Выбрать главу

«Das muß ja nicht gleich jeder sehen!«rief sie ungehalten.

Sie werden fragen, warum ich Ihnen all das erzähle? Was hat diese Liebesgeschichte mit meiner Beichte zu tun?245 Haben Sie Geduld.

Robert kämpfte gegen mich. Zudem haßte er alles, was vom Theater kam. Und ich mußte mir eingestehen, daß Robert mich störte. Ich war es nicht gewohnt, Rücksichten zu nehmen. Ich wollte lesen, schreiben, ins Theater und in Ausstellungen gehen, Filme sehen. Und Michaela wollte das auch. Aber ich greife vor. In den ersten Wochen war allein schon der Gedanke abwegig, ich könnte in Michaelas Wohnung übernachten. Für diesen Fall hatte Robert angedroht, von zu Hause wegzulaufen. Als ich das erste Mal offiziell zu Besuch erschien, schloß er sich in seinem Zimmer ein und heulte so laut, daß Michaela mich nach zehn Minuten bat, wieder zu gehen. Manchmal fuhr ich nach Altenburg, um Michaela für eine halbe Stunde zu sehen. Und auch dann drehte sich alles nur um Robert.

Zum ersten Mal blieb ich Ende November über Nacht, und das nur, weil Robert meine Schuhe aus dem Fenster geworfen hatte und diese nun auf der Heizung trocknen mußten.

Doch Robert war nicht nur ein Störenfried, ich empfand ihn auch als ein Makel an Michaela. Sowenig ich auf Roberts Seite stand, so sehr wünschte ich ihm mitunter den Sieg. Denn eine Liebe hatte ich mir anders vorgestellt.246 Außerdem wollte ich ja nicht hier bleiben, hier in Altenburg, hier in diesem Land. So schrieb ich es jedenfalls an Vera.

Als mir Michaela strahlend verkündete, Robert habe eingewilligt, mit mir und ihr nach Dresden zu fahren, auch er wolle meine Mutter kennenlernen, hätte der Zwiespalt in mir nicht größer sein können.

Meine Mutter hatte gebacken und gekocht, auf unseren Betten — Robert schlief allein in meinem Zimmer — lagen Lakritzstangen, wie ich sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und Schokoladentiere. Die Handtücher waren neu und weich, und jeder bekam ein Paar Pantoffeln geschenkt. Robert schien nichts anderes erwartet zu haben. Während wir beim Kaffee saßen, streunte er durch die Wohnung, warf eine Vase herunter und sah in alle Schränke und Schubladen. Mutter fand nichts dabei und besänftigte Michaela. Sie rauchten um die Wette, und Mutter schenkte ihr dann die Schuhe, die sie ein halbes Jahr zuvor am Tag von Veras Ausreise gekauft hatte. Alle paar Minuten präsentierte uns Robert neue Entdeckungen. Er fand nicht nur meinen alten Teddy und die Kinderbücher, sondern auch meinen ersten Patronenfüller, dessen Kappe deutliche Nagespuren aufwies und mir so vertraut war, als hätte ich ihn eben erst aus der Hand gelegt. Zuletzt schleppte Robert den Zirkelkasten meines Großvaters an. Der blaue Samt, in dem die Zirkel eingebettet lagen, schimmerte. Robert fragte, ob er ihn behalten dürfe. Zu meinem Entsetzen stimmte Mutter zu. Doch Michaelas Nein war so entschieden, daß ich nicht einschreiten mußte. Danach waren die Photoalben an der Reihe, und am Abend schlug Robert sämtliche Eier in die Pfanne und nannte sein Gericht Omelett.

Kurz vor unserer Abfahrt am nächsten Tag bestand Robert darauf, mit mir im Hof Federball zu spielen. Ja, allein mit mir. Auf der Rückfahrt schlief er ein, so daß sich Michaela zu mir herüberlehnen konnte. Ich habe eine Familie, dachte ich da zum ersten Mal, eine Familie, und wußte nicht, ob sich ein Traum erfüllt hatte oder ob ich in der Falle saß.247

Sonnabend, 19. 5. 90

Liebe Nicoletta!

Es wird Sie vielleicht erstaunen, wenn ich die anderthalb Jahre von unserem ersten gemeinsamen Wochenende in Dresden bis zum Mai 89 eine glückliche Zeit nenne. Der Zwiespalt, von dem ich schrieb, blieb bestehen, aber ich lebte nicht schlecht mit ihm. Den Antrag auf Ausreise zögerte ich hinaus, nein, ich sparte ihn mir auf wie eine Belohnung, die ich mir erst verdienen mußte. Je länger ich in der DDR aushalten würde, desto mehr hätte ich schließlich im Westen vorzuweisen. Zudem betrachtete ich das Familienleben als neue Erfahrung. Ich fühlte mich ausgezeichnet, wenn ich Michaela dabei zusehen durfte, wie sie ihre Beine rasierte, und empfand es als Vertrauensbeweis, wenn ich unsere Wäsche aufhängte oder von der Leine nahm.

Zwischen Robert und mir blieb es anstrengend. Anerkennung fand ich bei Robert nur sporadisch, zum Beispiel wenn es mir gelang, die Tülle der Wäscheschleuder über dem Eimer zu halten. Dazu mußte ich mich mit meinem ganzen Gewicht auf die Maschine werfen. Meine Mutter hingegen wurde uneingeschränkt akzeptiert, weshalb wir oft nach Dresden fuhren.

Das Studium beendete ich glanzlos. Ungewollt war ich wenige Monate vor meiner Verteidigung an den Rand einer Exmatrikulation geraten, weil ich ein Blatt mit» konkreter Poesie «an die Wandzeitung geheftet hatte.248 So liberal, wie es manchmal schien, war die Universität doch nicht geworden.

Nach der Verteidigung der Diplomarbeit, meiner letzten Aufgabe als Student, gingen wir — Michaela, Anton und ich — zum Wehrkreiskommando. Ich mußte mich abmelden, genauer gesagt: ummelden. Michaela hörte zu, als man mir mitteilte, als Fahrer hätte ich gute Chancen, bereits in zwei Jahren (das wäre jetzt) wieder eingezogen zu werden.

Sowohl die Schulnovelle wie auch das Armeebuch gewannen durch diese Drohung für mich wieder an Kraft.

Die Premiere von» Fräulein Julie «im September249 war ein Reinfall. Als Flieder, von Michaela geführt, auf der Bühne erschien, gab es Bravo-Rufe, doch drei Viertel des Publikums warteten da bereits an der Garderobe. Wir erzwangen fünf Vorhänge, Michaela knickste jedesmal wie eine Operndiva und lächelte hinauf in die leeren Ränge. In Berlin wäre diese» Julie «wie» Dantons Tod «oder» Macbeth«250 gefeiert worden.

Erst auf der Rückfahrt nach der Premierenfeier brach die Wut aus Michaela heraus. Viel zu lange sitze sie schon in Altenburg fest, das Gerede, dieses Theater sei ein Sprungbrett, habe noch nie gestimmt.»Ich ertrage dieses Kaff nicht mehr!«schrie sie. Auf dem Gipfel ihrer Verzweiflung wollte sie sogar in die Partei eintreten, wenn das die Bedingung für ein Engagement in Berlin wäre. Die Hälfte ihrer Freunde am Gorki und im BE seien Genossen, alles Leute, von denen es niemand glauben würde.

«Wie wäre es denn mit Westberlin«, fragte ich, als wir in unsere Straße einbogen.»Sofort!«rief Michaela und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an.»Sofort!«wiederholte sie.

Zu Hause überreichte sie mir ein Paket, ihr Premierengeschenk. Es enthielt einige, immer kleinere Päckchen, die ich zu öffnen hatte, bis ich endlich eine in Goldpapier gewickelte Schachtel» Club «in Händen hielt — voller Pfefferminze. Auf dem Zettel, der darin steckte, las ich:»Rauchen schadet werdenden Müttern und Vätern. «So weit war es noch nicht, aber wir versuchten, uns das Rauchen abzugewöhnen.

«Fräulein Julie «erlebte fünf oder sechs Aufführungen. Michaela sah in der Tatsache, daß ihre» Julie «nicht im Anrechtsprogramm251 lief, einen Akt der Zensur. Eine einzige Kritik war erschienen, ein Verriß auf der Lokalseite der LVZ.

Mit Beginn meiner Arbeit als Schauspieldramaturg waren mir anderthalb Zimmer bei der 88jährigen Emilie Paulini zugewiesen worden.

Mit ihr teilte ich das Trockenklo auf halber Treppe und die Küche, deren Waschbecken das Bad ersetzte. Dafür war der Keller voller Briketts. Ich brauchte dieses Refugium, weil Roberts Fernsehgewohnheiten und sein ununterbrochen laufender Kassettenrecorder mich regelmäßig vertrieben. Daß ich aber nur mit einem Tisch und einem Stuhl einzog, enttäuschte Emilie Paulini tief. Sie fürchtete sich nämlich, allein zu sein,»wenn es ans Sterben geht«. Abends einschlafen und nicht mehr aufwachen, so wollte sie es. Aber nebenan sollte jemand sein. Mir zu Ehren trug sie eine Perücke, die meistens schief wie eine Baskenmütze saß. In regelmäßigen Abständen winkte sie mich in ihre Stube, bat mich, Platz zu nehmen, und überreichte mir das gerahmte braunstichige Photo einer sehr schönen jungen Frau. Ob ich mir vorstellen könne, wer das sei. Sie kicherte, schob ihren Kopf mit der Perücke wie eine Schildkröte vor und sagte ganz laut: Na? Ich sah dann zwischen ihr und dem Photo hin und her und sagte schließlich:»Natürlich, Frau Paulini, das sind Sie!«Emilie Paulini kreischte, warf die Arme hoch und sprang auf, um mir sofort ein Stück Kuchen aus der Küche zu bringen.