Am 23. März 1985 nachmittags gegen drei Uhr traf ich Nadja auf dem Treppenabsatz unter Veras Wohnung wieder. Zuerst erkannte ich sie nicht, weil sie einen Hut aufhatte und heulte. Gekleidet war sie wie früher. Ihr neuer Dialekt verwirrte mich.
Vera hatte ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen, Nadja war hartnäckig geblieben und hatte versucht, mit Vera zu reden. Und dann war ich aufgetaucht. Wie vom Himmel gefallen hätte ich plötzlich vor ihr gestanden … Ich weiß nicht, wie oft wir uns das in den folgenden Monaten erzählt haben. Sie habe sofort gewußt: Das ist er! Den will ich!
Ich war mit Vera verabredet gewesen, aber Nadja einfach stehenzulassen brachte ich nicht über mich. Nadja fragte, ob ich sie auf ihrem alten Schulweg begleiten wolle, und erzählte, wie oft sie versucht habe, nach Dresden zu kommen. Wir gingen dann weiter zum Rosengarten und zur Elbe, liefen am Ufer entlang und überquerten das Blaue Wunder, ohne daß Nadjas Redefluß je gestockt oder sie den Arm aus meinem genommen hätte. Auf dem Rückweg über die Elbwiesen dämmerte es schon.
Mein Part beschränkte sich aufs Zuhören, während sie über Geld, Arbeit, Studium und ihre Wohnung in Salzburg sprach, wohin es sie vor einem Jahr verschlagen hatte. Österreich gefalle ihr besser als die Schweiz. Nadja schien mir nicht sonderlich zufrieden mit ihrem Leben zu sein, doch meine Frage, warum sie denn nicht ihre Arbeit oder ihr Studium wechsle, beantwortete sie mit einer abrupten Kopfbewegung und einem geradezu empörten» Wieso denn?«.
Vielleicht wäre unsere Begegnung damit beendet gewesen, aber der Sonnenuntergang und die Silhouette der Altstadt, auf die wir zuliefen, verliehen unserem Schweigen Bedeutung.
Im» Secundo genitur «auf der Brühlschen Terrasse kannte Nadja einen Kellner. So hatten wir einen ganzen Tisch für uns. Nadja fragte, ob ich denn immer noch schriebe. Ich erzählte ihr von meinem Armeebuch, verschwieg jedoch, in zwei Tagen nach Seeligenstädt ins Armeelager zu müssen. Jeder DDR-Student, wenn er nicht ausgemustert war, hatte diese fünf Wochen zu absolvieren.
Ich brachte Nadja zur Straßenbahnhaltestelle — sie wohnte bei einer Freundin in Dresden-Laubegast. Wir sagten einander Lebewohl, denn wir konnten uns auf unser Gespür für dramatische Steigerungen verlassen. Schließlich gab es nicht so viele Züge, die nachmittags nach München fuhren.
Nadja war eine Silhouette mit Hut unter dem Bogen des Bahnhofsdaches — von draußen blendete die Sonne. Als sie dann in ihrem dunkelbraunen Kostüm auf mich zugerannt kam, mir um den Hals fiel und flüsterte» Ich hab’s gewußt, ich hab’s ja gewußt«, war ich mir sicher, sie zu lieben. Wie sonst war es zu erklären, daß mir die Demütigung, die ich durch diesen Abschied erfuhr — die Demütigung, nicht zu Nadja in den Zug steigen zu dürfen —, die Tränen in die Augen trieb?
Meine Mutter empfing mich mit Vorwürfen. Ich hatte den Friseurtermin bei einer Nachbarin versäumt. Nun griff sie selbst zur Schere, rasierte meinen Nacken aus und stellte mir die gepackte Tasche vor die Füße.
Der Zug nach Jena war überfüllt. Mir war es recht. Ich wollte nicht lesen, ich brauchte keine Ruhe. Alles, was ich wollte, trug ich in mir. Endlich hatte ich Zeit, die Szenen mit Nadja zu entwickeln199 und Details zu entdecken.
Nadja hatte mich beim Flüstern an den Ohrläppchen gezogen. Ich spürte wieder ihren Atem, ich spürte ihre Fingerkuppen in meinem Nacken, auf meiner Wange. Ich spürte die Kraft ihrer Arme, ich spürte ihre Brüste, ihre Lippen.
Das letzte, was Nadja aus meinem Mund gehört hatte, war» Gute Reise!«. Mir wurde heiß, so schämte ich mich dafür. Und sie? Was hatte sie gesagt? Wir hielten uns an den Händen, ich lief neben dem anfahrenden Zug her. Je schneller ich rannte, um so übermütiger lachte sie, um so weiter lehnte sie sich heraus, bis sie zurückschrak, als wäre das Ende des Bahnsteigs ein unerwarteter Schicksalsschlag. Der Schrecken hatte sich in ihrem Gesicht gehalten, bis nur noch ihr wirbelndes Haar zu sehen gewesen war. Schließlich der Moment, da ich mich umdrehte und über den leeren Bahnsteig ging.
Ich weiß weder, ob wir von Jena aus auf LKWs oder per Zug nach Seeligenstädt verfrachtet wurden, noch, wer uns beaufsichtigte und in Kompanien einteilte. Allein das immer wieder neu explodierende Lachen, das jeder Neuankömmling auf dem bis zum Morgen währenden Besäufnis auslöste — als wären die kurzen Haare eine originelle Kostümierung —, dringt aus diesem Dunst. Ich trank aus jeder Flasche, die mir angeboten wurde.
Meine Erinnerung beginnt erst wieder mit einer Geste, die Bewegung der rechten Hand, die das Koppelschloß löst und das herabfallende Ende an der Öse auffängt, während die Linke das Käppi vom Kopf nimmt. Diese Geste hatte ich mit solcher Selbstverständlichkeit ausgeführt, daß ich erschrak, als würde mich jemand nachäffen.
Die Menge der kurzgeschorenen Uniformierten irritierte mich. Es reichte eine bestimmte Gangart oder Mundbewegung aus, und schon grüßte ich einen vermeintlichen Bekannten aus Oranienburg. Am zweiten Tag war ich davon überzeugt, Nikolai komme direkt auf mich zu. Als ich meinen Irrtum bemerkte, hatte ich bereits seinen Namen gerufen. Die vertrauten Gesichter hingegen erkannte ich nicht wieder. Anton, mein Kommilitone und Freund, stolperte unter seinem Stahlhelm derart blind und apathisch umher, daß wir einander erst nach Tagen fanden.
Sobald es ein paar freie Minuten gab, lag ich auf dem Bett, als könnte ich nur dort wirklich an Nadja denken.
Bereits nach Stunden war mir klar gewesen, daß ich mich geirrt hatte, daß es in Seeligenstädt nichts zu holen gab. Was sich um mich herum abspielte, paßte weder in mein Armeebuch, noch schien es geeignet, in Briefen mitgeteilt zu werden. Diese beflissene Unterwürfigkeit überdurchschnittlich intelligenter Menschen war abgrundtief beschämend.200 Und ich gehörte dazu.
Die Jenenser Sportstudenten und die Studenten aus Ilmenau, aus denen meine Gruppe bestand, feuerten sich gegenseitig auf der Sturmbahn an und wollten mir nach Dienstschluß beibringen, die Eskaladierwand im Sprung zu bezwingen. Sie spielten Stubendurchgang, korrigierten einander beim» Päckchenbau«(wie lege ich meine Unterwäsche zusammen), waren neidisch, wenn andere mehr Platzpatronen erhielten, und traten beim Marschieren dem Vordermann aus erzieherischen Gründen auf die Hacken. Da war kein Sand mehr im Getriebe, keine Trunkenheit oder Unordnung, keine Verspätung oder Maulerei. In Seeligenstädt mußte nichts mehr befohlen werden, da reichte ein Wink, und die Meute parierte.
Seeligenstädt paßte nicht zu den Erfahrungen, die ich während des Grundwehrdienstes gemacht hatte und hier machen wollte. Die Fronten waren verschwunden.
Ich schrumpfte, irgend etwas brach in mir zusammen. Im Politunterricht schwieg ich und war froh, daß wir bei den Märschen zum Übungsgelände den Stahlhelm am Koppel tragen durften — ein Privileg der Unteroffiziere.
Nadjas Briefe erreichten mich nach zweieinhalb Wochen über meine Mutter. Nadja hatte bei ihr angerufen.
Als am nächsten Morgen der Weckpfiff kam, viele schliefen in Sportsachen, um pünktlich auf dem Gang zu stehen, blieb ich liegen und trat zu, als mir jemand die Bettdecke wegriß.
Statt zum Frühsport schlich ich zum Regimentszahnarzt, klagte über Schmerzen unter einer Plombe — und wurde tatsächlich nach Ronneburg geschickt. Der Zahnarzt dort ließ mich erst gar nicht warten, drückte seinen Stempel auf die Überweisung und wünschte mir einen schönen Tag. Plötzlich hatte ich schulfrei und schritt so leicht dahin, als hätte man mir gerade einen Gips vom Fuß geschnitten. Ich durchforstete die Buchhandlung, legte mich vor einer alten Friedhofsmauer ins Gras und genoß die vollkommene Ruhe. Als es zwölf schlug, ging ich Mittag essen, trank Bier und sonnte mich dann wieder.