Ich steigerte mich in dieses neue Kapitel hinein und wußte, daß meine Augen am Ende jedes Monologes glänzten. Nadja schwieg um so beharrlicher, je mehr Vorschläge ich vor ihr aufhäufte.
Ich fürchte, sie war ebenso erleichtert wie ich, als wir endlich zum Bahnhof aufbrechen konnten. Doch schon in der Straßenbahn überfiel mich eine große Wehmut und eine ungeheuerliche Angst, Nadja zu verlieren. Ich sagte ihr, daß ich alles dafür gäbe, um die vergangenen Tage wiederholen zu dürfen, selbst wenn sie um nichts von dem Erlebten abweichen würden. Sie umarmte mich, und wir hielten einander fest wie auf dem Bergkamm.
Bisher war es mir nie schwergefallen, nach unseren Treffen zu den Briefen zurückzukehren, ganz im Gegenteil. Diesmal verzweifelte ich daran, riß Blatt um Blatt wieder aus der Maschine und legte mich schließlich ins Bett, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte. Als ich erwachte, war ich überzeugt, Nadja in dieser Nacht verloren zu haben.
Von da an versuchte ich nur noch, mich als Briefschreiber so lange wie irgend möglich zu behaupten. Eher fürchtete ich eine Antwort, als daß ich sie erwartet hätte. Auf Anrufe verzichtete ich fast gänzlich, nachdem Nadja auf die Frage, ob sie denn meine Briefe erhalten und was sie in letzter Zeit so gemacht habe, erwidert hatte: Geschuftet, immer nur geschuftet.
«Was soll ich denn tun?«antwortete ich. Ich sei ja zu allem bereit!
Um uns zu sehen, fehlte das Geld. Mein Sparbuch war leer, die D-Mark-Zuwendungen von Tante Camilla hatte ich aufgebraucht, Vera um Hilfe zu bitten kam nicht in Frage. Für Briefe mangelte es Nadja an Zeit. Ich akzeptierte das, und in der Folge auch alles andere. Mit Semesterbeginn gab es wieder Stoff für Briefe in Hülle und Fülle.
Bei meinem letzten Anruf in Salzburg klang Nadja plötzlich wie früher, als es schon eine unfaßbare Zärtlichkeit gewesen war, wenn sie meinen Namen geflüstert hatte.»Ich liebe dich«, schrie ich ins Telephon.»Ich dich auch«, rief sie und lachte. Noch einmal beschwor ich unsere Liebe und hörte, wie mir Nadja Küsse durchs Telephon schickte. Dann war Schluß, weil ich zuwenig Kleingeld parat hatte.
Mit dieser Pointe sollte mein Briefroman enden, falls ich nicht dereinst noch einen besseren Schluß finden würde.
In Liebe
Ihr Enrico T.
Montag, 7. 5. 90
Lieber Jo!
Ich will es nur gesagt haben: Wenn Du die Irrungen und Wirrungen der Provinz studieren willst, also eine Arbeit brauchst und ein Einkommen, sollten wir darüber reden.210 Als Schreiber bekommst Du hier zweitausend netto, das heißt ab Juli zweitausend D-Mark, und eine ordentliche Behausung werden wir für Dich (oder Euch?) auch finden. Neue Leute brauchen wir so oder so. Die Frage ist nur, wann die Entscheidung fällt. In Gera könnten wir schon morgen drucken. Das wäre um ein Drittel billiger, bei besserem Papier und gestochen scharfen Photos. Der Umfang ließe sich in Vierersprüngen211 variieren — wir hätten kein Limit für die Werbung, noch müßten wir fertige Seiten einreißen oder Artikel verschieben, paradiesische Zustände! Wenn wir nur den Computer beherrschten! Andy hat achtzehntausend für alles verlangt, inklusive der Programme. Wir werden sein Renommierobjekt und schenken ihm ein paar Anzeigen! Das Geld für die Klebemaschine und die Leuchttische bekommt er im Juli. (Auch wenn ich glaube, daß wir ganz gut über den 1. Juli kommen werden, stelle ich mir jetzt doch manchmal vor, wir hätten die Zwanzigtausend damals in Ost-Geld umgetauscht, dann könnten daraus nun bald sechzig- oder siebzigtausend D-Mark werden, vielleicht noch mehr.212)
Die LVZ ist ein trauriger Verein. Keiner von denen hielt es für nötig, am Sonntag in den» Auerhahn «zu kommen, in dem alle» Spitzenleute «zusammensaßen, bis auf die PDS natürlich, und auf die Auszählung warteten.213 Uns empfingen sie wie Könige, weil sie wissen, daß wir wissen, daß sie allesamt nicht gerade die Speerspitze der Revolution gewesen sind. Für Jörg ist das ein Dauerthema. Er hat Karmeka, den neuen Bürgermeister, Ende Dezember, da ihn noch niemand kannte, als Leiter des Runden Tisches vorgeschlagen, womit Karmekas Aufstieg begann. Jörg verspricht sich von den Kontakten zu seinem» Zögling«, wie er ihn etwas zu oft nennt, wohl zuviel, nachteilig aber ist diese Verbindung sicherlich nicht. Der neue Landrat (klingt das nicht irgendwie nach Junker und Kaiser?) steht noch nicht fest, aber er wird ebenfalls von der CDU sein. Wenn wir Glück haben, trifft es einen Kumpel von Fred. Selbst heute, nach drei Tagen, noch immer keine Zeile in der LVZ! Wir haben Karmeka groß auf der ersten Seite, mit Interview und Photo. Und auch die anderen Ergebnisse werden die Altenburger zuerst von uns erfahren. Kein Wunder, wenn Leute wie der Chef vom Dienst glauben, hier leichtes Spiel zu haben.
Am Sonntag sprach ich lange mit Marion und Jörg. Ich erzählte ihnen von Barristas Stadtplänen, den Werbegeschenken und der» Akquisiteursbrigade«. Den Computer hat er uns ja im wahrsten Sinne des Wortes ins Haus tragen müssen!
Nach zwei Stunden hatte ich Marion wenigstens so weit, daß sie einem Beratervertrag für Barrista zustimmte. Ich hatte tausend pro Monat vorgeschlagen, was immer noch lächerlich wenig gewesen wäre. Die nun bewilligten fünfhundert sind nicht mehr als eine an Peinlichkeit grenzende Geste.
Als wir ihm unsere Offerte antrugen, dankte er, zeigte sich jedoch eher überrascht als erfreut. Was wir denn von ihm erwarteten? Jörg wollte mit ihm seine eigenen Ideen prüfen, Marion sprach von Arbeitsorganisation, und ich sagte, er solle mit uns gemeinsam die Akquisiteure auswählen und schulen und einen Blick auf unsere Buchhaltung werfen, denn davon verstehe hier niemand etwas.
Der Baron hörte uns eine Weile an, erhob sich dann recht plötzlich und trat hinter seinen Stuhl, als wäre der ein Katheder.»Darf ich behaupten«, sagte er matt mit schweren Lidern,»daß Sie sich offensichtlich die grundlegende Frage, die am Beginn jeder wirtschaftlichen Tätigkeit geklärt sein sollte, noch nicht beantwortet, ja nicht einmal gestellt haben?«Barrista straffte sich und holte tief Luft.»Wollen Sie reich werden oder nicht?«Er sah von einem zum anderen und fügte hinzu:»Ich bewundere jeden, der sich dagegen entscheidet. Das verdient höchsten Respekt. Ich muß nur wissen, auf welchem Terrain wir einander begegnen wollen. «Unerwartet barsch unterbrach er mich, als ich auflachte.
«Das ist ernster, als Sie denken! Nehmen Sie sich Zeit! Wählen Sie nicht voreilig! Es impliziert sehr viel mehr, als Sie vielleicht erwarten!«Wenn sich Barrista aufregt, hört man seinen Akzent. Er setzte sich wieder und versprach, egal zu welchem Ergebnis wir kämen, dürften wir auf seinen Rat zählen, er müsse nur wissen, wohin wir unser Schiff steuern wollten. Dann richteten sich seine Gläser auf mich, an seinem linken Mundwinkel sah ich die Andeutung eines Lächelns.»Und Sie widersprechen mir nicht?«fragte er.»Warum widerlegen Sie mich nicht an meinem Beispiel? Mit den Ausnahmen ist das so eine Sache …«Er spielte wohl auf unsere erste Begegnung an, da hatte er ja über Ausnahmen doziert.»Man kann und sollte sie machen, man muß nur wissen, daß es Ausnahmen sind. Ich leiste mir bereits zwei — Seine Hoheit und Sie! Ihnen jedoch rate ich, vorläufig keine Ausnahmen zu machen, Ausnahmen sind bestenfalls etwas für Fortgeschrittene, und auch da wäre ich sehr, sehr vorsichtig.«
Marion und Jörg verstanden ihn gar nicht. Für sie ist der Baron ein spleeniger Geschäftsmann, der sich über sein verlorenes Familienidyll hinwegzutrösten versucht. Ich hingegen entdecke in ihm einen Logiker und Philosophen. Wir wiederum sind für ihn ein Glücksfall, eine Art Tabula rasa, was seine Selbstverständlichkeiten betrifft.
Jede und jeder muß ihm nun erzählen, wie seine Arbeit funktioniert, der Vertrieb, die Anzeigenannahme, die Rechnungen, die Organisation der Zeitungsproduktion usw. Manchmal verstehen wir nicht mal seine Fragen. Was bedeutet ursprünglicher Druckpreis? Wieviel wir rausgehandelt hätten, wie hoch der Skonto sei, wieviel Prozent Nachlaß bei Abbuchung usw. Wenn er dann ratlos und traurig zwischen uns hin und her blickt, wissen wir, daß wir schon wieder Geld verschenkt haben.