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Es ist leicht, in ihm eine lächerliche Figur zu sehen, wie es Michaela und ihre Theaterdümmlinge offenbar mit Vorliebe tun.

Je länger ich darüber nachdenke, desto schwerer fallen mir die Antworten auf seine Fragen, Fragen, die zu stellen mir nie eingefallen wäre und die ich vorschnell als kindisch abgetan hätte. Am meisten begeistert mich jedoch die Gewißheit, daß er mit derselben Aufmerksamkeit, demselben Kraftaufwand und derselben Hingabe auch dann zu uns stünde, wenn wir mit Nein antworteten. In jedem Fall würde er seine sokratischen Fragen stellen und Diagramme verfertigen, nur eben mit anderen Koordinaten.

Natürlich sehen wir, daß der Verkauf sinkt und sich die Werbeeinnahmen erhöhen, und es ist kein Geheimnis, daß wir entweder mehr Platz brauchen oder mit den Preisen anziehen müssen oder uns — bei Strafe des Untergangs — überhaupt etwas Neues auszudenken haben. All das erhält jedoch eine ganz andere Überzeugungskraft, wenn man zwei Kurven sieht, Verkaufserlös und Werbeeinnahmen, die sich von Woche zu Woche näher kommen, ja regelrecht aufeinander zustreben, so daß man meint voraussagen zu können, wo und wann sie einander kreuzen werden. Die Addition der beiden Kurven wiederum läßt sich ins Verhältnis zu den Druck- und Lohnkosten setzen. Und schon sprechen wir ganz anders darüber, wie unser Überleben gesichert werden kann. Wir müssen in den folgenden Wochen unseren Gewinn erhöhen, weil wir ein Polster brauchen, um die Wochen nach dem ersten Juli zu überstehen. Was davor funktioniert hat, kann danach leerlaufen. Und spätestens seit dem Diagramm des Barons wissen wir, daß die Verhandlung im Druckhaus über unsere Existenz entscheiden wird. Das Schlimmste aber ist, daß man sich im nachhinein fragt, wie man das je hatte anders sehen können!

Ach, Jo, verzeih! All das wird Dich furchtbar langweilen! Und meine Erkenntnisse sprühen nicht gerade vor Originalität. Könntest Du Barrista nur erleben! In seiner Gegenwart werden noch die ernstesten Dinge leicht und spielerisch, ja, spielerisch im wortwörtlichen Sinne.

Wir hatten ihn am Montag wieder zu Hause (nachdem er mehrmals bei Jörg und Marion eingeladen gewesen war und mit ihnen sogar einen Wochenendausflug an die Saale gemacht hat, was mich, ehrlich gesagt, ein bißchen gekränkt hat). Er leidet unter seiner» Hotelzimmergruft «und dem ständigen Restaurantessen. Ginge es nach Robert und mir, säßen wir sowieso viel öfter mit ihm zusammen.

Seine Blumen verwandeln unser Wohnzimmer jedesmal in ein Tropenhaus. Der vertrocknete Dschungelstrauß erregte noch Aufsehen, als Michaela ihn in den Müll warf.

Dagegen nahm Michaela den Bericht des Barons über den Fortgang seiner Immobiliengeschäfte sachlich, um nicht zu sagen reglos zur Kenntnis. Sie blieb merkwürdig gleichgültig gegenüber der Tatsache, erheblich mehr als das garantierte Fixum zu erhalten, und fand kein Wort der Anerkennung für die Leistung des Barons.

Robert quengelte, weil er mit uns Monopoly spielen wollte, das er bezeichnenderweise von seinem Herrn Vater geschenkt bekommen hat (ja, so jemanden gibt es jetzt wieder!). Der Baron beteuerte, sehr gern spielen zu wollen, aber doch bitte nicht Monopoly, das sei das fadeste Spiel, das es überhaupt gebe, und führe nur in die Irre. Wäre ein einziger Tag seines Geschäftslebens so stupide und langweilig wie Monopoly, er würde sich auf der Stelle etwas anderes suchen. Roberts vorgeschobene Unterlippe hätte auch ein steinernes Herz gerührt. Etwas anderes, so der Baron, spiele er jedoch herzlich gern. Ihm kam Roberts Wunsch offensichtlich gelegen. Er hatte zuvor ein paar Andeutungen gemacht, die seine, wie er es nennt, kultischen Nachforschungen betrafen. (Im Mai 45 ist die einzige Altenburger Reliquie, ein Handreliquiar des heiligen Bonifatius, verschwunden, wahrscheinlich im Gepäck amerikanischer Soldaten, als sie Altenburg räumten.) Barrista hält seine Aktivitäten für noch nicht reif, mitgeteilt zu werden. Dabei vertut er die Hälfte seiner Zeit in dieser Angelegenheit.214

Geradezu euphorisch reagierte er, als ihm Robert den Karton mit dem Roulettespiel entgegenhielt.»Wo gibt’s denn so was?«Ob da auch drin sei, was draufstehe? Der Inhalt amüsierte ihn.»Mein guter Filz«, kicherte er, entrollte die Plasteunterlage mit den Kästchen und Feldern und strich mehrmals darüber.»Mein guter Samt!«Die Jetons versetzten ihn in Entzücken, der kleine Kessel mit dem Zahlenrad machte ihn regelrecht närrisch.»Für Liliputaner!«

In Null Komma nichts hatte er die Summe der Jetons errechnet und herausgefunden, wie viele von jeder Sorte vorhanden waren. Michaela räumte ab, kam jedoch nicht dazu, das Tischtuch zu wechseln. Der Baron hatte bereits alles arrangiert, die Jetons verteilt und drängte Michaela, sich endlich zu uns zu setzen, wobei er zwischen Französisch und Deutsch hin und her wechselte.»Spielen Sie, setzen Sie, Sie sind dran!«rief er und plazierte als erster einen Zehner auf der rechten Reihe und für das obere Drittel, kein sehr mutiger Beginn, wie ich fand. Ich wagte dreimal das Doppelte: auf Rot, Ungerade und der Null. Michaela säte die Hälfte ihrer Jetons quer über die Zahlenfelder, Robert schob einen Hunderter auf Schwarz. Erst als der Baron mit ausgestrecktem Arm und flacher Hand dicht über dem Feld ein Oval beschrieb und beschwörend» Rien ne va plus «flüsterte, merkten wir, daß die Kugel bereits kreiselte. Einen Augenblick später sprang sie hin und her, der Baron verkündete das Ergebnis auf französisch und ergänzte, was jeder sah:»Fünfzehn, Schwarz. «Mit dem Schieber harkte er über die wellige Plasteunterlage, Michaela und der Baron hatten alles verloren. Robert bekam einen Hunderter dazu, ich zwanzig, verlor aber vierzig. Barrista lächelte und verdoppelte nun seinen Einsatz. Mich befiel bereits in der zweiten Runde Langeweile, die ich auch in der Großzügigkeit, mit der Michaela den Rest ihrer Jetons verstreute, zu erkennen glaubte. Robert wagte wieder hundert, diesmal auf Rot, ich spielte wie zuvor, schob nur statt auf Null einen Zwanziger neben Roberts Hunderter. Barristas beschwörende Armbewegung wiederholte sich, die Kugel klackerte — Elf, Rot. Ein Finger des Barons senkte sich auf die Elf, was Michaela wieder die Höhe ihres Startkapitals einbrachte.

Bald aber hatte Michaela als erste alles verspielt, was offenbar ihre Absicht gewesen war. Robert folgte mit unglaublichem Glück dem Lauf der Kugel. Der Baron verdoppelte nach jedem Verlust den Betrag, wagte vierzig, achtzig, hundertsechzig — und gewann schließlich. Seine Beharrlichkeit hatte sich ausgezahlt.

Doch aus freudigem Enthusiasmus war verkniffener Ernst geworden. Er unterhielt sich nicht mehr, antwortete auf keine Frage, starrte nur auf das Spielfeld und warf hastig die Kugel. Er arbeitete wie eine Maschine. Robert hingegen war der eigentliche Spieler und Held. Er verlor ebensoviel, wie er gewann, sein Guthaben aus den ersten Runden jedoch blieb ihm erhalten. Ich erhöhte meine Einsätze, weil mir das ewige Hin und Her zu öde wurde — und war als nächster bankrott. Der Baron verdoppelte weiterhin so lange, bis er gewann. So unaufmerksam, ja geradezu unhöflich hatte ich ihn nie zuvor erlebt. Ihm fiel nicht mal auf, daß nur noch wir Männer dasaßen und Michaela in der Küche abwusch.

Erst als er sagte:»Jetzt steige ich aus«, sich zurücklehnte und uns seine Jetons präsentierte, tauchte er unter dem Eis hervor.»Haben Sie gesehen?«fragte er, nun endgültig wieder lebendig geworden, und fügte mit kindlichem Stolz hinzu.»Am Ende habe immer ich gewonnen.«

«Pech in der Liebe, Glück im Spiel«, sagte ich. Der Baron sah mich so durchdringend an, daß ich mich schon für meine Taktlosigkeit entschuldigen wollte.

«Nein«, sagte er und lächelte.»Wahrscheinlichkeit! Maximale Wahrscheinlichkeit! Zufall ist nur eine Frage des Rahmens, des abgesteckten Umfeldes, natürlich auch eine der Zeit. Je mehr Geld Sie aber haben, um so weniger kann Ihnen der Zufall da hineinpfuschen. Wie im richtigen Leben!«