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Recklewitz haben wir es zu verdanken, daß wir in Sachen Pipping-Fenster ruhig schlafen können. Recklewitz’ Gesicht, aus dem die Nase spitz und schief hervorsticht, hat tatsächlich etwas Aristokratisches, sein Lachen ähnelt dem des Barons. Auch er verzieht jeweils nur die linke Mundhälfte. Andy, groß, breitschultrig, rotblond und blauäugig, lacht gern und laut. Seine Augen suchen ständig den Baron, weil der ihm hin und wieder etwas übersetzt.»Wie geht’s?«sagte Andy, drückte mir die Hand und schien in meinen Augen zu forschen. Der Chef vom Dienst sagte» How do you do?«und fragte mich leise:»Sie rüsten um?«Ich nickte.

Jörg mußte auf der Treppe etwas gesagt haben, denn von Recklewitz trat, sich die Hände reibend, vor den Chef vom Dienst und fragte, als erkundige er sich nach der Uhrzeit:»Sie wollen uns also brotlos machen?«

Und Jörg, dankbar, sich beklagen zu können, petzte:»Entweder mit oder gegen uns. So ist es doch, das haben Sie gesagt!?«

«So einfach ist es nun nicht«, verteidigte sich der Chef vom Dienst und zog seine Visitenkarte hervor. Während er die Geschichte unserer Freundschaft vortrug, waren Andy und der Baron nebenan damit beschäftigt, die Apparate aus den Kisten zu holen.

«Und was wird aus unseren Investitionen?«blaffte Recklewitz und hackte mit der Nase in meine Richtung. Er war großartig.184

Der Baron bat uns herüber.»Das ist das Beste«, schwärmte er,»es gibt nichts Besseres … Sie sind aus der Branche?«Und als auch er eine Gießener Visitenkarte erhalten hatte, rief er:»Dann werden Sie das bestätigen?«Und der Chef vom Dienst bestätigte es umgehend. Sie selbst überlegten, ein paar» Apple «einzusetzen, in einigen Bereichen jedenfalls» mache das wohl Sinn«. Und allmählich wurde der Chef vom Dienst wieder zu jenem begeisterten Besucher, als der er sich im Februar über unsere Spiegel gebeugt hatte. Er hielt den Karton fest, als Andy den Bildschirm aus dem Kasten zog, räumte das Styropor zusammen, ließ sich keinen Kabelanschluß entgehen und betrachtete ebenso sorgenvoll wie Andy unsere Steckdosen.

Sogar an Verlängerungsschnüre und eine Verteilerdose hatte der Baron gedacht. Nur Recklewitz drängelte, er hatte Hunger. Wir verzogen uns mit ihm nach oben. Kurt bot Recklewitz etwas aus seiner Brotkapsel an. Recklewitz dankte irritiert. Er habe so viel vom hiesigen Mutzbraten gehört (auch er sprach es falsch aus), daß er sich lieber noch etwas beherrschen wolle. Kurt klappte die obere Scheibe zurück, zeigte eine dicke Schicht Landleberwurst vor und biß dann selbst hinein.

Solltest Du jemals Bodo von Recklewitz-Münzner kennenlernen, so wirst Du sehen, daß er seinem Namen alle Ehre macht. Zuerst ist er ganz der Herr von Recklewitz, der nur über den Wassergraben seiner Burg hinweg Befehle erteilt. Ja, man merkt seinen Augen und Schläfen die Kopfschmerzen an, die es ihm bereitet, wenn sich jemand zu ihm setzt, statt in einigen Metern Abstand auf seinen Wink zu warten. Hat er sich dann erst einmal geordnet, den Blick von einem fernen Horizont zurückgeholt und den inneren Widerstand, den jede neue Berührung mit der Welt in ihm hervorruft, überwunden, wird aus dem Herrn von Recklewitz mit jedem Wort, mit jeder Erläuterung und Anmerkung mehr und mehr der hilfsbereite Herr Münzner, der uns zukünftig mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. Wir zahlen ihm sechshundert Mark pro Monat und können ihn dafür jederzeit und mit allem in Anspruch nehmen — nur Fahrtkosten sind extra. Damit sei er, vor allem aber seien seine Klienten mit dieser Regelung stets gut gefahren. Nur sollten wir nicht den folgenschweren Fehler begehen, Recht und Gerechtigkeit miteinander zu verwechseln. Er sei für das Recht zuständig, dafür, recht zu bekommen.

Und plötzlich, nachdem der Vertrag unterschrieben war, lachte uns linksseitig unser alter Schulfreund Bodo an, mit dem zusammen wir jetzt was Gutes essen würden.

«Wir müssen da schleunigst runter«, rief er,»von allein werden die nicht rauskommen. «Bodo von Recklewitz-Münzner erwartete sich Sagenhaftes von der hiesigen Küche.

Ich lud den Chef vom Dienst ein, mit uns zu essen.»Glauben Sie mir«, sagte er und ergriff mit beiden Händen meine Rechte,»wenn ich nicht morgen früh diese Beratung hätte, ich würde es tun! Ja, ich würde es tun, und dann würde ich Sie, Sie alle hier, einladen!«

Wir geleiteten ihn zum Wagen, zu ebenjenem BMW, dessen Modell ich als Corpus delicti in der Hosentasche trug.»Ein schönes Auto«, rief ich, als der Chef vom Dienst das Fenster herabsurren ließ. Er setzte zurück und streckte den Kopf heraus, als wollte er sehen, ob wir noch alle da wären. Beim Anfahren reckte er seinen Arm bis übers Dach und winkte mit seiner Fliegenhand, wobei er, wie ein neues Versprechen, ein Goldarmband entblößte.

«Der Sauhund!«rief Jörg, der noch vor Recklewitz seinen Arm hatte sinken lassen.»Dieser Sauhund!«

«Seien Sie froh«, lachte der Baron,»daß Sie an so einen geraten sind, und seien Sie stolz! Kaum daß Sie auf dem Markt sind, umwirbt man Sie. Was wollen Sie mehr?«

«Sitzt die ganze Zeit mit so einem Spielzeug im Jackett da und wartet auf seinen Einsatz, pfui Teufel!«rief Jörg.

Der Baron schwieg, wie um sicherzugehen, daß Jörg tatsächlich zu Ende gesprochen hatte, und sagte dann:»Bauen Sie die Mauer wieder auf, aber beeilen Sie sich damit!«

Wir sollten ihm, diesem Chef vom Dienst, dankbar sein, ja, wirklich dankbar. Der habe unsere Schwächen aufgedeckt,»Ihre Stärken und Schwächen«, ergänzte der Baron. Er mache sich selbst Vorwürfe, in der Vergangenheit nicht härter zu uns gewesen zu sein. Denn wie sich nun zeige, sei es wohl eher unwahrscheinlich, daß man uns weiterhin Zeit lasse, schmerzlos zu lernen,»wenn es das überhaupt gibt, schmerzloses Lernen!«.

Jörg solle ihm einen Satz des Chefs vom Dienst nennen, der falsch gewesen wäre. Wir müßten uns ändern, ganz schnell ändern, sonst hätten wir keine Chance.»Und wenn Sie wenigstens«, sagte er,»den Umfang überdenken und Ihre Druckqualität. Sie brauchen Platz für Anzeigen, und für D-Mark kauft Ihnen niemand solche schemenhaften Photos ab.«

Noch im» Ratskeller «stritten sie. Der Tonfall blieb freundlich, aber unerbittlich.»Sie wollen keine Tageszeitung werden? Dann müssen Sie sich eben was anderes überlegen.«

Jedesmal wenn ich Jörg beispringen wollte, stand er bereits auf verlorenem Posten. Deshalb wohl zielte Recklewitz mit seiner Nase auf mich. Was ich denn dächte? Mir fiel nichts ein. Und ich war verärgert, weil Jörg sich so kindisch gebärdete, daß sie glauben mußten, wir hätten vergessen, die Spielregeln zu lesen.

«Enrico!«rief Jörg.»Laß dich nicht so einfach ins Loch jagen!«Und dann machte Jörg erneut seine traurige Rechnung auf. Natürlich weiß niemand, was nach dem ersten Juli185 wird, natürlich ist der Osten nicht der Westen, natürlich haben wir von der letzten Nummer fast tausend Exemplare mehr verkauft, natürlich kommt es auf uns an, auf das, was wir wollen, und auf unsere Kraft, natürlich sind wir nicht irgendeine Zeitung. Und wenn Jörgs Leute gewählt werden, sitzen wir näher an der Quelle als alle anderen. Aber ob das reichen wird?

Danach fiel niemandem etwas Unverfängliches ein, um das Schweigen zu beenden. Zum Glück kam das Essen. Wir stießen an, und ich begriff nicht mehr, was an der Vision des Barons eigentlich so schrecklich sein sollte und was Jörg dazu trieb, immerfort den Kopf zu schütteln. Wenn Jörg sich weiter weigere, hatte der Baron gesagt (und offengelassen, wie ernst es ihm damit war), werde er eben selbst ein Anzeigenblatt gründen. Man dürfe doch das Geld nicht auf der Straße liegen lassen. Außerdem mache ihm das Spaß, Geldverdienen mache immer Spaß. Und in diesem Fall sei es ein Kinderspiel, wenn man von Beginn an alles richtig anpacke. Hatte der Chef vom Dienst nicht gesagt, in Gera drucke man mit Lichtsatz? Dann könnten so viele Gießener kommen wie wollten. Für das» Wochenblatt «jedoch sei das tödlich.»Wenn Sie jetzt nicht reagieren«, sagte er und richtete seine Tiefseebrille auf mich,»sind Sie erledigt.«