Im Casino standen wir schnell vor dem ersten Roulettetisch. Am liebsten hätte ich mich gleich an die Arbeit gemacht, besaß aber noch keine Jetons. Ich fragte Vera, welche Zahl sie als nächste erwarte, und tippte selbst auf» achtzehn«. Es gab keinen Grund, die Achtzehn zu nennen. Meine Favoriten sind andere Zahlen.»Achtzehn«, wiederholte ich — und verstand nicht, was der Croupier auf französisch verkündete. Vera sah mich erschrocken an. Achtzehn!
Wie aber sollte ich dieses Orakel deuten:»Das ist dein Tag!«oder» Das war deine Chance!«?
An der Kasse wechselte ich statt der für heute geplanten sechstausend Franc nur fünftausendfünfhundert — und lächelte über meinen Kleinmut.
Ein Aufseher am Eingang zu den hinteren Sälen ließ uns zögern. Wir zeigten unsere goldenen Hotelkärtchen, warteten seine Verbeugung ab und überschritten die unsichtbare Grenze zum» Salon privé«.
Am Tisch 7 waren zwei Stühle frei. Die Anzeigetafel verhieß eine überdurchschnittliche Mischung. Man mußte nur ein bißchen Konsequenz aufbringen, um zu gewinnen. Direkt vor uns das rote Feld.
Ich ließ die ersten Runden aus, um ein Gefühl fürs Spiel zu bekommen. Dann setzte ich hundert auf das untere Drittel235 — es war viermal nicht erschienen. Ich verlor und verdoppelte den Einsatz. Vielleicht sind die perlmuttgrünen Hunderter die schönsten Jetons. Ich verlor und verdoppelte auf vierhundert. Die anderen am Tisch, alles ältere Herren, setzten auf Zahlen. Ich gewann. Ein rosafarbener Fünfhunderter, eine Zweihunderter-Orange und ein grüner Hunderter kamen zu meinem Einsatz hinzu; ein Gewinn von fünfhundert Franc nach drei Spielen.»Es funktioniert«, flüsterte ich.
Vera setzte auf Drittel, auf Reihe, auf Rot, auf Ungerade. Nicht immer behielt sie den Überblick, die Fünfzehn und die Sieben kamen zweimal. Die Drittel wechselten einander beinah regelmäßig ab.
Plötzlich wollte Vera gehen, zwanzig Prozent Gewinn seien mehr als genug. Ich sagte, daß ich überhaupt keine Linie, kein System entwickeln könne, wenn sie so viel und planlos setze. Vielleicht, mutmaßte sie, bestehe ja meine eigentliche Aufgabe darin, eigene Regeln zu finden. Ich habe es versprochen, sagte ich gereizt. Danach verlor ich viermal in Folge.
Beim Anblick unserer Barschaft versagte mir die Courage. Statt auf tausendsechshundert zu verdoppeln, wagte ich nur tausend — und verlor. Ich setzte tausendfünfhundert. Das war bereits meine letzte Chance. So schnell ging das also.
Vera stand auf. Wir verabschiedeten uns, während die Kugel im Kessel kreiste. Ich sah Vera nach, sie drehte sich um, ich winkte, hörte die Kugel springen, schließlich das letzte» Klack«— die Ansage war mehrsilbig. Ich erinnere mich nur, daß es das richtige Drittel war — Sieg! Sieg! Ich war wieder im Rennen.
Von da an spielte ich selbstvergessen wie ein Kind mit meinen Hunderter-Äpfeln, froh, endlich tun und lassen zu können, was ich wollte. Der Erfolg gab mir recht. Mein Gewinn wuchs beständig und immer auf dieselbe Art: Sobald ein Drittel viermal nicht erschienen war, stieg ich ein: hundert, zweihundert, vierhundert — spätestens bei achthundert gewann ich.
Mir war es egal, wenn andere auf dasselbe Drittel wie ich spekulierten. Nur wenn ihr Betrag über meinem lag, fürchtete ich, ihr fremdes Gravitationsfeld könnte mein Glück stören.
Fortwährend wurden Geldscheine in Jetons getauscht. Wer den Tisch verließ, verließ ihn mit nichts. Ich hingegen hatte das Gefühl, gut zu arbeiten.
Der einzige Mitspieler, den ich bewunderte, trug weder Krawatte noch Fliege, dafür kaute er an einem Zigarillostummel. Ich weiß nicht, wie hoch sein Einsatz gewesen war. Nach einer halben Stunde jedoch lagen zwei große weiße Zehntausender vor ihm, die Lipizzaner unter den Jetons. Wie gern hätte ich ihm anerkennend zugenickt, sein Blick aber haftete unausgesetzt auf dem grünen Filz.
Sein Gegenbild war ein sommersprossiger unrasierter Herr, der an der Ecke saß und jede Zahl in ein kariertes Heft schrieb, wobei er den Kopf schief hielt wie ein Grundschüler. Er rechnete und rechnete und sah nur auf, wenn er einen seiner minimalen Einsätze wagte, die prompt verlorengingen.
Eifriger als ich arbeitete nur ein zierlicher Franzose, der gleichzeitig an zwei Tischen spielte und offensichtlich meinen Dritteln vertraute. Unser Schicksal hing am selben Faden — für ihn jedoch kein Grund, mein Lächeln zu erwidern. Ich begriff sehr schnell, wie allein man selbst im Erfolg bleibt.
Zweimal wurde ich übermütig und verlor auf Rot vier Fünfziger-Zitronen, dasselbe mit einer Zweihunderter-Orange auf Passe. Schrieb ich schon, daß ich mich in jeder Runde mit einem perlmuttroten Zwanziger gegen die Null versicherte? Die Null allerdings kam den ganzen Abend nicht. (Das Zimmermädchen weiß nicht, ob es mich vom Balkon jagen soll oder nicht. Es hat die Tür geöffnet, damit ich den Staubsauger höre.)
Dem Vorbild des Zigarillo-Mannes folgend, verteilte ich mal Zitronen, mal Äpfel an die Croupiers. Kurz vor eins machte ich Kassensturz: Ich hatte zehntausend Franc in der Tasche, also einen Gewinn von viertausendfünfhundert, dazu einen bunt zusammengewürfelten Rest von tausendzweihundert, der mir plötzlich nichts mehr bedeutete. Ich setzte auf Rot — und gewann. Die Äpfel und Zitronen ließ ich liegen, steckte den Perlmutt-Bleu-Tausender ein und sämtliche Orangen.
Ich hatte bereits mein Bon soir geflüstert und mich auf den Weg zur Kasse gemacht, als ich am Nebentisch die Dekolletés zweier Frauen bemerkte und meinen Kurs änderte.
Ich beugte mich über die beiden Damen — und setzte sämtliche Orangen auf Rot. Augenblicke später sah ich zum zweiten Mal auf die Damen herab und raffte den Gewinn zusammen.
Der Mann an der Kasse schielte, aber das war die einzige Unregelmäßigkeit. Ich schritt hinaus, sprang die Stufen des Casinos hinab und die des» Hôtel de Paris «hinauf, rief» Ja! Gewonnen!«und überließ es Vera, die Scheine auf der Bettdecke zu sortieren. Alles in allem ein Gewinn von fast siebentausend Franc.
Die Angst kam mit dem Erwachen. Ich weiß, wie lächerlich es ist, von Angst zu reden. Die Tatsache, daß ich, selbst wenn ich alles verlöre, nichts verlöre, half mir nicht. Ich litt unter meiner eigenen Großmäuligkeit. Ohne zu überlegen, hatte ich das Angebot des Barons akzeptiert. Jetzt verstand ich schon nicht mehr, woher ich den Mut genommen hatte, tausendfünfhundert Franc zu setzen. Es schien mir absurd, so etwas je wieder zu riskieren!
Vera hatte keine Freude an mir. Wir trotteten in der Frühlingssonne hinunter in die Bucht und hinauf zur Burg der Grimaldis, verpaßten die Wachablösung, drehten eine Runde durch die Kathedrale und landeten schließlich beim ozeanographischen Museum. Von der Dachterrasse aus beobachteten wir die Segler. Aber Ablenkung verschaffte mir all das nicht. Ich versuchte an Fußball zu denken.
Bis sieben döste ich auf dem Bett, ohne eine Idee für das Spiel zu finden. Ich war davon überzeugt, nicht auf dieselbe Art und Weise wieder zum Erfolg zu kommen. Trotzdem zog ich mir nach dem Duschen die Sachen des gestrigen Abends an, sogar dieselben Socken. Vera hingegen sah eleganter denn je aus, auch ihre Frisur war neu. Doch weder sie noch ich hatte an eine Reservierung gedacht.
Nachdem wir im» Louis XV «abgewiesen worden waren, schlug ich vor, im Casino zu essen. Angeekelt schüttelte Vera den Kopf. An der Rezeption machten sie uns Hoffnung auf den Churchill-Room des» Grill«.
Bonsoir, bonsoir, bonsoir, bonsoir. Wieder schritten wir die Kellnerfront ab, durchquerten den großen Speisesaal und durften uns schließlich im leeren Churchill-Room den Tisch aussuchen. Ich begriff nicht, warum die Kellner bedauerten, uns hier plazieren zu müssen. Mir kam es eher wie eine Auszeichnung vor. Erst als wir saßen, bemerkte ich das große Photo von Churchill. Sein Blick richtete sich auf mich.
Die Hälfte der Kellner war uns vertraut, der Hocker für die Handtasche wurde gebracht, meine Speisekarte war auf englisch.