Der Baron bedauerte sehr, mich nicht mit dabeigehabt zu haben. Die drei Geschwister nebst Anhang seien nach dem Blick in den Koffer so benebelt gewesen, daß sie auf der Stelle zugestimmt hätten. Natürlich habe unser Einverständnis gefehlt, aber mit sechzigtausend sei er wahrhaftig kein Risiko eingegangen, für sechzigtausend, habe er gedacht, werde er es notfalls überall wieder los. Da sie das Geld quasi schon in Händen hielten, habe er keine Bedenken, daß sie den Köder wieder ausspucken könnten. Heute nachmittag um drei sei Notartermin. Und als wäre das alles nicht schon genug, buchte der Baron bis auf weiteres für die kommenden Ausgaben jeweils eine halbe Seite Anzeigen. Eine Freundin von ihm werde in Kürze ein Reisebüro in Altenburg eröffnen und nebenbei den Leuten beibringen, was Zeitungsanzeigen seien …
Dem Baron gelingt alles! Auf seinen Artikel über die Frau, der man 1941 öffentlich das Haar abgeschnitten hat, gab es zwar keinerlei Reaktion. Aber der Baron hat die Nachfahren jenes unseligen Friseurs ausfindig gemacht, der es sich damals zur Ehre angerechnet hatte, die Frau zu scheren. Den Nachfahren gehört direkt neben dem Rathaus ein Frisiersalon. Und? Ahnst Du die Pointe? Nun hat der Baron tatsächlich sein Ladengeschäft am Markt! Für Andy beginnt der Mietvertrag am 1. Juni!
Nach dem Mittagessen wollte ich mit Ilona die Postmappe durchgehen, fragte nach den bisherigen Einnahmen und wunderte mich über ihre merkwürdige Gestik. Hinter mir in der Ecke stand Frau Schorba aus Lucka. Ihr dunkles Kleid fiel wie bei einer Oratoriensängerin vom Busen senkrecht ab bis kurz über die Schuhspitzen. Frau Schorba rührte sich zunächst nicht, als wollte sie das Stelenhafte ihrer Erscheinung bewahren. Stumm folgte sie mir dann durch den Gang nach hinten, wo ich ihr den Stuhl neben den Schreibtisch, also in unmittelbare Wandnähe rückte.226 Wir schwiegen, als wüßten wir nicht, wie wir abseits unseres Rituals miteinander reden sollten. Ihr Gesicht, das immer etwas Maskenhaftes gehabt hatte, verriet jetzt jede Regung, jeden Gedanken.»Schön, daß Sie mal reinschauen!«sagte ich, um die Spannung, die ihr Schweigen erzeugte, nicht übermächtig werden zu lassen. Frau Schorba sah nicht auf. Ich wartete.
«Nehmen Sie mich? Können Sie mich einstellen? Bitte! Und fragen Sie mich nicht, warum. «Sie ergriff meine Hände.»Sie dürfen mich das nie, nie fragen. Das müssen Sie mir versprechen.«
Frau Schorbas Hände waren eiskalt. Sie war auf ihrem Stuhl nach vorn gerutscht und neigte sich so weit vor, daß ich fürchtete, sie würde im nächsten Augenblick auf die Knie sinken.
Ich bat sie, sich wieder aufrecht hinzusetzen.
«Sie müssen!«flüsterte sie und bot mir ihren ausrasierten Nacken dar.»Sie müssen! Bitte! Bitte!«
Erst als ich drohte, jeden Moment könne jemand hereinkommen, richtete sie sich auf und zog ein Taschentuch aus ihrem Ärmel. Kurz darauf trat Jörg ein, einen Brief in der Hand.
Ich stellte Frau Schorba vor und bat sie, im Empfangsraum zu warten. Der gelungene Hauskauf tröstete Jörg und mich schnell über das Schreiben Steens hinweg, der uns mitteilte, wegen inner-betrieblicher Umstrukturierungen in den nächsten Wochen leider keine Zeit für uns erübrigen zu können. Das bedeutete, daß wir nicht auf eine Fortsetzung seiner Anzeige hoffen durften.
Ich erzählte Jörg, was ich von Frau Schorba wußte, und bat ihn, sie in die Schar der Bewerberinnen aufzunehmen, denn wir brauchen dringend Verstärkung.
Dann begleitete ich Frau Schorba nach unten. Auf die Frage nach ihren Gehaltsvorstellungen zuckte sie glücklich mit den Schultern. Sie nehme, was wir ihr geben könnten.
Sei umarmt, Dein E.
PS: Du würdest natürlich dasselbe verdienen wie ich!
Donnerstag, 10. 5. 90
Liebe Nicoletta!
Ich stelle mir immer vor, Sie läsen meine Briefe im Stehen, im Stehen oder im Gehen. Kaum haben Sie die neueste Sendung aus dem Briefkasten gefischt, klemmen Sie Tasche und Zeitung unter den Arm, öffnen das Kuvert mit dem Zündschlüssel, entfalten die Seiten und beginnen zu lesen, ohne sich um etwas anderes zu kümmern. Sie merken gar nicht, wie Ihre Füße Sie Stufe um Stufe die Treppe hinauftragen, Sie die Tür aufschließen, Sie Tasche und Zeitung ablegen oder einfach zu Boden fallen lassen. Es ist gar nicht so wichtig, bei welchen Zeilen Sie lächeln oder sich Ihre Stirn kraust. Wichtig allein ist Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Erst zur zweiten Lektüre machen Sie es sich im Sessel oder auf der Couch bequem. Wer auch immer Sie beim Lesen sieht — wird er den Absender der Briefe nicht beneiden und sich an seine Stelle wünschen?
Träume wie dieser sind schuld, daß ich fortfahre.
Mitte Juni 87, knapp anderthalb Jahre nachdem Vera ihren Ausreiseantrag gestellt hatte, erhielt ich ein Telegramm. Ausreise heute, Neustädter Bahnhof, dann folgte die Abfahrtszeit und wie üblich: Gruß, Vera.
Das Telegramm war gegen elf gekommen. Sonst hatte ich spätestens um zehn das Haus verlassen. Und auch an jenem Dienstag wäre ich schon in der Bibliothek gewesen, hätte ich nicht nach dem Aufstehen vergeblich am Wasserhahn gedreht. Ein Zettel im Hausflur versprach ab elf Uhr wieder fließend Wasser. Ich hatte mich noch mal hingelegt und war erst vom Fauchen und Röhren der Leitung und der rostbraunen Sturzflut, die ins Waschbecken schoß, erwacht. Und hätte ich nicht im Weggehen den Boten, der mit auf die Stirn geschobener Brille das Klingelbrett inspizierte, gefragt, zu wem er denn wolle … ein Wunder also, daß ich das Telegramm rechtzeitig erhielt.
Es ist eine der wenigen Zugfahrten gewesen, auf die ich kein Buch und keine Arbeit mitnahm. Obwohl ich die ganze Zeit aus dem Fenster sah, nahm ich weder etwas vom Saaletal noch von Weinböhla wahr.
Vom Neustädter Bahnhof aus ging ich zu Veras Wohnung. Die Fenster waren zu, niemand öffnete. Ich schrieb einen Zettel und fuhr zu Mutters Wohnung. Auch dort niemand. Endlich, fast eine Stunde später, kamen beide.
Vera war den ganzen Tag von Amt zu Amt gerannt, Mutter hatte sich zum ersten Mal in ihrem Leben krank gemeldet und schleppte zwei Koffer voll neuer Schuhe, Bett- und Unterwäsche herein. Sie verstand nicht, warum Vera nur mit einer kleinen Reisetasche fahren wollte. Ohne ihre Photos und die gesammelten Taschentücher meines Vaters hätte sie nicht mal die gebraucht.
«Was soll ich denn damit machen?«rief Mutter, lief hinter Vera her, bis die sich im Bad einschloß und wir alle drei herumschrien. Mutter schluchzte zuerst.
Während ich Ihnen das schreibe, kommt es mir so vor, als erinnerte ich mich jetzt zum ersten Mal an diese Stunden.227
Vera ging noch einmal durch die Zimmer und öffnete jede Schublade, als wolle sie sich alles noch einmal einprägen. Am liebsten würde sie allein zum Bahnhof fahren, sagte sie. Kopfschüttelnd verfolgte sie, wie Mutter eine Doppelschnitte nach der anderen schmierte, als machten wir einen Familienausflug. Gemeinsam gingen wir zur Straßenbahn.
Mutter hatte eine Schachtel» Duett «gekauft und rauchte unaufhörlich. Wir fuhren zum Platz der Einheit. Vera und ich waren schon ein paar Schritte in Richtung Neustädter gegangen, da rief Mutter sie zurück.»Vera! Ich schaff das nicht!«Mutter stand noch genau dort, wo wir aus der Bahn gestiegen waren. Vera lief zurück, setzte die Tasche ab, und mir war, als sähe ich sie zum ersten Mal Mutter umarmen. Ich sah auch, wie Mutter Veras Wange streichelte. Dann beobachtete ich die Leute, die sich nach den beiden umdrehten.