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Michaela hatte sie aus meiner Tasche genommen, um sich die Adressen der anderen abzuschreiben.

Auf der Fahrt sahen wir mehrere Polizeiwagen, doch der höchst unwahrscheinliche Fall, wir — Robert war mitgekommen — könnten herausgewinkt und durchsucht werden, hatte alle Schrecken verloren.

Michaela freute sich, jemanden mit dem Namen Bohley kennenzulernen, offenbar eine Verwandte von Bärbel Bohley272. Außer der funktionierenden Klingel und dem Namensschild am Briefkasten deutete nichts darauf hin, daß das Haus noch bewohnt war. Der ganze Straßenzug schien zum Abriß freigegeben. Michaela war enttäuscht. Wir beschlossen, später wiederzukommen, und fuhren ins Zentrum. Auf dem Markt liefen wir hin und her und bestellten in einer Milchbar die teuersten Eisbecher. Wir versuchten, Robert zu beschreiben, wie der Dom von Feininger gemalt aussieht, spazierten weiter zur Moritzburg und hinunter zur Saale. Michaela wollte weder zum Haus von Albert Ebert273 gehen noch Schuhe kaufen, obwohl sie welche sah, die ihr gefielen. Sie mochte nicht mit einem Einkaufspaket vor der Bohley-Tür erscheinen.274

Wir hatten dann wieder kein Glück. Michaela, die Antragszettel in der Hand, zögerte, sah von mir zu Robert und wieder zu mir, als wollte sie uns eine letzte Chance geben, sie vor einer Dummheit zu bewahren. Oder lag ihr daran, dem Augenblick eine gewisse Weihe zu verleihen, weil von nun an nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war? Lautlos verschwanden die Zettel im Briefkasten.

Im Auto sprachen wir kaum miteinander. Auf der Schnellstraße von Leipzig nach Borna glaubte ich, etwas ein für allemal hinter mich gebracht zu haben. Ich hatte mich nicht gedrückt, ich hatte unterschrieben — was ich weder leugnen noch widerrufen würde — und einen halben Tag dafür geopfert. Damit glaubte ich mich berechtigt, nun in Ruhe meine Arbeit fortsetzen zu dürfen. Sogar inmitten dieser Mondlandschaft, sogar in Espenhain war die Milde dieses Herbstes spürbar. Ich dachte an Kartoffelkrautfeuer, an die Wanderungen durchs Saubachtal bei Dresden zur Mühle mit ihrem riesigen Wasserrad und den mit Fallobst übersäten Chausseewegen, wo man trunken wurde vom Duft überreifer Pflaumen und Äpfel und der vor Wespen zitternden Luft. Ich dachte an die ersten Saisonspiele im Dynamo-Stadion, an die Festung Königstein und den Geschmack von Bockwurst und Faßbrause. Meine Dresden-Novelle erschien mir wie ein geliebtes Buch, das ich schon lange nicht mehr gelesen hatte.

Am nächsten Tag war es Jonas, der Intendant, der mir, als wäre er zufällig dort gewesen, von Leipzig erzählte. Zehntausend seien es gewesen, zehntausend Demonstranten! Wie gern hätte ich ihm die Mär, das seien alles Antragsteller275, geglaubt, aber zehntausend waren zuviel, viel zuviel!

Michaela erzählte, daß auf dem Dach der Leipziger Post Kameras installiert gewesen seien. Alles, was sie von Max erfahren hatte, gab sie wieder, als wollte sie sagen:»Und, was hast du während dieser Zeit gemacht? Wo bist du gewesen?«276

Was ich an der Demonstration so lächerlich fand, war ihr Feierabendcharakter. Erst macht man gewissenhaft seine Arbeit, danach geht man demonstrieren, aber nicht zu lange, denn am nächsten Morgen will man pünktlich und mit regenerierter Arbeitskraft wieder im Betrieb sein.

Am Mittwoch kaufte Michaela ein neues Radio.

Norbert Maria Richter hatte für den nächsten Montag eine Abendprobe angesetzt. Michaela hielt das für ein Alibi, für eine Pro-forma-Ankündigung. So, wie sich Norbert Maria Richter gab und wie er auf Max’ Erzählungen reagiert hatte, mußten sie annehmen, er fahre als erster nach Leipzig. Norbert Maria Richter aber dachte nicht im Traum daran. Michaela nannte ihn einen falschen Hund. Was sie zu sagen hätten, so Norbert Maria Richter, könnten sie am besten hier, auf der Bühne sagen. Dieser Freiraum sei ein Privileg, das sie im Sinne der Zuschauer zu nutzen hätten, eine Verantwortung, die wahrzunehmen sei und nicht leichtfertig vertan werden dürfe.

Wer Aufruhr spiele, soll die Petrescu in bester Stanislawski-Tradition interveniert haben, komme nicht drum herum, ihn zu studieren. Gerade aus schauspielerischer Redlichkeit sei es eine Pflichtverletzung, wenn sie diese Gelegenheit ungenutzt ließen. Sonst würden wir, also die Theaterleute, eines schönen Tages vom Publikum darüber aufgeklärt, wie Aufruhr und Revolution aussehen. Norbert Maria Richter sprach von Rücksichten gegenüber jenen, die anders darüber dächten, und wie notwendig es gerade jetzt sei, Disziplin zu wahren und sich durch gute Arbeit unangreifbar zu machen.

Michaela kündigte an, sich krank schreiben zu lassen. Wenn in den Nachrichten von den Prager Botschaftsflüchtlingen die Rede war, verstummten wir, und Michaela machte eine Geste, die sagen sollte: Da hörst du es ja, wir müssen nach Leipzig!

Am Montag mittag kam Michaela in die Dramaturgie. Sie wolle nur sagen, daß niemand nach Leipzig fahre. Da stand sie, Frau Eberhard Ultra, die Anführerin der Revolutionäre, in Waden- und Knöchelwärmern, mit ihrem Tuch über der Schulter.»Es ist alles so absurd«, sagte sie,»ich schäme mich so!«

«Dann fahr ich allein«, sagte ich, als wäre das die einzig mögliche Antwort.

Natürlich hatte ich keine Lust. Aber es mir entgehen zu lassen wäre blamabel gewesen. Würde es überhaupt noch einmal eine Demonstration geben, dann an diesem Montag, dem letzten vor dem 7. Oktober277.

Kaum hatte ich das gesagt, wollte mich Michaela nicht mehr fahren lassen. Immer wieder sprach sie von Krenz, der sei doch gerade erst in China gewesen, man wisse doch, was das zu bedeuten habe.278

Man könne nicht zehntausend Leute über den Haufen schießen, jedenfalls nicht in Leipzig, und verhaften ließen sie sich auch nicht. Das Auto, sagte ich zum Schluß und gab ihr das zweite Paar Schlüssel, würde ich in der Nähe des Bayerischen Bahnhofs abstellen.

Nach unserem Abschied ging Michaela sogar auf den Balkon und winkte mir nach.

Die Sonne blendete, die späte Wärme ruhte wie ein göttlicher Segen auf diesem Tag. Die Landschaft im Rückspiegel war das Paradies, in das ich nach dieser letzten Prüfung, erfüllt von unzähligen Beobachtungen und Empfindungen, zurückkehren würde.

Gegen vier war ich in der Deutschen Bücherei, bestellte ein paar Titel über Nestroy und fand im Lesesaal einen freien Einzeltisch. Die kaputte Lampe störte mich nicht, im Gegenteil. Mir genügte es, hier sitzen zu dürfen, in diesem Asyl, dieser Arche.

Vor mir lag das Textbuch von» Freiheit in Krähwinkel«. Wenn ich den Ärmel von der Uhr zurückstrich, berührten mich meine kalten Finger wie die eines Fremden.

Ich glaubte, meine Absicht zu verraten, wenn ich Punkt fünf den Saal verließ. Also harrte ich ein paar Minuten länger aus, erkundigte mich nach den bestellten Büchern und ging auf die Toilette. Wer wußte schon, wann das wieder möglich sein würde.

Nachdem ich das Auto am Bayrischen Bahnhof abgestellt und meine polnische Ledertasche im Kofferraum verstaut hatte, schlang ich mir einen leeren Beutel ums Handgelenk, als wollte ich einkaufen.

An einer Fußgängerampel traf ich Patrick, Norbert Maria Richters Regieassistenten.»Schwänzt du?«rutschte es mir heraus. Er antwortete wie ein ertappter Schüler und vermied es, mich anzusehen. Die Frau neben ihm stellte er mir als seine Verlobte Ellen vor.

Wir gingen gerade am Gewandhaus vorbei, als ich zum ersten Mal die Sprechchöre hörte. Ich verstand sie nicht.»Stasi raus«, wiederholte Patrick wie jemand, der etwas zitieren muß, das ihn geniert; er hätte es nicht sanfter sagen können.

Ellen hatte nur bis sieben Zeit. Um acht begann in Connewitz279 ihr Klavierunterricht. Sie und Patrick mutmaßten darüber, ob und ab wann wieder Straßenbahnen fahren würden. Selbst wenn sie zu Fuß gehen müsse, sei Viertel acht ausreichend, sagte er, andernfalls verpasse sie das Beste. Ich hielt es für unangebracht zu fragen, was er unter» dem Besten «verstand.