Endlich, nach Mitternacht, traf der Wiener Zug ein, aber ohne Nadja. Im Hotel standen mir noch die Tränen in den Augen, als ich um Rückgabe des Geldes bettelte. Man hatte Erbarmen mit mir. Ich nahm meine Tasche und stieg in den nächsten Zug, der nach Brno fuhr. Zwischen zwei und drei Uhr morgens suchte ich den dortigen Bahnhof nach Nadja ab und sprang, alarmiert von der Vorstellung, sie könnte an der Grenze festgehalten worden sein und mit dem nächsten Zug kommen, in einen schon anfahrenden Zug zurück nach Bratislava. Ich hatte Glück, daß ich nicht kontrolliert wurde. Wieder in Bratislava, rief ich ihre Mutter an, die, obwohl ich sie aus dem Schlaf riß, mit tiefer Stimme» Ach, mein Junge «sagte und mir dann die Nummer des Hotels» Jakub «in Brno diktierte.
Im Hotel» Jakub «war unsere Geschichte bereits bekannt. Eine Kellnerin schritt uns voran in den Frühstücksraum und bewirkte mit einer Geste, als wäre ihr ein Zauberstück gelungen, mächtigen Applaus für das glückliche Ende unserer Irrfahrt.206 War das nicht der Stoff, aus dem Romane gemacht werden? Mit Nadjas wenigen Schillingen spielten wir westliches Paar. Jede Kellnerin, jeder Museumswärter wurde in ein Gespräch verwickelt und ins Vertrauen gezogen, in jeder Passantin, in jedem Tischnachbarn fanden wir unser Publikum.
Einmal, es war in Prag, hat mich Nadja sehr verunsichert.
Ich wäre wohl auf die Kippah getreten, hätte sich nicht Nadja zuvor danach gebückt. Mit einer Spange — solche Utensilien barg ihre Handtasche — befestigte sie die Kippah in meinem Haar. Ich glaubte, Nadja sei neugierig, wie ich damit aussähe. Da es nur wenige Schritte bis zur Synagoge waren, die wir besichtigen wollten, behielt ich das Käppchen auf.
Wieder auf der Straße, vergaß ich, es abzunehmen. Nach wenigen Schritten, Nadja hatte sich bei mir eingehakt, sprach uns ein Mann an. Er fragte nach der Synagoge und starrte auf meine Kippah. Beinah hätte ich sie abgesetzt wie einen Hut.
Wieso er uns auf deutsch anspreche, fragte Nadja. Ihre Aussprache ähnelte der von Frau Zoubková, nur klang Nadja schneidend. Wieso er glaube, daß wir Deutsch verstünden, daß wir es gar sprechen wollten.
Er nickte. Mit irrlichterndem Blick und bebenden Lippen suchte er nach einer Entschuldigung. Nadja, noch immer an meinem Arm, trat einen halben Schritt vor und wies mit der flachen Hand in Richtung Synagoge:»Geraadeaus!«schnarrte sie. Er nickte erneut, lächelte auf einmal wie befreit und rief» Schalom!«.
Nadja zog mich fort. Ich wartete auf eine Reaktion von ihr, vielleicht sogar auf ein Lachen. Je länger sie schwieg, desto unruhiger wurde ich. Als ich sie ansah, blieben wir stehen. Nadja war eine Fremde, traurig und stolz, ja beinah hochmütig.
Sie wollte nicht, daß ich die Kippah abnahm. Sie stehe mir gut. Am nächsten Tag, wir sprachen von ihrer Mutter, sagte Nadja, in ihrer Familie habe es auch Juden gegeben. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Die Kippah liegt noch hier bei den Mützen und Schals.
Um die Prüfungen hatte ich mir kaum Gedanken gemacht. Ich glaubte an mein Glück und bestand jedesmal knapp. Die gutwilligen Prüfer honorierten meine Semesterarbeiten.
Die längste Zeit, die Nadja und ich je gemeinsam verbrachten, waren acht oder neun Tage im August.
Wir hatten uns im Isargebirge bei einer Slowakin eingemietet. Im Treppenhaus hing ein Photo von J. F. Kennedy im Silberrahmen.
Nadja schien gewillt, Klarheit zu schaffen. Schon auf der ersten Wanderung zum Fernsehturm von Liberec fragte sie, wie es mit uns weitergehen solle. Ich sagte, daß ich mein Buch (an dem ich seit Monaten nicht mehr gearbeitet hatte) zu Ende schreiben wolle. Dann, wenn das wirklich ihr Wunsch sei, könne ich den Ausreiseantrag stellen. Das Wort Ausreiseantrag nahm kein Ende. Es zerfiel mir im Mund wie muffiges Konfekt. Nadja fragte, ob das denn wirklich mein Wunsch sei. Ja, sagte ich. Sie sagte, daß sie mich heiraten würde. Ich sagte, das wäre das einfachste.
Wir liefen durch den abgestorbenen Wald207 und merkten zu spät, daß wir auf einen verblichenen Wegweiser hereingefallen waren, der die verbliebene Distanz statt mit neunzehn nur mit neun Kilometern angegeben hatte.
Im Restaurant des Fernsehturms mußte ich zweimal ansetzen, um pivo208 zu bestellen, so ausgetrocknet war meine Kehle.
Eine Kleinbahn sollte uns, nach dem Plan unserer Wirtin, ins Dorf zurückbringen, aber in Liberec wußte niemand etwas von einer Kleinbahn. Es blieb uns nur der Fußmarsch über den Kamm, die Dämmerung im Rücken. Nie werde ich diese Minuten auf der kahlen Höhe vergessen, das Licht der Abendsonne, die den Weg wie im Theater ausleuchtete, während die Dunkelheit die Berghänge heraufkroch; die Luft war klar, der Horizont ringsherum unendlich weit. Das einzige Geräusch waren unsere Schritte. Als mich Nadja plötzlich umarmte, spürte ich ihren hastigen Herzschlag. Wir hielten uns umschlungen und sahen über die Bergkuppen, als könnten wir in dieses Bild auswandern.
Es folgten drei Tage Regen, und als es auch am vierten Tag dunkel blieb, machten wir uns auf den Weg nach Dresden. Wortlos schloß Frau Krátká hinter uns die Haustür.
Damit Sie Nadja und mich verstehen, muß ich Ihnen noch etwas offenbaren, das mich zunehmend verstörte. Nach außen ein ideales Paar, waren wir doch nie eins geworden.
Anfangs hatte es immer einen Grund gegeben: Nadjas Angst, schwanger zu werden, die Pille wollte sie nicht nehmen. Dann wieder hatte ich keine Kondome dabei, oder wir waren von unseren Eskapaden zu erschöpft. Ich will Sie nicht mit weiteren, mir unangenehmen Details behelligen. Sobald wir die Tür hinter uns schlossen, befiel uns neuerdings eine unerklärliche Scheu.
Über Vera schwiegen wir lange. Seit ich mit Nadja vor Veras Tür umgekehrt war, hatte ich meine Schwester nicht mehr gesehen. Deshalb konnte ich Nadjas Nachfragen mit einem Schulterzucken abtun. Aber Nadja ließ nicht locker. Ich wurde eifersüchtig auf Vera. Zudem deutete Nadja an, daß sie in Dinge eingeweiht war, die Vera und ich geheimzuhalten geschworen hatten.209
Von der gemeinsamen Zukunft mit Nadja entwickelte ich klare Vorstellungen. In Salzburg wollte ich mich als Taxifahrer durchschlagen und in der verbleibenden Zeit schreiben. Sobald aber mein Buch erschienen wäre, brauchte Nadja nicht mehr zu arbeiten und könnte sich ganz auf ihr Studium konzentrieren. Und an den Wochenenden würden wir immer etwas unternehmen, wandern, flanieren oder reisen, nach München, Wien oder Italien.