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Frau Zoubková bewohnte im ersten Stock zwei Zimmer neben der Küche und vermietete die drei oberen Gemächer, die durch Symbole an den Türen als Sonnen-, Stern- und Mondzimmer ausgewiesen waren.

Muß ich noch sagen, daß wir das Sonnenzimmer bekamen? Die hohen Fenster lagen nach Süden, wo wir hinter den weißen Baumkuppen die Stadt mehr ahnten als sahen. Das Plätschern des Springbrunnens und Vogelgezwitscher waren die einzigen Geräusche.

Von den Früchten, die wir spätabends unter den traurigen Blicken von Dora wuschen, wußte ich oft nicht mal die Namen. Noch erstaunlicher: Weintrauben Ende April! Wie Lebkuchen zu Ostern. Nadja gefielen solche Vergleiche. Sie ließ mich jede Frucht kosten, und ich mußte sagen, wie sie schmeckte und woran sie mich erinnerte. Dabei sah ich auf Nadjas nasse, vom kalten Wasser geröteten Hände, die schälten und schnitten und mir unentwegt etwas in den Mund schoben, so daß ich mit Kauen und Sprechen nicht nachkam, worüber sie lachte, und je mehr sie lachte, desto schneller bewegten sich ihre Finger, desto belebter war das Spiel der Sehnen auf ihrem Handrücken … Plötzlich hielt ich ihre Unterarme fest, nicht um Nadja Einhalt zu gebieten, sondern weil alles so unfaßbar schön war.

Ich leckte einen Tropfen von ihrem Handteller, fuhr ein zweites Mal, wie um sicherzugehen, daß ich auch alles erwischt hatte, mit der Zunge von ihrem Handgelenk hinauf die Lebenslinie entlang und glaubte, in dieser herben Süße eine Pampelmuse zu schmecken. Wie Wimpel leuchteten die Fruchtreste an Nadjas Nägeln, grün, rot, weiß. Fingerkuppe um Fingerkuppe schob sie mir in den Mund und berührte meine Zähne. Wie eine Blinde tastete sie über mein Gesicht, fuhr meine Nase auf und ab, zeichnete Augenbrauen und Lippen nach, während ich ihre Bluse öffnete und ihr Hemd nach oben schob.

Beim Knarren der Holztreppe erstarrten wir, lauschten — Wasser rann auf die Fliesen. Das Waschbecken lief über! Nadja drehte den Hahn zu, tauchte die Hände ins Wasser, holte die Schalen aus dem Abfluß, drehte sich langsam zu mir, hob die Arme und streckte sich, wie um ihre Brüste zu zeigen. Ich wollte sie gerade küssen, als mir etwas auf den Kopf tropfte. Nadja hielt noch die Fruchtschalen in Händen. Dora, der Höllenhund, schlabberte das Wasser vom Boden.

Halbnackt hantierten wir dann nebeneinander wie Fremde, wir mußten aufräumen, abspülen, zusammenpacken, vor der Toilette aufeinander warten und über die endlose Holztreppe nach oben steigen.

Ich sah Nadjas Silhouette vor dem Fenster. Sie hatte ihren Slip anbehalten. Es klang wie ein Geständnis, als sie mir ins Ohr flüsterte, daß sie ihre Tage habe und wir heute nicht könnten … Ich verstand nicht, warum das eine das andere ausschloß, war aber, wie ich gestehen muß, auch erleichtert.

Wie überflüssig meine Bedenken gewesen waren, spürte ich schnell. Nadja verstand sich darauf, mir das Gefühl zu geben, selbst der Erfinder all dieser unbekannten Liebkosungen zu sein.

Dann, es war schon gegen Morgen, gab es einen Moment, in dem ich fürchtete, alles Glück verdorben zu haben. Nachdem Nadjas Kopf wieder auf meine Schulter zurückgekehrt war, sagte ich unwillkürlich» danke«, so unglaublich fand ich, was sie getan hatte. Noch in dem Augenblick, da ich es aussprach, spürte ich ihre Reglosigkeit, ich wußte, wie falsch, wie dumm das gewesen war. Ihr Gesicht erschien über mir, sie stützte den Kopf auf die Hand, sah mich an, lächelte und fragte, die wievielte Frau sie denn für mich sei. Ich zögerte. Los, sagte sie. Ich hob meine Linke und spreizte Daumen und Zeigefinger ab.

Nadja sagte, ich solle ihr nichts vormachen. Dann amüsierte sie sich über mich, machte mir aber plötzlich Vorhaltungen, nicht auf sie gewartet zu haben. Als ich mich weigerte, ihr von Katalin zu erzählen, wurde sie sogar ungehalten.

Beim Frühstück legte sich Dora zwischen unsere Stühle. Frau Zoubková nickte uns vielsagend zu. Sollten wir Spuren in der Küche hinterlassen haben, so waren diese längst verwischt.

Traumwandlerisch fanden Nadja und ich die schönsten Flekken der Stadt, fuhren mit der Bahn hinauf zum Petřin, stiegen auf halber Höhe aus, gingen durch die Gischt der blühenden Kirschbäume und legten uns ins Gras.

Nahe der Moldau, nur wenige hundert Meter von der Karlsbrücke entfernt, betraten wir durch einen Torbogen unversehens einen verwunschenen Park, an dessen Ende wir über breite Stufen zu einer Terrasse aus braunem Sandstein emporstiegen, auf der eine Rotbuche stand. Ich wollte gerade die Blätter, die ich von weitem für verwelkt gehalten hatte, berühren, als es hinter uns rauschte. Wir fuhren herum und sahen zwei Pfauen, die gleichzeitig ihr Rad schlugen.

Als ich Nadja zum Zug brachte, von ihrem Gepäck war nur ein Köfferchen übriggeblieben, sprachen wir kaum miteinander. Schweigend durchquerten wir den Bahnhof. Auf dem Bahnsteig, ihr Zug mußte jeden Moment einfahren, sagte Nadja, daß ich ihr das nächste Mal von meinem Manuskript erzählen müsse, sie wolle alles darüber wissen, denn schließlich stünde es ja jetzt ihr zu, mein Werk in den Westen zu schmuggeln. Wenn mir noch etwas zu meinem Glück gefehlt hatte, dann war es dieser Satz gewesen.

Zurück in Jena, stellte sich bereits mit dem ersten Satz, den ich Nadja schrieb, ein Tonfall ein, in dem ich ohne Konzept, ja eigentlich ohne wirklich nachzudenken, loslegen konnte. Während ich die Blätter zusammenfaltete, formulierte ich schon den Beginn für Brief Nummer 2.

Täglich, nun auf der Maschine, schrieb ich an Nadja und war überrascht, daß mein Alltag keineswegs so unliterarisch war, wie ich gedacht hatte.

Nach ihrer ersten Antwort — die hellblauen Kuverts trudelten alle vier, fünf Tage ein —, in der sie meinen Brief als» wunderbare Prosa «bezeichnet hatte, legte ich Blaupapier zwischen die Blätter.

Ich hatte zu spät begonnen, für die bevorstehende Dreierprüfung zu lernen: Literatur, Kunst und Geschichte Roms, dazu die Sprachen, eine Prüfung zum deutschen Drama des 18. Jahrhunderts und Politische Ökonomie (oder war es dialektischer Materialismus?). Für» Vivat Polska!«blieb keine Zeit, wollte ich nicht mein Briefkontinuum zerstören — die Tage nachträglich zu referieren hätte den Ton verdorben. So bestand meine Arbeit am Roman allein darin, Nadja von meinen Fortschritten zu berichten. Regelmäßig meldete ich den Abschluß eines Kapitels.

Kommt Ihnen das nicht komisch vor? Bemerken Sie, daß ich mich, nach allem, was Sie von mir wissen, völlig untypisch verhielt? Warum warf ich gerade in jenen Tagen mein Manuskript in die Ecke? Ja, die Liebe, werden Sie vielleicht sagen, ja, die Liebe war schuld! Ja, ich liebte Nadja. Aber auch die Liebe muß einem ja irgendwie in den Kram passen.

Ich weiß nicht mehr, welcher Brief es gewesen ist. Doch die Überzeugung, an einem Briefroman zu schreiben, besaß ich schon nach wenigen Tagen. Und sie war übermächtig! Gelängen die Briefe an Nadja, so mein Kalkül, entstünde das Werk von allein.204

Ich fand mich in einer ähnlichen Situation wie in Oranienburg wieder. Alles, was ich sah und tat, wurde literarisches Material. Jeder Brief entwickelte sich, ohne daß ich es beabsichtigte, zu einer Art Erzählung. Ich war überrascht, wie sich selbst weit auseinanderliegende Ereignisse unversehens miteinander verflochten, als wären sie Teil eines kompositorischen Plans. Sobald ich den Deckel von der» Rheinmetall «abnahm, geriet ich ins Erzählen. Ich mußte kaum nachbessern, denn ich ergänzte das Erlebte mit größter Selbstverständlichkeit, geradezu automatisch. Wenn man weiß, wohin die Roulettekugel rollt, setzt man natürlich auf die richtige Zahl.

Ich liebte Nadja, ich liebte Jena, ich liebte mein Leben, und alle sahen, wie mich die Liebe veränderte. Nur Vera schwieg.

Nadja und ich trafen uns alle zwei oder drei Wochen in Prag, Brno oder Bratislava, manchmal nur für Stunden. Am Telephon hatten wir einen Geheimkode entwickelt, in dem wir uns selbst verfingen. Bei unserem dritten Treffen — mitten in den Prüfungen — wartete ich in Bratislava, weil Nadja für eine Woche ihre Mutter, die mittlerweile in Wien lebte, besuchte. Ihr Zug sollte kurz nach meinem eintreffen. Als eine Stunde Verspätung angezeigt wurde, nahm ich ein Taxi, fragte nach einem Hotel und bezahlte eine Nacht im Voraus mit zweihundert Mark, was meinem gesamten Monatsstipendium entsprach.205 Als ich zum Bahnhof zurückkehrte, betrug die Verspätung bereits zwei Stunden. Die Abkürzung für Wien Südbahnhof, die sich hartnäckig auf der Anzeige hielt, während alle anderen Städtenamen wechselten, wurde mir in jener Nacht zum Fluch. Seither weiß ich auch, daß nástupiště Bahnsteig heißt und příjerdy vlaků Ankunft der Züge. Ich entwickelte hilflose Rachegelüste und überlegte mir böse Kommentare zu dem Wandgemälde im Bahnhof, Kommentare, mit denen ich vor Nadja glänzen wollte — über den Köpfen aller friedliebenden Menschen der Erde spießte der Sputnik gerade die Friedenstaube auf. Nach zwei Stunden empfand ich nur noch blanken Haß und wünschte nichts weiter, als daß die drei finsteren Typen, die sich links aus dem Bild stahlen, umkehrten, um mit ihren Maschinenpistolen all diese zukunftsfrohen sozialistischen Visagen, vom blonden Stahlarbeiter bis zur schwarzen Mutter, über den Haufen zu ballern. Nach fünf Stunden flehte ich zu diesem gräßlichen Olymp, er möge endlich Erbarmen mit uns haben. Fünf geraubte Stunden bedeuteten ein Viertel unserer Zeit, einen verlorenen Abend, eine halbe Nacht.