorher, verstehst du, es geschah mit Ansage. Wärst du wirklich ein Spitzel gewesen, hätte man dich gerettet. Aber offenbar paßte es denen da oben …«Nikolai blickte umher, als suchte er den Kellner.

«Und was heißt, du hast darauf gewartet?«fragte ich. Er nahm das Glas, aus dem er hatte trinken wollen, von den Lippen, hob es höher und sagte:»Ich hätte es bestätigt, hätte gesagt, daß wir darüber gesprochen haben und daß du mir von deiner Geschichte erzählt hast …«Seine Oberlippe zuckte.»Du hast mir leid getan«, fuhr er fort,»aber so dämlich, wie du dich angestellt hast — man hätte glauben können, du wolltest es so. «Er reagierte nicht auf mein Lachen. Dann sah er mich an, hochmütig, traurig, weise, zu allem bereit und schicksalsergeben. Gegen ihn war Geronimo ein grobschlächtiges Kind.

Das Essen kam, und Nikolai begann, von anderen Dingen zu reden. Er werde kein Fahrer, sondern übernehme den frei gewordenen Posten des Plakatmalers, mit eigener Werkstatt und allem Drum und Dran. Er lud mich ein, ihn am nächsten Tag, überhaupt immer, wann ich wollte, in seinem Atelier zu besuchen. Doch mein Entschluß, ihn zukünftig nicht mehr in meiner Nähe zu dulden, stand bereits fest.

Enrico

Mittwoch, 25. 4. 90

Lieber Jo!

Wir sind umgezogen, ich lebe auf hoher See! Der über die alten Dielen genagelte Bodenbelag, ein Reststück aus Freds Schatzkammer, schlägt von Tag zu Tag höhere Wellen und macht aus dem Ölradiator ein Boot, das auf und ab tanzt, sobald ich ihn mir von den Füßen um den Schreibtisch herum in den Rücken schiebe. Das ist der Preis für meinen Mittelalter-Ausblick.

Wer zu uns will, steht häufig vor verschlossenem Tor, weil die alten Leute über uns — angeblich leben sie seit vierzig Jahren in wilder Ehe — nicht davon abzubringen sind abzuschließen, sobald sie das Haus verlassen oder wiederkommen. Besonders sie, Frau Käfer, genannt Käferchen, ist eine eifrige Schlüsselfee. Ilona hört inzwischen sogar mitten im Gespräch und bei geschlossenem Fenster, wenn jemand am Tor rüttelt. Wer sich aber einmal bis zu uns heraufgewagt hat, betritt einen hellen Empfangsraum — überall Grünpflanzen, die vom schäbigen Stasimobiliar ablenken sollen.

Fred hat die Türen mit Schildern versehen,»Vertriebsbüro «zum Beispiel, und für jeden Raum Vorschriften verfaßt. In meinem Zimmer ist folgendes zu beachten:»Nicht mehr als zwei Personen gleichzeitig! Nicht springen oder stampfen! Ölradiator maximal Stufe 2! Beim Verlassen des Zimmers: Licht aus, Stecker raus! Fenster verschließen!«Seine letzte Anweisung,»Nicht rauchen, Brandgefahr!«, hat er handschriftlich durch» möglichst «ergänzt.

Als ich gestern mit Fred den Haushaltswarenmann besuchte — wir müssen eine neue Stromleitung in mein Zimmer legen — und darum bat, uns die hinteren Räume zu zeigen, sahen sie in meiner Bitte den läppischen Vorwand eines Spions.»Wir haben nichts zu verbergen«, rief der Chef,»wenn Sie es sehen wollen … na bitte … machen Sie, was Sie wollen …«Und eilte voran. Gegen sein Mißtrauen vermochte meine Verbindlichkeit nichts. Im Gegenteil! Jede meiner Fragen erschien mir selbst höchst mißverständlich. Auf dem Rückweg aus dem Lager vertrat uns schließlich seine Frau den Weg. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie ankündigte,»jetzt mal etwas geradezurücken«, weil ich wohl nicht wisse, wie lange sie schon ihr Geschäft hier hätten, wie mühsam es gewesen sei, all das herbeizuschaffen, aufzubauen und zu erhalten.»Es gab doch nichts! Die Gesundheit hat er sich ruiniert, seine Gesundheit!«Ihr Mann begleitete jedes Wort mit einem Laut wie aus einer gestopften Tuba. Gegen Ende fügte er ihrer verzweifelten Arie eine Zweitstimme hinzu, die aus nichts weiter bestand als» Da könn wir gar nüscht machen, gar nüscht! Da könn wir gar nüscht machen«.

«Und jetzt können Sie gehen!«sagte seine Frau und blieb vor mir stehen. Ihre Tränen waren versiegt. Ich lud sie ein, unsere Räume zu besichtigen, erzählte von der Zeitung —»Ja«, antwortete sie, und es klang bitter,»die kennen wir!«— und bot ihnen an, kostenlos bei uns zu inserieren.»Worum solln wir das machen?«fragte er.»Die kenn uns doch hier olle, worum denn, worum solln wir das machen?«Die Tochter, eine Bohnenstange, erwiderte nicht mal unseren Gruß, doch sie schnaubte unglaublich laut in ihr Taschentuch, als wir den Laden verließen.

Vorgestern hatte ich gerade die richtige Überschrift für einen Artikel gefunden (»Kapitäne retten sich zuerst«), als Ilona drei Gießener Journalisten ankündigte. Mit zwei von ihnen hatten wir den Wahlsonntag verbracht. Sie hoben vor Wiedersehensfreude die Arme, als wollten sie mich an sich drücken. Hinter ihnen erschien der Chef vom Dienst, bei dem ich mir das» Spiegeln «abgeschaut habe. Er wirkte ernst und verschlossen. Ich führte sie durch die Redaktion bis an meine Tür und stieg mit ihnen hinauf zu Jörg, Marion und Pringel, die sich zwei große Zimmer teilen. Wieder fanden die Gießener alles» spannend«, als erwarteten sie jeden Augenblick eine dramatische Wendung. Ich fragte nach ihrem Wahlartikel. Sie gaben sich erstaunt und waren untröstlich, weil der uns nicht erreicht hatte. Beim Kaffeetrinken belogen wir sie über die Höhe der Auflage, ließen uns bewundern — für Jörgs Artikel und unsere Skandalnummer — und lauschten ihren Betrachtungen über den» starken Anzeigenmarkt«, der hier heranwachse. Nach einer halben Stunde verabschiedeten sie sich mit dem Versprechen, den Artikel zu schicken.

Gegen sechs tauchte der Chef vom Dienst erneut auf und blieb mitten im Zimmer stehen. Ich saß auf Ilonas Stuhl, telephonierte und wartete auf den Baron, der uns versprochen hatte, seinen Rechtsanwalt und eine Überraschung mitzubringen.»Da haben Sie ja Glück«, sagte ich,»daß unser Tor offen war.«

Es sei wohl eher so, erwiderte er, daß das Glück auf unserer Seite liege, wir hätten Glück, daß er sich die Mühe gemacht habe, noch mal hereinzuschauen. Er nahm auf dem Stuhl für Anzeigenkunden Platz.

Er wolle ganz offen mit mir sprechen, er hoffe, wir wüßten das zu schätzen und würden die Gunst der Stunde erkennen. Seine Zeitung habe beschlossen, in Altenburg ein Blatt zu gründen, beste Drucktechnik, professionelle Journalistik, den Mantelteil (also alles Überregionale) übernehme man von Gießen. Allerdings sei zu überlegen, ob wir mit ihnen zusammenarbeiten wollten, was hieße, daß sie uns aufkauften, es aber durchaus im Bereich des Vorstellbaren liege, daß»einer von Ihnen die Leitung hier übernimmt …«