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Als ich zurückkam, fragte Kurt, der sonst nie etwas sagt, ob es denn schön gewesen sei mit Ilona, wobei er mir, durchaus anerkennend, zunickte.

An Kurt sah ich sie zuerst, eine jener bombastischen Uhren, von denen der Baron einen ganzen Karton mitgebracht hat. In ihrer Originalversion sollen sie mehrere Hunderte, wenn nicht gar Tausende kosten, er aber bezieht sie für neun DM das Stück. Sie sind gedacht als Prämien für ein neues Abonnement: Wer das» Altenburger Wochenblatt «bis zum 1. Juli bestellt und die 45,90 Mark im voraus bezahlt, bekommt eine Uhr — solange der Vorrat reicht.

Es geht darum, uns ein kleines Polster anzulegen, damit wir über den Juli kommen. Wenn nur tausend Leute dieses Angebot annehmen, wären das immerhin 45 900 Mark, abzüglich der 9000 DM für die Uhren.

Bis zum Abend hat der Schlosser alle Türen wieder halbwegs in Ordnung gebracht. Wir haben auch gleich die Tür der Alten mitmachen lassen.

Sei umarmt, Dein Enrico

PS: Ich habe gestern zwei Stunden lang gerechnet und ein Papier verfaßt, meine zehn Thesen, die ich morgen verteilen werde. Wir müssen handeln. Wenn wir einfach nur so weitermachen wie bisher, sind wir erledigt. Marion — die mir vorwirft, eine Anzeige aus Südafrika angenommen zu haben266 — meinte, diese Klinkenputzerei um Anzeigen sei entwürdigend, ja menschenverachtend, insbesondere für Frauen. Das grenze schon an Prostitution. Gerade ich müsse doch die Diskrepanz spüren zwischen dem, was uns wichtig sei, weshalb wir überhaupt eine Zeitung machten, und dem, was ich da plane. Als ich schwieg, setzte sie nach, ob ich mir solche Hausierer in Sachen Reklame auf dem Theater oder in der Literatur anders denn als unglückliche Gestalten vorstellen könne. Ich weiß nicht, ob sie, als sie es aussprach, ihren Fehler bemerkte267 oder ob sie verstummte, weil Manuela268 in der Tür erschien, strahlend.

Himmelfahrt, 24. 5. 90

Liebe Nicoletta!

Ich hoffe sehr, daß meine Überlegungen zu den Nöten des Schreibens Sie nicht langweilen. Aber mein Wohl und Wehe hingen vom Schreiben ab. Wäre dieses ein Irrtum, so wäre ich selber einer.

Die Platitüde, beim Schreiben vergewissere man sich der Welt, erfüllte ich mit Leben. Mit anderen Worten: Solange es Blasphemiker gibt, braucht man sich um Gott keine Sorgen zu machen. In meinem Fall hieß das: Solange es mir gelang, reinen Herzens weiterzuwüten, mußte da draußen etwas existieren — Großwild, das Monströse, der real existierende Sozialismus, das andere, wie immer Sie es nennen wollen.

Sie sehen, wie dünn das Eis bereits war, auf dem ich mich bewegte. Alle Sicherheit reduzierte sich auf ein reines Herz. Sie können es auch Stilgefühl nennen oder Sinn für das Angemessene.

Michaela fand die Ausgeburten meiner Verzweiflung amüsant, nahm sie aber nicht sonderlich ernst und quälte mich weiter mit ihren Vorschlägen für das Paulini-Stück. Geronimo hat nie ein Wort darüber verloren. Vera hingegen schickte mir ein Glückwunschtelegramm. Sie glaubte, gerade die Preisgabe des Ichs werde mir zu einer solitären Stellung verhelfen. Ich hätte damit eine Abkürzung auf dem Weg zu Ruhm und Ewigkeit entdeckt. Ich fürchte, sie glaubt das weiterhin. Noch Anfang Januar hat sie mir versichert, daß ich ein» unsterbliches Spiel «besäße, meine Kunst, nur dafür lohne es sich, zu leben und zu leiden, auch sie habe schon seit langem ihr Leben darauf gesetzt, auf das Talent ihres Bruders.269

Verzweiflung wechselte mit Euphorie. Heureka! jubelte ich, weil ich der Überzeugung war, meine Methode weiterentwickelt und radikalisiert zu haben. (Auf dem Klo bemerkte ich zu spät, daß Papier fehlte, und griff mir eine herumliegende Zeitung. Als ich die Toilette verließ, fehlte einer Kolumne der schräg abgerissene Schlußteil. Der Rest ergab durch seine kürzer werdenden, mit verstümmelten Worten endenden Zeilen ein abgewürgtes Gestammel, das ich ergreifend fand. Die vorletzte Zeile bestand nur aus einem» mu«, die letzte aus einem» t«. Diese zufällige Auflösung von Personen, Dingen und Ideen in der Sprache hätte ich bewußt niemals so überzeugend darzustellen vermocht. Da ich mich beim Abtippen an die Zeilenlänge der Kolumne hielt, zog ich am Ende ein Blatt aus der Maschine, auf dem ein Gedicht zu stehen schien.) Kaum aber hielt ich mein Produkt in der Hand, versank ich in Melancholie. Wohin sollte mich diese Reduktion führen?

Das war zwei Tage bevor die Ungarn die Grenzen öffneten.270 Bisher hatte ich die Ungarnurlauber, so gut es ging, ignoriert. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, vielleicht einen Kompromiß, der sie zurückkehren ließ, doch keinesfalls die Öffnung der Grenze! Ein dauerhaftes Loch in der Mauer war unvorstellbar. Michaela verlangte, wir sollten darauf anstoßen. So trank Robert sein erstes Glas Wein auf das Wohl der Ungarn.»Vielleicht«, sagte Michaela,»wird es ja noch was mit Westberlin!«

Ich korrigierte sie nicht, weil mir das Mißverständnis zu grundlegend erschien.

Norbert Maria Richter, der Regisseur von Nestroys» Freiheit in Krähwinkel«, versuchte zur selben Zeit, mich durch einen anderen Dramaturgen zu ersetzen. Unsere Differenzen seien unüberbrückbar.

Noch im Juni wollte Norbert Maria Richter aus» Krähwinkel «eine Art» Ritter der Tafelrunde«271 machen, eine Farce auf die verratene Revolution, auf die zu Bonzen gewordenen Revolutionäre, auf die Geschichte, die sie sich in ihrer Erinnerung schönlügen. Und das alles mit viel Show.

Jetzt, im September, glaubte Norbert Maria Richter im Stück den Geist der Revolution entdecken zu können.

Schon weil es dieser Norbert Maria Richter war, durch den ich von der Gründung des» Neuen Forums «erfuhr, er sprach» von einem bedeutenden Schritt in Richtung Demokratisierung der Gesellschaft«, wollte ich damit nichts zu tun haben.

Allerdings legte mir noch am selben Tag Ramona, meine Kollegin, ein paar ausgefüllte Anträge auf Mitgliedschaft im» Neuen Forum «auf den Tisch. Michaela habe ihr versprochen, die Anträge nach Halle zu einer Kontaktadresse zu bringen.

Mir blieb keine Wahl; ich mußte selbst einen dieser Zettel mit Name und Anschrift ausfüllen. Ich wußte, welche Dummheit ich damit beging, welche Kinderei das war. Jetzt spielte auch ich» Opposition«. Genau dieser Zettel würde mir über kurz oder lang in einem Verhör wieder vorgelegt werden.

Michaela hingegen benahm sich nicht wie eine, die ihre Existenz und das Glück ihres Kindes gefährdete, sie wirkte eher, als hätte sie endlich die richtige Rolle am richtigen Theater bekommen.

Am letzten Montag im September, dem Tag, an dem wir nach Halle fahren sollten, fand ich die Anträge nicht mehr in meiner Tasche. Ich durchwühlte meinen Schreibtisch im Theater, durfte mir aber wegen meiner Kolleginnen nichts anmerken lassen. Der Gedanke, Michaela und die anderen durch meine Unachtsamkeit ans Messer geliefert zu haben, war unerträglich.

Ich fuhr nach Hause, ich konnte kaum sprechen.»Sie sind weg«, japste ich,»die Anträge sind weg!«