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Emilie Paulini mochte Michaela nicht, weil sie» eine vom Theater war «und obendrein schuld daran, daß ich nicht bei ihr wohnte.

Ihre Tochter Ruth kam mittwochs zu Besuch und holte sie sonntags zum Mittagessen ab. Ruth, die sehr schnell sprach und statt einer Pause zwischen den Sätzen ein hohes, gedehntes, mit dem Luftstrom absinkendes Aaah oder Neeeh ausstieß, hatte mir in der Küche erzählt (»Herr Türmer, was ich Ihnen erzählen könnte, Herr Türmer, aaah, dazu reicht unsre Zeit gar nicht aus, was ich — neeeh — so viel, so viel«), wie sie auf der Flucht im April 45 in Freital bei Dresden» den Russen in die Hände gefallen «waren. Ihre Mutter habe sie immer weggeschickt und aufgefordert zu singen.»Immer wenn Russen kamen, wurde ich singen geschickt. Aaah! Das sind Geschichten, Herr Türmer, Geschichten … Aaah! Dabei war unser Muttchen gar nicht mehr jung, hat aber nicht geholfen. Geschichten! Aaah, Herr Türmer. Sie ist schwanger hier angekommen, mit 43 schwanger! Neeeh, ohne Mann, stellen Sie sich mal vor!«252 Ruth drückte sich ihr immer griffbereites Spitzentaschentuch in die Augenwinkel.

Mir hatte der Sinn dieses Singens nicht eingeleuchtet, da uns aber Emilie Paulini nie lang allein ließ, war ich erst Tage später dazu gekommen, Ruth danach zu fragen.»Aaah, Herr Türmer, das ist doch ganz einfach. Das hat sie beruhigt. Da wußte sie, daß sie wenigstens mich in Ruhe lassen. Aaah, neeeh, Geschichten!«

Es war Michaela, die vorschlug, aus den Erzählungen der beiden Paulinis ein Stück, einen Monolog zu machen. Für sie, Michaela, sei es natürlich besser, wenn Ruth das Ganze erzählte, aber auch ein Mutter-Tochter-Stück sei denkbar. Wenn es mir gelänge, die beiden zum Erzählen zu bringen, würde sich das Stück wie von selbst schreiben.253

Nun übernachtete ich hin und wieder bei Emilie Paulini. Die Vorstellung, über einen Stoff zu verfügen, der von Krieg, Flucht, Plünderungen und Vergewaltigungen handelte, vielleicht sogar von Juden und SS, gab mir das Gefühl einer seltsamen Überlegenheit.

Ich begann bescheiden und verzeichnete Emilie Paulinis Gewohnheiten: wann sie aufs Klo und in die Küche ging, was sie einkaufen ließ, welches Mittagessen, das die Volkssolidarität brachte, ihr schmeckte und welches bis zum nächsten Tag in der Küche stand. Ihre Fernsehzeiten waren nicht zu überhören. Nachts erwachte ich mitunter von Emilie Paulinis Gebrabbel, das ich trotz der hellhörigen Wand nicht verstand. Vor ihre Tür zu schleichen hatte ich aufgeben müssen, weil sie beim ersten Dielenknarren verstummt war.

Ich versäumte keinen Mittwochabend. Wie erhofft, wurde ich bald ins Zimmer gebeten, das ich nur im Halbdunkel kannte, weil Emilie Paulini Strom sparte. Je älter die Gegenstände waren, die ich mit Argusaugen erspähte, desto mehr brachte ich meine Bewunderung zum Ausdruck, in der Hoffnung, die Paulinis zum Sprechen zu animieren. Aber es war keine» Vorkriegsware «dabei.254 Ich hoffte auf Photos, bekam aber keine anderen zu sehen als jene, die gerahmt auf dem Buffet standen.

Ich fragte sie nach Tschechen, Juden, dem Kriegsausbruch. Nichts, schon gar nichts Grausiges, fiel ihr dazu ein. Mitunter glaubte ich, Emilie Paulini spüre das Vorsätzliche meiner Neugier. Über ihren Mann sagte sie:»Die haben bis zuletzt gekämpft!«und stieß ein hohes Lachen aus. In der Küche erfuhr ich mehr. Doch Ruths Aaahs und Neeehs waren so laut, daß Emilie Paulini sofort aus ihrem Zimmer geeilt kam. Ihr Mann war Feldpolizist gewesen, ein Kettenhund, und galt als verschollen. Nicht mal ein Photo gebe es mehr von ihm. Lange vor ihrer Heirat hatte Emilie Paulini, noch nicht volljährig, einen Sohn geboren. Er war in einem Heim aufgewachsen, hatte sich freiwillig zur Marine gemeldet, war in Norwegen schwer verwundet worden und schließlich bei einem Bombenangriff auf Bremen ums Leben gekommen. Ein einziges Mal habe sie mit ihrer Mutter darüber gesprochen. Irgendwo müßten noch Briefe von ihm sein. Ihre Mutter danach zu fragen sei sinnlos, sagte Ruth. Sie könnten ja nicht einmal über Hans, das Russenkind, miteinander reden. Aber auch Ruth selbst wollte nichts von ihrem Halbbruder erzählen.

Ich benutzte Karteikarten, die ich mit Filzstift markierte. Schwarz für die häuslichen Gewohnheiten, rot für die Geschichten von Emilie Paulini, grün für die von Ruth, blau für die Gegenstände, die mir interessant schienen. Ich hoffte, meine Notate würden irgendwann gleichsam wie von selbst zueinanderfinden und eine Geschichte spinnen. Michaela las jede Menge Bücher über das Ende des Zweiten Weltkrieges und überschüttete mich mit Vorschlägen.

Nie zuvor hatte ich so viel Zeit zum Schreiben gehabt wie am Theater — unsere Anwesenheitspflicht galt von zehn bis vierzehn Uhr —, und dafür wurde ich sogar noch bezahlt! Immerhin blieben mir von neunhundert brutto siebenhundert netto, das war nicht anders als fürstlich zu nennen.

Ich betreute das jährliche Weihnachtsmärchen, eine Bearbeitung von Andersens» Schneekönigin«, und hatte darin sogar ein paar Auftritte als weiser Rabe. Vergeblich wartete ich auf einen Regisseur wie Flieder.

Am besten waren noch die Inszenierungen von Moritz Paulsen, der sein Geld mit Modenschauen verdiente und bei dem sich die Beleuchtungsproben über zwei oder drei Tage erstreckten. Was mich für Moritz Paulsen einnahm, war sein Entschluß, ein sogenanntes Glasnost-Stück als Revue aufzuführen. Höhepunkt waren jene kurzen Szenen, die mit dem von Paulsen erfundenen Ausruf» Der Parteiflamingo!«begannen und die Handlung unterbrachen. Mit verklärtem Lächeln sahen dann alle Schauspieler zu dem imaginären Parteiflamingo auf, der über den Bühnenhimmel zu ziehen schien. Wir rechneten uns gute Chancen aus, nach der Premiere verboten zu werden. Doch bis auf einen Wutausbruch von Jonas, dem Intendanten — niemand würde verstehen, was wir damit sagen wollten —, gab es nur müde Proteste. Ein Lehrer, der mit seiner Klasse die Aufführung gesehen hatte, bemängelte, daß wir, statt unsere künstlerischen Mittel für die Herausbildung eines parteilichen Bewußtseins einzusetzen, den Pädagogen in den Rücken fallen würden. Solche Briefe, die wie Trophäen ausgehängt wurden, blieben Mangelware.

Zur Zeit unseres zweiten gemeinsamen Weihnachten waren wir wohl eine glückliche Familie. Die Anwesenheit beider Großmütter besänftigte Robert. Er antwortete mir und stand nicht mehr auf, wenn ich mich zum Fernsehen neben ihn setzte.

Und dann, am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages, wußte ich plötzlich, wie meine Novelle enden sollte. Ich verstand gar nicht, warum ich fast drei Jahre dafür gebraucht hatte.

Es muß mit der Stimmung bei uns zu tun gehabt haben, mit der von unserer Lektüre beeinflußten Stimmung. Michaela las Ecos» Der Name der Rose«, und Robert hatte von mir» Tim Thaler oder Das verkaufte Lachen «geschenkt bekommen. Lachen lag in der Luft, und auf einmal durfte auch Titus, mein Held, in der Novelle lächeln. Titus ließ sich nicht länger erpressen. An die Stelle des Leidens trat die Ironie. Er war erwachsen geworden.

Ich würde wieder von vorn beginnen, ganz von vorn, aber diesmal sicher im Tonfall. Das Lächeln von Titus tauchte die Novelle in ein heiteres Licht und befreite sie von der säuerlichen Tragik der Pubertät.255

Im neuen Jahr machte ich mich an die Arbeit. Ich konnte gar nicht so schnell schreiben, wie mir die Ideen zuflogen. Und weil ich nun viel Zeit in meinem Refugium verbrachte — der Herr Türmer ist stets freundlich und gut gelaunt —, war auch Emilie Paulini froh.