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«Er weiß ja nicht, wohin er will«, rief sie erneut in den Hörer, während zwei Tänzerinnen vorübertrippelten,»das isses ja doch, was mich so aufregt, das isses ja«, worauf ich immer nur» Hoffmann, Hoffmann!«erwiderte.

«Hier kennt Sie niemand«, beschied sie mir und legte den Hörer auf. Sie musterte mich noch einmal, bevor sie sich erschöpft zurücklehnte und in irgend etwas zu blättern begann, das die ganze Zeit vor ihr gelegen hatte. Es war unklar, ob sie weiter in meinem Fall ermittelte oder mich bereits ad acta gelegt hatte.

«Warten!«rief sie mitten im Umblättern und griff erneut zum Hörer, als von rechts eine Frau in weißer Bluse aus dem Dunkel des Treppenhauses auftauchte, die drei Stufen zu mir herabsprang und mich so herzlich ansah, daß ich eine Verwechslung befürchtete.

«Ich weiß, wer Sie sind«, sagte sie lächelnd, schob ihren Arm unter meinen und lenkte meine Schritte Richtung Pförtnerin.

«Darf ich Ihnen«, sie nannte die Pförtnerin beim Namen,»Herrn Türmer, unseren neuen Dramaturgen vorstellen …«Die Pförtnerin kam diesmal erst beim zweiten Versuch von ihrem Stuhl hoch, streckte eine Hand durch die ovale Luke in der Scheibe und rief:»Warum sagt er das denn nicht gleich!«Danach durchschritten wir die Pforte.

Die Frau in der weißen Bluse geleitete mich durch ein Labyrinth aus Gängen und Treppen. Alle paar Meter wechselte der Geruch. Wir kamen am Ballettsaal vorbei, an der Kantine, passierten ein barockes sandsteinernes Treppenhaus und standen im Dunkeln. Ich hörte einen Schlüssel und betrat nach ihr ein Zimmer, durch dessen Vorhänge kaum Licht drang. Es roch nach Mittagessen.

Auf dem Rückweg blieben wir vor einer weißen Flügeltür stehen und lauschten. Plötzlich drückte meine Führerin die Klinke, nickte mir zu und schob mich hinein, gerade als das Klavier wieder einsetzte.

Wer ich sei, was ich wolle, wer mich geschickt habe … Meine gute Fee war verschwunden, der Regisseur, kaum älter als ich, mit einem Haarschnitt, der seinen Hinterkopf zur Geltung brachte, hatte die Probe unterbrochen und blätterte hastig im Klavierauszug.

Ich nannte meinen Namen, ich wiederholte meinen Namen. Ich ließ mir von dem unentwegt weiterblätternden Regisseur sagen, daß man weder ungefragt an einer Probe teilnehme noch sie unterbreche. Zumindest er, der Regisseur, wenn nicht das gesamte Ensemble, müsse vorher um Erlaubnis gebeten werden.»Vorher!«wiederholte er und hielt endlich im Blättern inne. Ob ich das getan hätte? Nein, antwortete ich, das hätte ich nicht getan. Begründen konnte ich mein Fehlverhalten nicht mehr. Ein am Boden kniender Herr mit Baßstimme empörte sich über die Mißachtung seiner Person. Wie lange er denn hier noch rumkriechen solle, ob wir keine Augen im Kopf hätten. Er hatte» sie «gesagt, dabei aber nur mich angesehen.

Die Position, in die ich durch meinen ersten Auftritt geraten war, habe ich in den fünf Wochen, da ich bei Tim Hartmanns» Undine«-Inszenierung hospitieren durfte, kaum verbessern können. Ich hatte alles verschlimmert, indem ich jeden siezte. Tim Hartmann sah einen Affront darin, von mir nicht wie von den anderen mit Tim angesprochen zu werden. Ich fand es furchtbar, die Tür zur Kantine zu öffnen, furchtbar, mit Bockwurst und Kaffee die Theke zu verlassen, furchtbar, mich an einen freien Tisch zu setzen, furchtbar, mich zu den anderen zu gesellen. Außerdem roch ich selbst nach Küche, die direkt unter meinem Zimmer lag.

Ab und an erbarmte sich die Regieassistentin meiner, eine hübsche große Berlinerin. Sie vor Augen, begriff ich, was mich gerettet hätte: eine Aufgabe.

Dabei saß ich gern auf den Proben. Anfangs hatte ich geglaubt, irgend etwas sagen zu müssen, um meine Theatertauglichkeit unter Beweis zu stellen. Ich wunderte mich selbst, wieviel mir einfiel. Am Ende der ersten Woche überreichte ich Tim Hartmann eine Liste mit Vorschlägen. Ich hoffte, mich auf diese Weise als Gesprächspartner zu empfehlen. Die Regieassistentin bat mich zu Beginn der neuen Probenwoche, von nun an auf Notizen zu verzichten.

War keine Abendprobe, besuchte ich die Vorstellung, setzte mich in eine der ersten Reihen und versuchte mir, den Besetzungszettel in der Hand, die dazugehörigen Gesichter einzuprägen. Das Erlernen der Namen betrieb ich so energisch, ja leidenschaftlich, als hinge meine Zukunft davon ab. Deshalb war die letzte Probenwoche der» Undine «für mich besonders wichtig, weil ich nun auch jenen, die nie auf der Bühne standen, die ich aber vom Sehen kannte, einen Namen und eine Funktion zuordnen konnte. So leicht ich lernte, so schwer fiel es mir, meine Irrtümer zu korrigieren. Beispielsweise hatte ich den Chef der Beleuchtung für den Leiter des Malsaales gehalten und den Leiter der Werkstätten für den Beleuchtungschef.

Ich glaubte an einen versöhnlichen Abschluß meiner Hospitanz, nachdem es mir zugefallen war, die Pressemitteilung zu schreiben, die Tim Hartmann nach der Hauptprobe herumgereicht hatte, wobei er immer wieder»à la bonne heure «sagte. Vor der Premiere durfte ich sogar Undine, die mich länger als alle anderen ignoriert hatte, dreimal über die linke Schulter spucken.

Tim Hartmanns Inszenierung war kein rauschender Erfolg, doch die Leute klatschten, bis er in einem schwarzen Anzug auf der Bühne erschienen war, sich verbeugt und seinen Kopf hin und her gewandt hatte, als sollten alle seinen neuen winzigen Pferdeschwanz sehen.

Auf der Premierenfeier wurde ich mehrmals umarmt. Ich erwartete eine Ansprache des Intendanten, ein paar Worte zur Inszenierung und zu den Leistungen der Sänger. Und ich hoffte, er würde sich seiner mir gegebenen Zusage erinnern.

Er gratulierte Tim Hartmann, machte händeschüttelnd eine Runde um den Tisch und lachte auch über irgendwelche Bemerkungen, was bei ihm von Husten kaum zu unterscheiden war. Nur setzen wollte er sich nicht. Seine Entourage, die sich aus dem Schauspiel, vor allem aber aus dem Ballett rekrutierte, erwartete ihn zwei Tische weiter.

Ich trank und rauchte fast ununterbrochen und fühlte mich zum ersten Mal in der Kantine heimisch. Die Regieassistentin machte mich mit Antonio bekannt, einem jungen Chilenen aus Berlin. Antonio fragte, was ich denn von der Inszenierung halte, die er selbst als» Langweiler «bezeichnete. Antonio sagte, ich solle mich zu ihm setzen, und zog für mich einen Stuhl an den Tisch von» Jonas«, wie er den Intendanten nannte. Wie einfach alles war. Antonio bot mir Wodka an. Alle am Tisch tranken Wodka.

Jonas brachte mit seiner Behauptung, Ehe und Treue seien widernatürlich, sinnlos und lächerlich, die meisten Frauen gegen sich auf, was ihn nicht daran hinderte weiterzureden. Fortwährend strich er sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und sah von einem zum anderen. Als sich unsere Blicke trafen, nickte ich unwillkürlich, als stimmte ich ihm zu. Ich ärgerte mich darüber, und das um so mehr, als Claudia Marcks, die Schauspielerin, Jonas laut widersprach, ihn sogar auslachte, was dieser halb beleidigt, halb als Bestätigung seiner Frauen-Theorie hinnahm.

Ich bewunderte Claudia Marcks. Mir war es nie gelungen, mit ihr zu sprechen, ich hatte es nicht mal geschafft, in ihre Nähe zu kommen. Alles an ihr war schön und begehrenswert, besonders liebte ich ihre Hände. Sie führten ein Eigenleben, das niemand außer mir zu beachten schien. Plötzlich wollte ich nichts anderes, als heute, morgen oder dereinst von diesen Händen berührt zu werden und sie selbst zu küssen. Und ich war seltsam gewiß, daß diese Stunde nicht mehr weit entfernt sei.

Ich fragte Jonas, ob er das, was er da von sich gebe, denn selbst glaube.

Er starrte mich aus geröteten Augen an.»Du geh erst mal ficken!«rief er.»Du geh erst mal …«Jonas wiederholte den Satz zweimal, dreimal, viermal, so lange, bis es in der Kantine still geworden war.

Statt ihm, wie es Claudia Marcks getan hatte, ins Gesicht zu lachen, dachte ich an Nadja. Und dann hörte ich mich auch schon sagen:»Warum sollte ich denn?«

Alle stimmten in das Gelächter ein. Auch Claudia Marcks und Antonio. Antonio sagte, er bewundere die reinen Geistesmenschen, Menschen wie mich. Es war die Hölle.