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Ich betrachtete jeden in meiner Nähe von Kopf bis Fuß. Wie ein aufgeregter Hund irrte mein Blick von einem zum anderen, denn jetzt, kurz vor sechs und nahe der Nikolaikirche, konnte es doch niemanden mehr geben, der tatsächlich einkaufen ging oder einfach nur von der Arbeit kam.

Noch am Krochhaus schien nichts auf das Ungeheuerliche hinzudeuten, obwohl ununterbrochen Parolen skandiert wurden.

Auf dem Platz vor der Nikolaikirche standen sie dicht an dicht. Wir kamen nicht weiter und reckten die Hälse. Mir reichte das vollkommen. Ellen jedoch wand und schlängelte sich zwischen den Leuten hindurch, man machte ihr Platz wie einer Kellnerin. Sie wäre weiter vorgedrungen, hätte Patrick nicht einen Bekannten getroffen. Ohne unsere Namen zu nennen, gaben wir uns die Hand.

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen. Ich weiß nicht mal mehr, woran ich die Gruppe erkannte, die jene Ungeheuerlichkeiten riefen. War dort mehr Licht? Waren es erhobene Arme? Das Bild, das ich heute von dem Platz vor der Nikolaikirche habe, läßt sich mit dem damaligen nicht zur Deckung bringen. Wie Traum oder Vision erscheinen mir heute die Leute, die Dunkelheit, die warme Luft und jene untergründige Bewegung, die von jener Gruppe ausging.

Statt jedes Detail, jede Schwingung zu registrieren, empfand ich immer weniger. Dabei war ich überzeugt, Historisches zu erleben. Selbst wenn der Budenzauber im nächsten Moment vorbei sein sollte — der Platz war leicht abzuriegeln —, wäre es dennoch der gewaltigste Protest nach 1953 gewesen. Man würde sich bald des 2. Oktober in ähnlicher Weise erinnern wie des 17. Juni.

Die Dämmerung und das dichter werdende Gedränge erleichterten die Ausbreitung der Sprechchöre.

Ich war bereit, jene, die dort im Epizentrum die Rufe erfanden und vorgaben, als Leittiere anzuerkennen und zu bewundern. Aber glaubten sie tatsächlich, sie könnten etwas ändern?

Der Ruf» Neues Forum zulassen «war ein kleines metrisches Kunstwerk, dessen drei letzte Silben wie Fäuste gegen ein Tor schlugen. Mich berührte das eigenartig, als kämpften jene Schreihälse für mich, dafür, meine Mitgliedschaft zu legalisieren. Die Sprechchöre hallten von den Hausfassaden wider. An der Peripherie merkten sie zu spät, wenn sie im Zentrum bereits schwiegen oder eine neue Parole ausgaben.»Neues Forum zulassen«, brüllte Patricks Freund direkt neben uns. Ich gestehe — mir war das peinlich. Obwohl — er hatte seinen Teil getan, ich würde dergleichen nie über die Lippen bekommen.

Im selben Moment, da sie zum ersten Mal» Los-lau-fen!«riefen, glaubte ich Stiefelgetrappel zu hören — es war aber nur eine Schar Tauben, die vom Dach aufflog. Gern wäre ich losgelaufen — die Leute neben mir fielen schon in die Sprechchöre ein —, doch wir steckten mittendrin fest. Einen Moment später waren Ellen und Patrick spurlos verschwunden.

In der Fußgängerzone war kaum zu entscheiden, wo die Demonstration aufhörte und der Alltag begann. Ebenso unklar blieb, welchen Weg die Demonstration einschlagen würde.

In der Hoffnung, Patrick und Ellen wiederzufinden, drückte ich mich an ein Schaufenster. Und erst da begriff ich: Das ist eine Demonstration, hier demonstrieren Leute. Ich brauchte nur ein paar Schritte nach vorn zu machen und dann weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen. So einfach ist es also, an einer illegalen Demonstration teilzunehmen, dachte ich.

Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, wie wir zum Bahnhof kamen, ob wir bereits vor der Oper abgebogen waren oder erst auf der Ringstraße. Die späteren Bilder überlagern die frühen. Ich sehe uns noch zwischen Häusern, vor Schaufenstern, wie eine Nebendemonstration, die darauf wartet, sich dem Hauptstrom anschließen zu können. Ein Transparent, das zusammengewickelt nicht größer als eine Rangierflagge war, wurde über den Köpfen weitergereicht,»Visafrei bis Shanghai«. Ich sah darin eine Methode, die Fingerabdrücke auf den Stäben zu verwischen. Gerade als es an mir war, den Arm auszustrecken und ein Ende zu übernehmen, brach ein» Gorbi, Gorbi!«-Sprechchor über uns herein. Ich sah zu Boden und hoffte, es möge schnell vorbei sein.

Die Straßenbahngleise zu betreten kostete mich einige Überwindung. Die Bahnen waren stehengeblieben. Ein Fahrer hielt die Arme verschränkt und sah ausdruckslos auf mich herab.»Reiht euch ein«280 wurde skandiert. Die Leute in dem erleuchteten Wagen, die Stirn an der Scheibe, betrachteten uns wie Figuren in einem öden Film.»Reiht euch ein!«Sie werden das Lied kaum kennen — wir mußten es im Musikunterricht singen —, der Refrain heißt:»Drum links, zwei, drei, drum links, zwei, drei / Wo dein Platz, Genosse, ist / Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, / Weil du auch ein Arbeiter bist!«Daher, aus diesem Lied, stammte ihr» Reiht euch ein!«. Ist das nicht abgeschmackt?281

Dann der Kordon der Bereitschaftspolizisten. Ich habe Ihnen ja die Stelle gezeigt, wo sie die Straße abgeriegelt hatten. Instinktiv wich ich zum Rand aus. Mir schien es ein zu offensichtliches In-die-Falle-Gehen zu sein. Die Menge rückte auf, schob die vorderen Reihen praktisch dem Kordon in die Arme. Auf einen Schlag war wieder alles überschaubar geworden, wie auf dem Platz vor der Nikolaikirche, von dem sie uns erst gar nicht hätten herunterlassen dürfen. Nun würden sie ihren Fehler korrigieren.

Links, auf dem hohen Bordstein, stand eine ältere zierliche Frau, die Arme angewinkelt, halb Tänzerin, halb Adorantin. Erst als ich die Leinen sah, an denen sie zwei Pudel hielt, die vor Aufregung umeinandersprangen, erklärte sich mir ihre Haltung.

Die Leuchtschrift auf dem Neubau links, der die Straßensperre zu verlängern schien, verkündete» Bienvenu«,»Welcome«,»Dobro poshalowat«— Grüße aus einer anderen Zeit, da man Angenehmeres zu tun hatte, als mit Tausenden auf der Straße zu stehen, sich an Sprechchören heiser zu schreien und auf neue Einheiten der Bereitschaftspolizei zu warten. Kaum ein Fenster war erleuchtet. Standen die Bewohner hinter den Gardinen, saßen sie beim Abendbrot oder vor dem Fernseher? Ich beneidete sie. Das» Astoria«, der Bahnhof, diese Leuchtreklame erschienen mir wie die Kulissen eines vertrauten Stücks, in denen man zwischen zwei Vorstellungen einen Sketch probte.

Ich weiß bis heute nicht, warum wir eigentlich stehenblieben, warum wir den Kordon nicht umgingen oder uns einen ganz anderen Weg suchten. Boten wir Demonstranten nicht der Staatsmacht geradezu an, uns einzukesseln? Oder erhielt unser Spaziergang überhaupt erst durch diese Reihe Uniformierter einen Sinn?

Ich hatte genug gesehen und gehört. Ich machte die ersten Schritte in Richtung Freiheit, da begann in meinem Rücken ein neues» Schämt euch was! Schämt euch was!«. Das dritte» Schämt euch was!«— ja, ich schämte mich für diese kindischen Sprüche — war ohrenbetäubend und versetzte die Pudel in Raserei. Sie bellten und verhedderten sich in den Leinen. Plötzlich sprang mich der eine an, ich spürte die Krallen durch die Hose. Die Frau unternahm nichts. Sie gab sogar Leine nach, als ich zurückwich, dabei blickte sie mir ungeniert in die Augen. Über den Mundwinkeln war ihr Oberlippenbärtchen besonders dicht. Erst als das» Schämt euch was «verebbte, machte die Frau kehrt. Sie humpelte, die Pudel folgten ihr willig, die Leinen hatten sich auf wundersame Weise entwirrt.

Wenn ich schon blieb, wollte ich wenigstens etwas sehen, und so versuchte ich, möglichst weit vorzudringen. Man half mir, rief die Vorderleute beim Namen oder tippte auf ihre Schultern. Ich bewegte mich sehr langsam, um niemanden zu irritieren, nachdem ein Mann, fast noch ein Junge, meinetwegen zusammengezuckt und mitten im Ruf verstummt war.

Als ich den Kordon der sich untergehakt haltenden Uniformierten unmittelbar vor mir erblickte — soweit ich sah, waren sie unbewaffnet —, verstand ich nicht, warum wir uns von ihnen aufhalten ließen. Sie waren ein Nichts gegen uns. Die Gesichter unter den Schirmmützen lagen im Schatten. Es fiel schwer, überhaupt einen Ausdruck zu erkennen.