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Heute glaubt ja jeder, bei den Kommunalwahlen256 bereits die Totenglocken des Systems gehört zu haben. Im nachhinein erscheint das plausibel.

Hatte es an der Uni noch große Diskussionen gegeben, um wieviel Uhr ein Student im Wahllokal zu sein habe, nämlich nicht später als eine Viertelstunde nach Öffnung, so kümmerten die Wahlen am Theater niemanden. Nachdem der Karl-Marx-Orden an Ceauşescu verliehen worden war,257 hatte selbst Jonas mit Parteiaustritt gedroht.

Am Wahlsonntag war schönstes Maiwetter. Wir holten die Räder heraus und machten einen Ausflug. Ich kann Ihnen kaum eine Vorstellung von jenem Schaudern geben, das mich früher auf dem Weg zum Wahllokal begleitete. Wie auch immer man sich zu tarnen versuchte, man sah es jedem an — und jeder sah es einem selbst an —, daß der Weg zur Wahlurne führte. Das Anstehen vor dem Wahllokal funktionierte wie ein Pranger.

Wir machten ein Picknick an einem See nahe Frohburg und kehrten erst nachmittags zurück — da waren kaum noch Wahlgänger unterwegs. Wir hatten uns gerade hingelegt, als es klingelte. Robert öffnete. Ich dachte, es sei sein Freund Falk. Eine Frau und ein Mann wollten uns sprechen, sagte Robert. Wir zogen uns wieder an.

Ich fühlte mich kampfeslustig! Mit ein paar klaren Worten wollte ich die Sache erledigen.

Die Frau war um die Fünfzig und wippte wie eine Turmspringerin auf unserem Treppenabsatz. Ihre hellrot geschminkten Lippen hielten ein altes Lächeln fest. Er war Mitte Dreißig, hatte schütteres dottergelbes Haar und trug eine schwarze Lederjacke. Um den linken Ellbogen lässig auf das Treppengeländer stützen zu können, mußte er sich lächerlich tief zur Seite neigen. Aus seiner Faust ragte ein Kuli. In der Rechten hielt er eine Mappe.

Er sprach, sie beobachtete unser Frage-Antwort-Spiel.

Nein, sagte ich, wir beabsichtigten nicht, bis 18 Uhr das Wahllokal aufzusuchen, nein, der Grund sei nicht die Lokalpolitik, nein, die zur Wahl stehenden Personen kennten wir nicht, sie interessierten uns nicht, wir hätten eine andere Vorstellung von Wahlen.

Ich mühte mich, mein Lächeln niederzureden. Doch auch Michaela und selbst der mit den dottergelben Haaren begannen zu lächeln. Und sogar die Frau versuchte vergeblich, ihre hellroten Lippen am Lächeln zu hindern. Er war inzwischen mit dem Ellbogen am Geländer abgerutscht.

Ob sie weitere Auskünfte wünschten, fragte Michaela und klang dabei so freundlich, als hätte sie ihnen ein Glas Wasser angeboten. Nein, sagte er, sie hätten keine weiteren Fragen. Sie seien uns dankbar, weil wir so offen mit ihnen gesprochen hätten, nun könnten sie im Wahllokal Bescheid geben, da brauchten die ehrenamtlichen Helfer nicht länger zu warten, und auch die fliegende Wahlurne müsse ja nicht zu uns geschickt werden.

«Dann haben Sie den Weg nicht ganz umsonst gemacht«, sagte ich. Und Michaela fügte hinzu:»Da können Sie wenigstens den Rest vom Sonntag genießen.«—»Ach, schön wär’s«, rief der Dottergelbe, lachte und klopfte mit dem Kuli auf seine Mappe. Fast hätten wir uns zum Abschied die Hand gereicht.

Michaela mußte Robert beruhigen, der mitgehört hatte und fürchtete, man würde ihn unseretwegen in der Schule aufrufen. Er weinte, warf sich aufs Bett und rief:»Warum macht ihr es denn nie so wie die anderen!?«Als es erneut klingelte, zuckte er zusammen. Diesmal war es sein Freund Falk.

Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich machen kann. Aber die Jämmerlichkeit der einen Seite machte die Jämmerlichkeit der anderen noch sichtbarer. Mit diesem Tag überfiel mich ein Gefühl absoluter Sinnlosigkeit. War es nicht absurd, sich jetzt wieder an die Novelle zu setzen? War sie nicht eine unfreiwillige Parodie? Überhaupt bekam alles, wie die Szene im Treppenhaus, einen Unterton, der zum Lachen reizte. Jegliche Emphase lief ins Leere, jede Geste, jedes Aufbegehren war überflüssig. Genauso unangemessen erschien mir der kühle Beobachterblick. Er war das Lächerlichste überhaupt, der größte Kitsch.258

Ich setzte mich an meine Rheinmetall und hämmerte drauflos. Ich verstand nicht, was ich da schrieb. Ich ahnte nur, daß es mit Literatur nichts mehr zu tun hatte.

Es war ein Abschied, ich selbst vertrieb mich aus dem Paradies. Oder sollte ich sagen, ich trieb mir das Ich aus, ich opferte meine Individualität, meine eigene unverwechselbare Stimme, sofern ich sie überhaupt besessen hatte.

Ich glaubte, das, was ich tat, tun zu müssen, um mich zu bestrafen. Und in mir geißelte ich auch alle anderen, das ganze Land, das ganze System. Was ich da fabrizierte, war Dreck, aber nichts anderes als Dreck verdiente ich, dieser Staat, diese Gesellschaft! Vielleicht, dachte ich, hat Duchamp ähnlich empfunden, als er sein Pissoir zum Kunstwerk erklärte. So wie ihn vielleicht die Gewißheit gequält hat, nie wieder einen Pinsel in die Hand nehmen zu dürfen, nie wieder vor die Staffelei zu treten und die Farben auf der Palette zu riechen, so fühlte ich mich bei meinem Ausbruch. Es war ein brutaler Exorzismus, zu dem ich mich gezwungen sah. Mit jedem Satz meiner Wahlgeschichte, einer primitiven Fäkalienorgie, entfernte ich mich weiter von Arkadien.259

Das, worüber ich mich empörte, waren nicht die widerwärtigen und ekelhaften Tatsachen, sondern daß sich diese widerwärtigen und ekelhaften Tatsachen nicht mehr auf herkömmliche Art mitteilen ließen, als mache jeder Versuch, die Wahrheit zu sagen und die Lüge Lüge zu nennen, die Unterscheidung nur noch schwerer.

Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking260 signalisierte mir vor allem eins: Die Welt würde bleiben, wie sie war. Ewig würde es so weitergehen. Etwas anderes hatte ich nicht erwartet — oder doch? Ich verstand gar nicht, wieso ich bei jener Schreckensnachricht eine gewisse Erleichterung empfand.

In der Spielzeitpause fuhren wir mit Auto und Zelt nach Bulgarien. In Achtopol am Schwarzen Meer, wo Robert beim Anblick eines gestrandeten Delphins weinte, kam ich auf die Idee, Nikolai Ostrowskis» Wie der Stahl gehärtet wurde«261 als Vorlage für ein bitterböses Opus zu nehmen.

Was in diesem Sommer tatsächlich geschehen war, wurde mir erst Ende August klar, zu Beginn der neuen Spielzeit. In der Dramaturgie schlossen wir Wetten ab, wer wieder zum Dienst antreten würde und wer bereits weg sei. Max, unser Jean, und seine Familie waren nach Ungarn gefahren. Er galt allgemein als Favorit fürs Abhauen. Max begriff dann gar nicht, warum man ihn, der zu spät zur Eröffnungsversammlung gekommen war und im Foyer gewartet hatte, derart überschwenglich begrüßte. Auf merkwürdige Art mischten sich dabei Freude und Enttäuschung, ja sogar ein bißchen Verachtung war dabei, als hätte man ihm mehr zugetraut.

Zur selben Zeit hatte es zwischen Michaela und mir Streit gegeben oder, besser gesagt, eine Verstimmung. Obwohl Michaela schon fünfunddreißig wurde, wünschten wir uns ein gemeinsames Kind.262 Früher, sagte sie, sei sie beim Anblick des Blutes wie erlöst gewesen, heute deprimiere er sie bei jedem Mal mehr. Jede neue Menstruation geriet mir zum Vorwurf. Michaela bestand darauf, daß ich mich untersuchen ließe. Ich fand das demütigend, aber darüber zu diskutieren hätte noch mehr kaputtgemacht. Die Untersuchung war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mit einem Becher stand ich auf der nach Desinfektionsmitteln stinkenden Toilette und wußte auf einmal nicht, an welche Frau ich denken sollte. Eine Woche später überreichte ich Michaela mein Zertifikat.»Komisch«, sagte sie, und das blieb auch ihr einziger Kommentar dazu.

Ihr Enrico T.

Montag, 21. 5. 90

Lieber Jo!

Heute früh klingelte es bei uns Sturm. Vor der Tür standen Schwarz und Blond, zwei mir bekannte Polizisten. Ich fragte, ob sie unsere Wohnung durchsuchen wollten.263»Heute nacht«, sagten sie, ohne eine Miene zu verziehen,»wurde in Ihrer Zeitung eingebrochen!«