Plötzlich war ich ein Jedermann. Ich fühlte mich preisgegeben, ausgeliefert. Ohne das Schreiben war mein Leben wertlos!
Geronimo, der in Naumburg Theologie studierte, übte mit Franziska fürs Abitur und spielte in einer Band. Wir hatten uns gemeinsam auf dem Dresdner Kirchentag mit CDU-Leuten herumgestritten und Konsistorialrat Stolpe einen Abwürger genannt. Aber sonst hatten wir uns nicht mehr viel zu sagen. Ich beneidete ihn um Franziska und darum, daß er nun in der großen Villa auf dem Weißen Hirsch, von der aus man über die ganze Stadt sah, zu Hause war und mit ihren Eltern auf der Terrasse saß und Tee trank.
Zu allem Überfluß war mir auf dem Wehrkreiskommando196 mitgeteilt worden, daß man mich als Unteroffizier der Reserve entlassen habe, eine Schmach, gegen die zu opponieren es zu spät war und die ich nur geheimhalten konnte.
Meine Rettung war Tante Camilla, die mir jeweils hundert D-Mark zu Weihnachten und 50 D-Mark zu Ostern geschenkt hatte, so daß ich plötzlich 300 D-Mark besaß, zu denen meine Mutter mir ihre eigenen Restbestände gab und obendrein die Zugfahrt nach Budapest und zwei Ladungen Bettwäsche spendierte. Ich blieb zehn Tage und lebte wie ein Prinz.
Wäre dies eine Biographie, hieße ein langes Kapitel» Katalin«. Katalin war die Nichte von Frau Nádori und studierte in Szeged Englisch und Deutsch. Sie lernte für ihre Prüfungen. Morgens hockten wir stundenlang in Frau Nádoris Küche und rauchten deren Zigaretten, bis Katalin ins Wohnzimmer gejagt wurde, wo sie die mittelhochdeutsche Grammatik von Heinz Mettke studieren mußte. Nachmittags um vier trafen wir uns irgendwo. Katalin war verlobt und hielt sich an diese Rolle. Nach einem Abend in der Oper besuchte sie mich allerdings in meinem Zimmer. Ich zog den Schlafsack von der Liege und legte ihn auf das alte Parkett, direkt vor die weiße Kommode, die Frau Nádori immer als» echt Rokoko «bezeichnet hatte. Katalin öffnete nun diese weiße Echt-Rokoko-Kommode und bereitete uns aus der darin gehorteten Bettwäsche ein Lager. Sie wolle einfach nur bei mir liegen, sagte sie, streifte ihr Nachthemd ab und wärmte meine Hände zwischen ihren Schenkeln. Irgendwann schliefen wir kurz ein, doch als wir aufwachten, war alles einfach und schön und unvergeßlich.
Diesen Tagen im Juni verdanke ich noch etwas anderes, ein Buch, das ich genausogut in unserem Wohnzimmer hätte finden können. Doch dort war es in einen so abschreckenden Schutzumschlag gehüllt, daß ich es nie in die Hand genommen hatte.197
In Budapest empfing ich das gleiche Buch aus den Händen jener Antiquarin, die mir schon mehrere kleine blaue Bände Nietzsche in Packpapier eingewickelt hatte.
Noch im Laden las ich die erste Geschichte — und wußte plötzlich, was ich wollte. Genau solche Geschichten, nur eben heute, jetzt und hier, eine neue Reiterarmee! Ich hatte meinen neuen Gott gefunden.»Isaak Babel«, hatte die Dame geflüstert, zur Decke geblickt und dabei ihre schmale gefleckte Hand in winzigen, höchst eleganten Spiralen nach oben bewegt. Selbst wenn Vera und David hundertmal recht hatten, mit Babel hatte ich recht.
Katalin merkte, daß mir etwas Außerordentliches widerfahren war. Und ich spürte, daß ihr gefiel, wie ich sprach, wie ich nicht umhinkonnte, ihr Passagen vorzulesen, und wie ich in all meiner Begeisterung scheinbar blind dafür war, daß sie mich küssen wollte, am hellichten Tag, da jeden Augenblick das weiße Haupt ihrer Tante in der Tür erscheinen konnte.
Ihr Enrico T.
Dienstag, 1. 5. 90
Liebe Nicoletta!
Ende August wurde ich von meinem Dasein als Vollzeitschriftsteller erlöst. Ich fuhr nach Jena zum Studium.
Beinah schäme ich mich dafür, so brav der Chronologie zu folgen. Doch das eine bleibt ohne das andere unverständlich. Ich verspreche Ihnen aber, nun etwas schneller voranzukommen.
Ohne meine Schreiberei, meine elende Berufung, wäre ich vielleicht ein guter Student geworden. So aber trieb mich fortwährend eine einzige Frage um: Wie weit bin ich davon entfernt, mein Armeebuch zu vollenden, um es im magischen Alter von 25 Jahren im Westen zu veröffentlichen?
Über das Studium als solches werde ich Ihnen nicht schreiben, auch wenn es meine Tage bestimmte und ich sogar Angst davor hatte, es wieder zu verlieren. Wir waren neun Studenten, fünf Archäologen und vier Philologen. Ich habe Ihnen ja erzählt, daß für klassische Philologie nur in Jena und nur alle zwei Jahre immatrikuliert wurde. Natürlich macht das hochmütig, obwohl weiß Gott kein Grund dazu bestand.
Erinnern Sie sich noch an die Friedensmärsche und Nachrüstungsbeschlüsse von 1983? In Jena gab es Demonstrationen — illegale und offizielle, oft gleichzeitig. Die nichtoffiziellen Schilder und Transparente wurden von Arbeitern getragen und von Stasileuten schnell zertrümmert. Ich sah, wie Demonstranten die Überreste ihrer Schilder hochhielten, bis sie entweder verhaftet wurden oder hinter einem Wald aus DDR-Fahnen, die von Schulkindern geschwenkt wurden, verschwanden.
Gemeinsam mit ein paar anderen Studenten hatte ich mich zu den Theologen gestellt, die nicht attackiert wurden, obwohl auch ihre» Sprüche «nicht erwünscht waren.
Wahrscheinlich hätte ich mich nur bücken und den Splitter eines Schildes hochhalten müssen, um exmatrikuliert zu werden.
Daß ich es nicht tat, lag nicht allein an den Verheißungen des Studiums. Ich hatte auch Angst. Nicht alle hatten ihre Inhaftierung überlebt.198 Jeden Sonnabendvormittag parkte ein vollbesetzter Mannschaftswagen mit Uniformierten neben dem» Platz der Kosmonauten«. Das Lauernde, das von ihm ausging, übertrug sich auf die Stimmung in der Stadt. Jeder, der in die Thomas-Mann-Buchhandlung ging oder einfach nur den Platz überquerte, konnte sich im nächsten Augenblick in einen Demonstranten oder einen Stasibüttel verwandeln.
Die» persönlichen Gespräche«, die ich aus der Schule kannte (selbst bei der Armee hatte es ähnliche Versuche gegeben), fanden an der Universität ihre Fortsetzung. Es wurde vorausgesetzt, daß man als» männlicher Student «seine Bereitschaft, Reserveoffizier zu werden, schriftlich erklärte. Nach meiner ersten Weigerung, deren Begründung nicht ganz einfach gewesen war, erhielt ich die Einladung zu einem Gespräch mit der grauen Eminenz des Hauses, Ordinarius für Archäologie Professor Samthoven (das» v «soll früher einmal ein» f «gewesen sein), eine durch und durch gepflegte, ja geradezu manierierte Erscheinung. Auf seinen dichten, makellos getrimmten Bart war er so stolz wie auf seine kleinen Füße und schmalen manikürten Hände. Während des Proseminars rauchte er Zigarillos (auch wir durften rauchen) und benutzte eine Reitgerte als Zeigestab. Er genoß den Ruf, ein Casanova zu sein. Jedenfalls bevorzugte er hemmungslos die hübscheren Studentinnen, vor allem wenn sie langes Haar hatten. Seit ich das Schema (Skema, sagte er) eines Sonetts an die Tafel skizziert hatte (er legte» höchsten Wert «auf Allgemeinbildung) und mir die Beschreibung frühgeometrischer Vasen für einen Anfänger leidlich gelungen war, überschätzte er mich maßlos.
Er bat mich, Platz zu nehmen, und führte sich geradezu väterlich auf, kochte Tee und schob mir einen Aschenbecher hin. Beide hatten wir die Beine übereinandergeschlagen, sahen auf unsere ungleich großen Schuhe herab, die leicht wippten und sich dabei fast mit den Spitzen berührten. Mit Daumen und Mittelfinger strich er sich über die Mundwinkel, preßte die Lippen aufeinander und begann zu sprechen. Ich solle mich nicht darüber wundern, daß er mich zum Gespräch gebeten habe. Doch bevor jene, die dafür ihr Geld bekämen, mit mir redeten — er meinte damit nicht die Stasi, sondern Kollegen, deren Stellung sich erst in zweiter Linie ihrem fachlichen Wissen verdankte —, wolle er sich selbst das Vergnügen gönnen, mit mir zu plaudern, einfach nur um sicherzugehen, daß ich auch alles bedacht hätte, bevor ich meine endgültige Entscheidung träfe. Er schenkte Tee ein.