Er kenne alle Spielhöllen zwischen Wiesbaden und Las Vegas. Es gehe nur vordergründig um Gewinn und Verlust oder um die Frage, ob man ein rettungsloser Spieler oder ein braver Mann sei. Es gehe um mehr, um viel mehr, vielleicht sogar um alles. Er habe erfahren, was es bedeute, sich mit Haut und Haar dem Schicksal zu ergeben, sich auszuliefern und zu warten, ob es einen berührt. Statt eines Apfels hätte Eva ihrem Mann lieber eine Handvoll Jetons anbieten sollen.
Ich bekannte, das Spiel nicht gerade als schicksalhaft empfunden zu haben.
Ich solle mich nicht lächerlich machen, das hier sei weniger als Kinderkram, das sei nichts, gar nichts, was ich denn erwartete. Mich befremdete, ja erschreckte die Heftigkeit, mit der er seine Hand unter die Plasteunterlage geschoben und diese von sich geworfen hatte. Sie schlappte zur Tischmitte, fiel zurück und hing vor ihm über die Tischkante herab. Ein paar Jetons fielen zu Boden, was ihn in Rage brachte. Mit Daumen und Zeigefinger faßte er die Plasteunterlage und hielt sie angewidert hoch, als handelte es sich um das dreckige Taschentuch eines Widersachers.
Das sei kein Vorwurf, sagte er, schon wieder milder gestimmt, als wir mit den aufgelesenen Jetons unterm Tisch hervorkamen. Doch dieses Spiel sei ihm etwas nahezu Heiliges, ein Ritual, ja, ja, ein Reinigungs- und Opferritual, das meine er ernst. Er wiederholte es wörtlich gegenüber Michaela, die hereingekommen war, weil sie, wie sie später sagte, Streit vermutet hatte.
Ich solle, bemerkte er dann mit auffälliger Beiläufigkeit, erst einmal das wirkliche Spiel kennenlernen. Und wenn er sage, das wirkliche, dann meine er es auch, ein Wochenende in Monte Carlo, was ich davon hielte, er würde sich um alles kümmern.»Sind Sie einverstanden?«
«Monte Carlo ist nicht so weit weg, wie Sie denken«, sagte er. Neben der schönen Lektion, die ich dabei lernen könnte, würde sich als angenehmer Nebeneffekt die Aufbesserung meiner Privatschatulle einstellen, denn beim ersten Mal, noch dazu, wenn ich seine Vorgaben befolgte —»es gibt überall Regeln und Gesetze«—, werde ich immer gewinnen, ja, immer! Wir sollten bloß einmal überlegen, warum die Spielbanken Höchstgrenzen für Einsätze festlegten. Dies sei der Schlüssel zum Verständnis. Darüber lohne es nachzudenken.
Schon vor Wochen hat der Baron eine Andeutung in diese Richtung gemacht, aber ich hielt es für Gerede. Offensichtlich aber gibt es bei ihm kein Gerede.
Sei umarmt von Deinem Enrico
PS: Nur eine Frage: Anton Larschen will bei allem Verständnis für unsere Lage mit seinen Memoiren nicht länger warten und benimmt sich wie ein bockiges Kind. Jörg und ich haben sie gelesen, wollen den Text auch veröffentlichen, aber da wartet noch viel Arbeit auf einen Lektor. Darf ich ihn Dir schicken? Du würdest natürlich dafür bezahlt, firmiertest als Herausgeber, und ein Vorwort oder Nachwort wäre hochwillkommen.
Dienstag, 8. 5. 90
Liebe Nicoletta!
Es ist nicht nur das Frühlingswetter, das es mir schwermacht, meinen Bericht fortzusetzen und Ihnen etwas über jenen Dezember zu erzählen, der der endgültigen Trennung von Nadja und mir Ende November folgte.
Zurück in Jena, fühlte ich mich, statt erleichtert zu sein, gelähmt und einsam. Von Vera hatte ich seit März kaum mehr gehört, die Briefe, die Johann und ich in diesem Jahr gewechselt hatten, ließen sich an einer Hand abzählen. Ich hatte ihm nicht mal richtig zur Geburt seiner Tochter Gesine gratuliert.
Am Montag verschlief ich das lateinische Übersetzungsseminar, versuchte mich vergeblich fürs Griechische am Abend zu präparieren — schlug ich ein Wort nach, hatte ich es beim Blick in den Text bereits wieder vergessen —, wachte am Dienstag erst mittags auf und schaffte es kaum zur Toilette. Wenigstens kam ich auf die Idee, mich krank zu melden.
Unser Sprachlehrer, ein begnadeter Horaz-Übersetzer215, gab zu verstehen, daß er mir trotz Krankenschein nicht glaubte. Die Gleichgültigkeit, die selbst Samthoven mir gegenüber seit einigen Wochen an den Tag legte, bescheinigte mir, kaum mehr Mittelmaß zu sein.
Meine Müdigkeit nahm von Tag zu Tag zu. Das einzige, was ich schaffte, war, jeden Morgen ein Türchen im Adventskalender zu öffnen, den meine Mutter mir geschenkt hatte, ein Ritual, an dem wir bis heute festhalten.
Zu Beginn der Weihnachtsferien fuhr ich nach Dresden und verkroch mich im Bett. Kam meine Mutter nach Hause, wich ich ihr kaum von der Seite.
Am 24. erwarteten wir Vera schon zum Mittagessen. Zu meiner Überraschung deckte Mutter für vier.
Roland war mindestens zehn Jahre älter als Vera und bestimmt zehn Zentimeter kleiner als sie. Seine feine Nase paßte nicht zu den wulstigen Lippen. Unter seinem dünnen schwarzen Haar glänzte die Kopfhaut. Er trug eine ungewöhnliche Brille, eckig und randlos, und sprach einen angenehmen Dialekt, den ich für südthüringisch hielt. Auffällig war, daß er sich für alles interessierte, selbst für das Etikett auf der Limonadenflasche. Beim Zuhören nickte er und sagte unentwegt» Okay, okay, okay«, als bedürfe jeder Satz seiner Zustimmung.
Als Roland seine Genossen in» Torino «erwähnte, wo er letztes Jahr Weihnachten gefeiert habe, wurde mir einiges klar. Ich fragte ihn trotzdem, wie man denn nach Turin komme.»Mit dem Auto«, antwortete er und kaute zufrieden weiter. Ich sagte, daß ich auch gern ein Auto hätte, mit dem man bis nach Turin fahren könnte, schon Salzburg würde mir reichen.
Unbeeindruckt belehrte mich Roland, daß man sich hier über den Westen viel zu viele Illusionen mache. Mit dem Reisen sei es längst nicht so weit her, wie wir glaubten, schließlich brauche man Geld dafür; und nach zwei oder drei Wochen fange die Schufterei dann wieder an. Und so weiter und so fort.
«Aber man muß doch das Mittelmeer sehen!«Ach, Nicoletta, hätte ich diesen Satz nur schon damals gekannt! Ich stand auf und ging in mein Zimmer. Bei der Vorstellung jedoch, nun werde die Geschichte mit Nadja kolportiert, bereute ich meinen Abgang.
Wenig später klopfte es an meine Tür. Ich ließ Roland herein. Er hielt mir seine Schachtel» Reval «hin. Wir rauchten nebeneinander am offenen Fenster. Ich weiß nicht, ob er nur tiefe Züge nahm oder mehrmals zum Sprechen ansetzte. Bevor er ein Wort hervorgebracht hatte, erschien Vera, strich mir übers Haar und zog ihn mit sich fort. Die Zigarette schmeckte fürchterlich.
Am Abend wurde Roland übermäßig beschenkt. Er selbst hatte nichts vorbereitet, zumindest nicht für Mutter und mich. Vera trug einen Hosenanzug, den er ihr mitgebracht hatte, und streckte das Kinn vor, um uns das Parfüm an ihrem Hals riechen zu lassen. Dann wurde Tante Camillas Paket auf den Tisch gestellt. Vera und ich begannen sofort die Suche nach den Geldscheinen. Schlimmer als die schlimmsten Zollbeamten fetzten wir einvernehmlich das Geschenkpapier von den Ananasdosen und Kaffeepäckchen, rissen Sterne und Schleifen ab und kümmerten uns nicht um die zu Boden fallenden Reste. Da Roland sich angewidert von uns abwandte, trieb ich es besonders arg. Den ersten Hunderter entdeckte ich in der Packung einer Fa-Seife, den zweiten unter dem Plasteeinsatz der Sprengel-Pralinenschachtel. Der dritte blieb verschollen, bis Mutter ihn in den Papierresten fand.
Am nächsten Tag — immerhin hatte er morgens um halb sechs Mutter zum Dienst gefahren — machte es sich Roland gemütlich. Er lief in Unterhose herum, rauchte, durchstöberte die Speisekammer, aß im Stehen die Schüssel mit Kartoffelsalat leer, trank den Murfatlar216 aus der Flasche und kratzte sich unentwegt die behaarte Brust.
In seinem Renault, auf dessen Heckscheibe ein blauer Aufkleber mit weißer Friedenstaube prangte, kutschierten Vera und er nach Meißen, Pillnitz und Moritzburg und gingen mit Rolands Genossen, die bei Vera wohnten, ins Theater.