Ich lebte bereits in dem euphorischen Zustand eines Zurückgekehrten, als wir Mitte April, knapp zwei Wochen vor dem 28., dem Tag meiner Entlassung, zu einer Übung fuhren. Wir setzten über die Elbe und verkrochen uns im Kiefernwald.
In der letzten Nacht, wir warteten auf den Befehl zur Rückkehr in die Kaserne, schliefen wir in den SPWs. Sobald das Innere ausgekühlt war, ließen die Fahrer den Motor kurz an. Das war verboten, aber die Offiziere wollten es nicht bemerken.
Ich aber war beim zweiten oder dritten Mal eingeschlafen. Mich weckte ein Schmerz in der Schulter. Udo, ein Unteroffizier, kniete förmlich auf mir, um an die Kurbel heranzukommen, mit der die Jalousien am Heck des SPW zu öffnen waren, die einzige Möglichkeit, um die Motoren zu kühlen. Den Zeiger des Thermostats sah ich nicht, er war schon jenseits der roten Zone. Jeden Augenblick drohten die Motoren festzufahren. Ein solcher Vorfall konnte als Akt der Sabotage mit Schwedt, mit Militärgefängnis, bestraft werden. Udos Kinn verharrte über meiner Schulter, wir starrten auf den Thermostat. Ich roch seinen Schlafatem und erwartete mein Urteil. Aus Blödheit nach Schwedt, das wäre nicht zu ertragen!
Als sich der Zeiger zu bewegen begann, spürte ich Udos Hand in meinem Nacken, er schien mit aller Kraft zuzudrücken. Dann öffnete er die Luke und kletterte hinaus. Ich wartete, bis ich die Motoren abstellen konnte, und folgte ihm. Ich dachte, er stünde irgendwo in der Nähe und rauchte. Aber ich fand ihn nicht. Es war noch dunkel und vollkommen still, als ich zu einem Spaziergang aufbrach. Von einem Augenblick auf den anderen gab es nichts mehr, was an Armee erinnerte. Keine Wachen, kein Stacheldraht, keine Scheinwerfer, nur der weiche Boden und die Stille. Die Fahrzeuge waren genauso unwirklich wie die Bäume, verzauberte Reptilien, die im Schlaf murmelten.
Je weiter ich ging, desto größer wurde meine Erregung. Ich weiß nicht, wie lange ich so lief. An einem Feld blieb ich stehen, ließ die Hosen herunter und hockte mich hin. Es war gewaltig, was ich da alles aus mir herausbeförderte. Mir schien, daß ich mich nicht nur von dem entleerte, was ich in den letzten Tagen in mich hineingestopft hatte, sondern daß ich all das los wurde, was ich je an Bedrückung, an Angst und Qual geschluckt hatte. Mit dem nackten Hintern überm Waldboden in der ersten Morgendämmerung war ich der glücklichste und freieste Mensch, den Sie sich vorstellen können. Mit der Morgenröte sah ich auch meine Sonne aufgehen. Ich hatte es hinter mir, ich kehrte zurück aus der Hölle, es war nur eine Frage der Zeit, wann ich mein Buch vollenden würde. Diese Minuten waren der Urmeter meines Glücks.
Noch am Abend begannen meine Versuche, dieses Erlebnis zu beschreiben. Und bei allem, was ich später änderte, verwarf oder umstellte, immer sollte das Buch mit diesem unerwarteten Glück und der Morgenröte enden.
Am Tag der Entlassung, als ich am späten Nachmittag mit meiner schwarzen Tasche von der Straßenbahnhaltestelle kam, lief ich meiner Mutter in die Arme. Sie setzte die Einkaufstaschen mit den leeren Flaschen ab, fiel mir um den Hals und ließ mich auch dann nicht los, als ich sie darum bat.
Sonntag, 29. 4. 1990
Ich war zurückgekehrt, aber ich hatte ein Problem mit nach Hause gebracht. Nikolai hatte mich eingeladen, mit ihm ein Wochenende in der Sächsischen Schweiz zu verbringen. Ich wußte nicht, wie ich diese zwei Tage mit ihm überstehen sollte.193
Als Nikolai mich abholte — in einem weißen halboffenen Hemd, ausgewaschenen Jeans und einer ins Haar geschobenen Sonnenbrille lehnte er am Geländer unseres Treppenhauses —, folgte ich ihm wie jemand, der ins Wasser geht, obwohl er weiß, daß er nicht schwimmen kann. Die Stunden mit ihm zu beschreiben ergäbe eine eigene Geschichte. Ich fühlte mich schuldig, Hoffnungen in ihm genährt zu haben. Er war es nicht gewohnt, werben zu müssen. Sobald er auf Widerstand stieß, wurde er herrisch. In der Nacht hätten wir uns fast geprügelt. Wir hatten unsere Schlafsäcke auf einem Felsvorsprung ausgebreitet. Ein paar Meter weiter ging es in die Tiefe. Nicht mal sein Gesicht habe ich in der Dunkelheit richtig gesehen. Nur am Klang seiner Stimme erahnte ich dessen Ausdruck. Mit seiner Arroganz, seinen Vorwürfen, seinem Hohn und Spott, ja selbst mit seiner Verachtung konnte ich umgehen. Entsetzlich jedoch war sein Selbsthaß. Ich hielt mir die Ohren zu, so unerträglich war das, was ich zu hören bekam. Auch trösten konnte ich ihn nicht. Die ganze Nacht habe ich ihn bewacht. Als er endlich schlief, begann es schon zu dämmern. Ich mußte nicht viel zusammenpacken. Ja, ich bin einfach davongelaufen. Nikolai habe ich nie wiedergesehen.
Achtzehn Monate lang hatte ich meine Rückkehr ersehnt. Wohin aber war ich zurückgekehrt? In eine Welt, die mich nicht interessierte, in der es nichts für mich gab, das aufzuschreiben sich lohnte. Bei der Armee war jede gut genutzte Minute ein unerwartetes Geschenk, jeder überstandene Tag ein Sieg gewesen!
Statt Zeugnis von der überstandenen Hölle zu geben, fühlte ich mich aus dem Paradies vertrieben. Meine Welt stand kopf. Und eins kam zum anderen.
Veras damaliger Freund war zum Kotzen. Daniel, das erfuhr ich erst später, schröpfte sie auch finanziell.194 Ich versuchte herauszubekommen, ob er schrieb oder malte oder was er überhaupt tat. Angeblich war er Pfleger, ging aber nie arbeiten und lebte (außer von Vera) von der Miete, die ihm Holländer oder Franzosen für seine Wohnung in Berlin zahlten. Daniel fand Dresden unerträglich provinziell. Er wollte keine Stunde länger bleiben, sobald Veras Berlin-Verbot aufgehoben wäre. Vera bewunderte Daniel, weil ihm Worte wie Rhizom und Anti-Ödipus vertraut waren und er West-Bücher besaß, die er nicht verlieh. Sprach er den Namen» Foucault «aus, schien er selbst stillzustehen und auf das Echo seines Fanfarenstoßes zu lauschen. Für Vera war Daniel das Maß aller Dinge.
Auch ich konnte mich ihm anfangs nicht entziehen. Sein Lächeln war wie ein Köder, den er beim ersten Treffen auswarf. Schon bei der zweiten Begegnung hatte man das Gefühl, ihn enttäuscht zu haben, denn hinter seiner Nickelbrille fand sich nur ein nach innen gerichteter — heute würde ich sagen: stumpfer — Blick. Alles, was ich sagte, was ich gut und richtig fand, verkehrte sich in seiner Rhetorik ins Gegenteil. Leistete man Widerstand, machte man sich zum Komplizen der Herrschenden, versuchte man zu helfen, galt das als eine besonders perfide Art, die Kontrolle über jemanden zu erlangen. Daniel schaffte es innerhalb einer halben Stunde, mich in Gegenwart Veras zum kompletten Idioten zu stempeln. Wie wollte ich heutige Prosa schreiben, ohne Foucault, Deleuze, Lacan, Derrida und all die anderen gelesen zu haben? Mit Habermas müsse ich mich nicht abgeben, Adorno und die ganze Frankfurter Schule könne ich vergessen.
Vera, die mich zur Tür brachte, wollte mich trösten. Daniel werfe mir ja nicht die Unkenntnis seiner Autoren vor, ich sollte nur nicht versuchen zu schreiben, ohne sie studiert zu haben.
Den Rest gab mir Vera, indem sie mir Arbeiten von einem ihrer Verehrer versprach, Texte über die Armee, die sie» nicht schlecht «fand. Gerade weil Vera ihn sonst nicht ernst nahm — sie machte sich über seine Eifersucht und seinen Hundeblick lustig, mit dem er sie überall verfolgte —, war ich alarmiert. Vor allem beunruhigte mich, daß jemand in meinem Territorium wilderte.195
Als ich meine eigenen, von Geronimo akkurat geordneten Aufzeichnungen zur Hand nahm, langweilten sie mich. Was ich da pfundweise in meinen Schreibtisch stopfte, war Plunder. So wie ich früher an der Ostsee Muscheln gesammelt und darauf bestanden hatte, sie ausnahmslos mit nach Hause zu nehmen — wo sie nach wenigen Wochen mit meinem Einverständnis im Müll gelandet waren —, so konnte ich nun die Bündel zusammenschnüren und zum Altstoffhändler bringen.
Natürlich ermöglichten es die Briefe — es waren ja keine richtigen Briefe, sondern Notizen und Aufzeichnungen —, mir beinah jeden einzelnen der 541 Kasernentage wieder vor Augen zu führen. Aber wozu? Wo waren die Geschichten, von denen ich gehofft hatte, sie aus diesen Seiten herausfischen zu können wie im Herbst die fetten Karpfen aus den Moritzburger Teichen? Mein ganzer Eifer kam mir so kindisch, so eitel und unnütz vor, daß mir gar nichts anderes übrigblieb, als Daniel und Vera recht zu geben. Es war ein Höllensturz.