«Nein«, sagte Jörg, in diese Falle tappe er nicht. Er werde nicht zulassen, daß wir unsere Kräfte verschwendeten. Wir würden das Ruder fest in der Hand halten.
«Dann rudern Sie mal«, rief Recklewitz, der, weil es keinen Mutzbraten mehr gegeben hatte, ein enormes Eisbein vor sich zerlegte und von erfreulicheren Dingen reden wollte, zum Beispiel vom Fußball, obwohl er wissen mußte, wie lächerlich der Baron Sport fand.
Heute früh Punkt neun stand Andy in der Redaktion. Er setzte sich an den Computer und reichte mir drei Minuten später die fertige Anzeige: eine halbe Seite! In weißer Schrift stand auf schwarzem Grund nichts weiter als» Andy kommt!«. Er fragte nach» Discount«, den ich natürlich gewährte. Mit meinem Englisch ging es besser als erwartet, ich hatte ja keine Wahl. Trotzdem zweifelte ich dann, ob ich ihn richtig verstanden hatte, obwohl twenty ganz sicher zwanzig hieß und twenty thousand eben zwanzigtausend. Wieder tippte ich auf den Bildschirm, den Computer, den Drucker: All together twenty thousand?
«Jaa«, rief Andy immer wieder,»jaa!«Ich fragte, ob das nicht auch etwas für uns wäre!» Jaa, absolutely!«
Es ist alles so einfach! Wir haben siebeneinhalb für den VW-Bus ausgegeben, tausendfünfhundert für den Photoapparat. Auf die Habenseite kommen die Tausendfünfhundert186 von der Videotheksanzeige, die uns der Baron verschafft hat, plus ein paar andere D-Mark-Einnahmen, macht zusammen dreizehntausend und ein paar Hunderter. Wir brauchen noch sechstausend und ein bißchen D-Mark!
Ich habe bereits Steen geschrieben und wegen eines Termins mit der Druckerei in Gera telephoniert. So schnell werden wir also nicht untergehen!
Dein E.
PS: Michaela sagt gerade, eine Frau habe versucht, Lafontaine umzubringen, mit einem Messer oder Dolch. Michaela glaubt, das erhöhe seine Wahlchancen.
Sonnabend, 28. 4. 90
Liebe Nicoletta!
Mit meiner Versetzung in eine Kompanie aus lauter Neulingen avancierte ich als Jüngster zum Stubenältesten,187 dem das beste Bett (unten, am Fenster) und der neueste Spind zustanden, dem morgens und abends das Essen gebracht wurde und dessen Wort mehr galt als das eines Unteroffiziers.
Die Auftragsbriefe hatten sich so gut wie erledigt. Auch sonst hatte ich nicht viel zu tun. Gelegentlich fuhren wir mit den SPWs durchs Gelände, was eine willkommene Abwechslung war, ich mochte diese Fahrten — nur gestand ich mir das nicht ein. Selbst die Feldlager und kleinen Manöver hatten ihre Schrecken verloren, der Sommer 82 war außerordentlich warm.
Zum Schreiben verzog ich mich in Nikolais Malerwerkstatt188, in der wochenlang dieselben Transparente auf Waschböcken lagen. Morgens rührte Nikolai die Farbdosen um, tauchte immer mal einen Pinsel ein und verzog sich danach in sein Atelier-Kabinett, ein kleines, mit den Fenstern zum Exerzierplatz gelegenes Zimmer, das er mit unglaublichem Komfort ausgestattet hatte. Er verfügte sogar über einen Schallplattenspieler und ein abgewetztes Ledersofa. Von den wenigen, die bei ihm Zutritt hatten, dienten ihm die meisten als Modell.
Sie werden mir meine Naivität kaum abnehmen189, aber ich wunderte mich tatsächlich, daß alle, die ihm Modell saßen, sehr knabenhaft wirkten und einander oft zum Verwechseln ähnelten.
Angeregt von Baudelaires Prosagedichten, die mir Nikolai aus einem Inselband vorlas, schrieb ich täglich eine oder mehrere Skizzen. Diese Idylle unterbrach nur die Parade zum siebenten Oktober, deren Vorbereitung ein zermürbender, krank machender Stumpfsinn war. Aber das gehört nicht hierher.
Als wieder der Winter kam, ich war EK geworden, fürchtete ich, die Zeit könnte mir allmählich knapp werden.
Vieles, das zu erfahren ich als selbstverständlich vorausgesetzt oder mir vorgenommen hatte, drohte in der noch verbleibenden Zeit bis Ende April keinen Platz mehr zu finden. So war ich davon ausgegangen, früher oder später die Arrestzelle kennenzulernen. Ich hätte es auch einmal ganz ohne mein Zutun geschafft, als das Radio auf unserem Zimmer, für das ich als Stubenältester verantwortlich war, von einem Bataillonsoffizier kontrolliert und der rote Strich der Senderwahl nicht hinter einem der aufgeklebten Papierstreifen verschwunden war, mit denen man die Ostsender markieren mußte. Man hatte mir sogar drei Tage angedroht, aber damit war die Sache erledigt. Alle, selbst die Offiziere, hörten Neue Deutsche Welle, und RIAS, SFB oder AFN empfingen wir auf UKW in bester Qualität.
Ich arbeitete an einer Geschichte, die auf Wache spielte, und brauchte dringend mehr Beobachtungen. Als ich erfuhr, daß meine Kompanie drei Tage vor Weihnachten auf Doppelwache190 ziehen würde, setzte ich alles daran dabeizusein. Doch als einer von vier Fahrern im dritten Diensthalbjahr gab es kaum eine Chance, dafür eingeteilt zu werden. Mir half nur eine Samaritertat. In heuchlerischer Aufopferung schenkte ich einem lamentierenden Familienvater meinen Urlaubsschein und übernahm seinen Wachdienst. Um den Dank des zu Tränen Gerührten in Grenzen zu halten, verlangte ich von ihm etliche Flaschen Wodka, die er, Kopf und Kragen riskierend, in die Kaserne schmuggelte.
Selten lohnt bei bewußt herbeigeführten Arrangements der Aufwand,191 diesmal aber schienen sich meine Hoffnungen zu erfüllen. In der zweiten Nacht, der Nacht zum 24., es schneite, war ich gerade abgelöst worden, als die Streife einen sturzbetrunkenen und brüllenden Matrosen einlieferte. Sie hielten ihn an Armen und Beinen und schwenkten ihn hin und her wie einen Sack. Sie hatten viel zu tun, deshalb luden sie ihn in der Wachstube ab und gingen wieder auf Jagd.
Der Matrose wohnte in Oranienburg, war also vor der Haustür geschnappt worden. Allein kam er nicht mehr auf die Beine, seine Flüche und Verwünschungen erstickten bisweilen in einem Gurgeln. Schließlich schaffte er es auf die Knie, rutschte wieder zur Seite und erhob einen Arm. Wir sollten ihn laufenlassen. Selbst im Flehen schwang noch etwas von der Verachtung mit, die er als Matrose für unsere grauen Uniformen empfand. Er beteuerte, nicht zu einem Mädchen zu wollen, sondern zu seiner Mutter, er wolle nicht ficken, sondern einfach nur Weihnachten zu Hause sein, das müßten doch selbst» Mucker «kapieren. Er fingerte sich die Uhr vom Arm — die sollte uns gehören, wenn wir ihn freiließen.
Als ein Unteroffizier und ich versuchten, ihn auf die Beine zu stellen, machte er bereitwillig mit, weil er wohl glaubte, wir brächten ihn ans Tor, und pries weiter seine Glashütter Uhr an, die ihn noch nie enttäuscht habe.
Wir beeilten uns, ihn in Richtung Arrestzelle zu expedieren, stimmten ihm zu, wenn er seine Häscher Kettenhunde und rote Wichser nannte. Die Abdrücke seiner Halbschuhe im Schnee wirkten gegen die unserer Stiefel geradezu mädchenhaft. Er sah auf, als bemerke er erst jetzt, wohin wir ihn führten. Ich griff fester zu. Ob deshalb oder weil er den Gefreitenbalken auf meinen Schulterstücken gesehen hatte192 — seine Wut entlud sich gegen mich. Er trat nach mir, seine Fußspitze traf mein Schienbein. Ich schlug zurück, ein Reflex, seine Nase blutete. Er hatte sich losgerissen und ging auf mich los, er raste und trommelte mit blutigen Fäusten auf mich ein. Ich bekam ihn irgendwie zu fassen, umklammerte ihn von hinten, er strampelte und trat, so daß ich mir nicht anders zu helfen wußte, als ihn anzuheben und in den Schnee zu werfen. Aus der Wachstube kam Hilfe. Auf allen vieren drehte sich der Matrose um und suchte im Kreis seiner Peiniger nach mir.
Zu viert überwältigten wir ihn, drehten ihm die Arme auf den Rücken, rissen seinen Kopf an den Haaren zurück, weil er anfing zu spucken, und stießen ihn vorwärts. Er ließ sich fallen, weshalb wir ihn die Treppe zum Arrest hinunterschleifen mußten. So gelangte ich nun in eine jener Zellen, deren Insasse ich gern gewesen wäre. Am nächsten Abend, dem Weihnachtsabend, saß ich in Nikolais Atelier, trank Glühwein, aß Stollen und hörte das Weihnachtsoratorium. Nikolai schenkte mir Malapartes» Haut«, ein zerlesenes Westtaschenbuch.